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Ihr Sohn Mustafa ist nun zehn Jahre alt. Seit wann ist er schon krank?
Die Erkrankung begann schon wenige Monate nach der Geburt. An Mustafas Bein
entwickelte sich etwas, das wie eine Narbe aussah. Ein Arzt entfernte das und
stellte fest, dass es sich um ein Hämangiom handelte. Später traten immer mehr
solcher Veränderungen am Körper von Mustafa auf. Dann entwickelte er eine Anämie
und niemand wusste, warum. Er brauchte bereits als Baby alle drei Monate
Blutkonserven.
Was haben Ihnen die Ärzte
über mögliche Ursachen dieser Erkrankung gesagt?
Am Anfang sagten sie mir nichts,
aber später meinten sie, es würde sich um einen harmlosen Krebs
handeln. Und dass der Krieg 1991 die Ursache sei, aufgrund von
chemischen Einwirkungen und infolge der radioaktiven Munition,
die bei uns eingesetzt worden ist. Unsere Luft wäre verpestet
gewesen, meine Frau war 1993 mit Mustafa schwanger.
Seit wann wussten Sie,
dass es eine Möglichkeit zur Behandlung gibt?
Ich habe von Anfang an geglaubt,
dass mein Sohn im Ausland behandelt werden könnte. Aber als
unsere Kinderärztin, Dr. Jenan, von einem Trainingsaufenthalt
aus Österreich zurückkehrte (Ende 2002), sagte sie mir, dass man
dort diese Erkrankung behandeln könnte. Von da an hatten wir die
Hoffnung, dass mein Sohn nach Österreich kommen könnte, denn wir
hatten inzwischen vernommen, dass dieses Land zu den besten
gehört, was diese Behandlung betrifft.
Haben Sie auch andere
Hilfsorganisationen kontaktiert?
Aber ja, wir haben alles
versucht. Bei einer Hilfsorganisation wurden wir nicht einmal
eingelassen. Im Vorzimmer sagte man uns, man wäre da, um Schulen
zu renovieren und andere Einrichtungen für Kinder, aber nicht
für medizinische Behandlungen. Eine andere NGO nahm alle Befunde
und wir hörten nichts mehr von den Leuten. Eine Ärztin vom
Talimi-Krankenhaus in Basra arbeitete mit einer weiteren
Organisation zusammen. Diese Leute versprachen, dass unser Kind
nach Österreich zur Behandlung kommen sollte, dann hieß es, es
käme nach Italien und schließlich nach Jordanien. Wir haben alle
Dokumente für die jeweiligen Länder vorbereitet, aber es gab
keine definitive Zusage. Und schließlich hat diese Organisation
Anfang Mai d.J. ihr Büro in Basra geschlossen. Wir haben es auch
beim Gesundheitsministerium in Bagdad versucht, aber da hörten
wir, dass man die Organisationen selbst kontaktieren müsse. Das
Ministerium könne nicht helfen.
Da waren wir nur mehr
verzweifelt. Sie müssen sich vorstellen, Mustafas Situation hat
sich immer mehr verschlechtert, er braucht immer mehr
Blutkonserven. Derzeit sind es zwei pro Woche, wir mussten fast
täglich mit ihm ins Spital und wir haben noch drei andere
Kinder.
Wie kam es schließlich zum
Kontakt mit SAAR?
Diesen Kontakt hat Frau Dr.
Jenan hergestellt und als Frau Dr. Hobiger im Juni in Basra war,
erhielten wir von ihr die Zusage, dass Mustafa nach Österreich
kommen könnte. Aufgrund unserer Erfahrungen waren wir zunächst
skeptisch, aber dann erhielt ich Ende Juli ein e-mail, dass ich
mich für die Abreise Mitte August vorbereiten solle. Als mich
dann aber Ing. Bashar aus Wien anrief und mir mitteilte, dass
ich in wenigen Tagen nach Österreich reisen könnte, konnte ich
es zunächst nicht fassen. Aber dann war ich überglücklich und
habe mit meiner Familie ein Fest gefeiert. Ich bin zur Moschee
gegangen und habe dort davon erzählt und alle haben mir
gratuliert und haben sich mit uns gefreut.
