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Interview mit dem Vater eines unserer Patienten
Linz, 15. August 2004

 
 

 
Ihr Sohn Mustafa ist nun zehn Jahre alt. Seit wann ist er schon krank?

Die Erkrankung begann schon wenige Monate nach der Geburt. An Mustafas Bein entwickelte sich etwas, das wie eine Narbe aussah. Ein Arzt entfernte das und stellte fest, dass es sich um ein Hämangiom handelte. Später traten immer mehr solcher Veränderungen am Körper von Mustafa auf. Dann entwickelte er eine Anämie und niemand wusste, warum. Er brauchte bereits als Baby alle drei Monate Blutkonserven.

Was haben Ihnen die Ärzte über mögliche Ursachen dieser Erkrankung gesagt?

Am Anfang sagten sie mir nichts, aber später meinten sie, es würde sich um einen harmlosen Krebs handeln. Und dass der Krieg 1991 die Ursache sei, aufgrund von chemischen Einwirkungen und infolge der radioaktiven Munition, die bei uns eingesetzt worden ist. Unsere Luft wäre verpestet gewesen, meine Frau war 1993 mit Mustafa schwanger.

Seit wann wussten Sie, dass es eine Möglichkeit zur Behandlung gibt?

Ich habe von Anfang an geglaubt, dass mein Sohn im Ausland behandelt werden könnte. Aber als unsere Kinderärztin, Dr. Jenan, von einem Trainingsaufenthalt aus Österreich zurückkehrte (Ende 2002), sagte sie mir, dass man dort diese Erkrankung behandeln könnte. Von da an hatten wir die Hoffnung, dass mein Sohn nach Österreich kommen könnte, denn wir hatten inzwischen vernommen, dass dieses Land zu den besten gehört, was diese Behandlung betrifft.

Haben Sie auch andere Hilfsorganisationen kontaktiert?

Aber ja, wir haben alles versucht. Bei einer Hilfsorganisation wurden wir nicht einmal eingelassen. Im Vorzimmer sagte man uns, man wäre da, um Schulen zu renovieren und andere Einrichtungen für Kinder, aber nicht für medizinische Behandlungen. Eine andere NGO nahm alle Befunde und wir hörten nichts mehr von den Leuten. Eine Ärztin vom Talimi-Krankenhaus in Basra arbeitete mit einer weiteren Organisation zusammen. Diese Leute versprachen, dass unser Kind nach Österreich zur Behandlung kommen sollte, dann hieß es, es käme nach Italien und schließlich nach Jordanien. Wir haben alle Dokumente für die jeweiligen Länder vorbereitet, aber es gab keine definitive Zusage. Und schließlich hat diese Organisation Anfang Mai d.J. ihr Büro in Basra geschlossen. Wir haben es auch beim Gesundheitsministerium in Bagdad versucht, aber da hörten wir, dass man die Organisationen selbst kontaktieren müsse. Das Ministerium könne nicht helfen.

Da waren wir nur mehr verzweifelt. Sie müssen sich vorstellen, Mustafas Situation hat sich immer mehr verschlechtert, er braucht immer mehr Blutkonserven. Derzeit sind es zwei pro Woche,  wir mussten fast täglich mit ihm ins Spital und wir haben noch drei andere Kinder.

Wie kam es schließlich zum Kontakt mit SAAR?

Diesen Kontakt hat Frau Dr. Jenan hergestellt und als Frau Dr. Hobiger im Juni in Basra war, erhielten wir von ihr die Zusage, dass Mustafa nach Österreich kommen könnte. Aufgrund unserer Erfahrungen waren wir zunächst skeptisch, aber dann erhielt ich Ende Juli ein e-mail, dass ich mich für die Abreise Mitte August vorbereiten solle. Als mich dann aber