Wie war die Reise von
Basra nach Linz und wie lange hat sie gedauert?
Wir sind am Dienstag, den 10.
August von Basra weggefahren und kamen am Sonntag in Linz an,
also waren wir sechs Tage unterwegs. Von Basra fuhren wir nach
Bagdad und ich wäre gerne gleich weitergefahren, aber aufgrund
der schlechten Sicherheitslage konnten wir das nicht. So brachen
wir erst am nächsten Morgen nach Damaskus auf. Die Fahrt war
problemlos, auch an der Grenze gab es keine Schwierigkeiten. Auf
der österreichischen Botschaft waren alle so freundlich zu uns
und wir haben bereits nach 10 Minuten unsere Visas erhalten.
Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Am selben Tag bekam ich auch
die Flugtickets und sollte am Freitag nach Wien fliegen. Da gab
es ein technisches Problem (Anm.: Streik der AUA) und der Flug
fiel aus und wir mussten noch eine Nacht in Damaskus bleiben.
Ich begann mir Sorgen um Mustafa zu machen, denn er braucht ja
ständig Blutkonserven und so ging ich sogar in ein Spital, um
sein Blutbild kontrollieren zu lassen. Aber zu meinem Erstaunen
war es relativ gut. Das hat wohl die Freude bewirkt. Am nächsten
Tag bekamen wir entgegen aller Erwartungen doch Flugtickets und
konnten nach Wien fliegen. Es ist dies meine erste Reise ins
Ausland und ich habe mich im Flugzeug schon etwas gefürchtet,
aber Mustafa war sehr tapfer, er hatte überhaupt keine Angst.
Und wie fühlen Sie sich
jetzt, wo Sie endlich hier in Österreich sind?
Während des Fluges habe ich ein
Wort auswendig gelernt, damit ich es Euch sagen kann: „Mein
Glück ist nun vollendet!“ Es ist vollendet allein deswegen, dass
wir nun hier sind, denn noch habe ich ja nur die Hoffnung, dass
meinem Sohn geholfen werden kann. Sicher kann ich noch immer
nicht sein. Aber allein die Tatsache, jetzt hier zu sein und
diese Hoffnung haben zu dürfen, macht mich unendlich glücklich
und ich danke Gott und Euch dafür.
Wie ist die medizinische
Lage in Basra derzeit?
Unbeschreiblich. Ich kenne alle
Spitäler in Basra, schließlich sind wir fast täglich dort. Es
mangelt einfach an allem, es gibt kaum Medikamente, es gibt
keine Venenkanülen. Wenn es einmal welche gibt, sind sie von
sehr schlechter Qualität. Das Kinderspital quillt über von
kranken Kindern, aber die Unterstützung, die das Spital erhält,
ist einfach viel zu wenig. Die Verteilung der Medikamente ist
schlecht. Es gibt so viele gefährliche Krankheiten bei uns und
aufgrund der jetzigen Lage können die Menschen nicht behandelt
werden. Es gibt auch keine modernen medizinischen Apparate und
man muss sehr lange auf Untersuchungen warten. Es gibt zum
Beispiel keine Endoskope für Kinder und so musste die
Darmspiegelung meines Sohnes mit einem Gerät für Erwachsene
gemacht werden. Es gibt unzählige asthmakranke Kinder in Basra,
ich weiß nicht warum, aber es leiden so viele daran, vor allem,
wenn es sehr heiß ist. Es gibt nur zwei Inhalatoren im Spital in
der Notaufnahme und am Gang steht ständig eine Schlange von
Müttern mit ihren Kindern, die nach Luft ringen und darauf
warten, dass sie das Medikament inhalieren können. Leider gibt
es keine Hilfsorganisationen mehr in Basra, mit Ausnahme von
Euch.
Und wie ist die allgemeine
Lage in Basra?
Was soll ich sagen? Wo soll ich
anfangen? Also was das Wasser betrifft: Das Leitungswasser
können wir nicht trinken, wir können es nur zum Waschen
verwenden, aber oft gibt es das auch nicht. Ansonsten kommt
zweimal pro Woche ein LKW mit einem Tank in unser Wohnviertel
und die Leute füllen das Wasser selbst in ihre Flaschen. Sie
müssen dafür bezahlen, aber der Preis ist mit 5 Dinar pro Liter
nicht hoch. Aber das Wasser ist natürlich lange nicht genug für
alle. Wir sind relativ gut dran in unserem Viertel, in anderen
Bezirken von Basra ist sie Situation viel, viel schlimmer. Die
Stromversorgung ist jetzt etwas besser, wir haben abwechselnd
drei Stunden Strom und drei Stunden nicht.
Die Kriminalität ist verglichen
mit der Zeit unmittelbar nach dem Krieg deutlich zurückgegangen,
aber sie ist noch immer sehr hoch. Wenn man nachts ins Spital
fahren muss, ist es sehr gefährlich. Wir versuchen, das Haus
nachts nicht zu verlassen. Die irakische Polizei und die
britischen und dänischen Truppen können leider auch nicht
verhindern, dass immer wieder Anschläge passieren.
Gab es Verbesserungen nach
dem Krieg?
Nach dem Zusammenbruch des
Regimes war unser Leben am Nullpunkt angelangt, denn alle
öffentlichen Einrichtungen waren geplündert worden und viele
Geschäfte und Privathäuser. Es gab keine Armee, keine Polizei
und niemanden, den wir um Schutz bitten konnten. Jetzt wird
wieder Öl gefördert, Firmen wurden notdürftig wieder in Betrieb
genommen. Man hat begonnen, Schulen zu renovieren, aber nur
äußerlich. Es fehlt an der Einrichtung, oft müssen sich vier
Kinder einen Sessel in der Schule teilen. Wir würden dringend
mehr Schulen brauchen, denn statt den vorgesehenen 200 Kinder
sind in einer Schule 600 Kinder.
Für diejenigen, die Arbeit
haben, hat sich die finanzielle Lage sicher gebessert. Während
Saddams Zeit waren die Gehälter fast Null. Wir konnten uns nicht
einmal einen Kühlschrank leisten, Sie müssen sich vorstellen:
das bei der Hitze, die bei uns im Sommer herrscht! Selbst die
Leute, die Arbeit hatten, konnten ihre Kinder nicht mehr
ernähren. Das ist jetzt besser, wenn man Arbeit hat, verdient
man deutlich besser als früher. Leider herrscht eine enorme
Arbeitslosigkeit bei uns. Was die Sicherheitslage betrifft, was
Strom und Wasser betrifft: alles das ist jetzt viel schlechter
als früher.
Was verdient z. B. ein
Polizist jetzt?
Ungefähr 220 Dollar im Monat.
Das Geld war auch der Beweggrund für die meisten, sich zur
Polizei zu melden. Das sind fast alles Leute, die früher
arbeitslos waren. Das ist für sie relativ viel Geld und dafür
sind sie auch bereit, das hohe Risiko zu tragen.
Wie sehen die Leute die
fremden Soldaten im Land?
Am Beginn haben wir die
Amerikaner und die Briten nicht als Besatzer empfunden, wir
haben viele Hoffnungen in sie gesetzt. Aber als sie tatenlos
zusahen, wie alles ausgeplündert wurde, haben die Leute ihre
Meinung geändert. Sie müssen sich vorstellen: wenn diese
Plünderungen nicht gewesen wären, wir hätten nach wenigen Tagen
unser normales Leben wieder aufnehmen können. So aber standen
wir alle vor dem Nichts und wir mussten täglich um unser Leben
fürchten. Die Amerikaner haben viel versprochen, wir haben viel
von ihnen erwartet, aber sie haben uns sehr enttäuscht, denn sie
haben sehr wenig für uns getan.
Was erwarten Sie von der
Zukunft?
Wir haben aufgehört, große
Erwartungen zu haben. Aber ich hoffe noch immer, dass unser
Leben besser wird, ganz besonders wenn es eine vom Volk gewählte
Regierung gibt. Uns bleibt nur die Hoffnung.
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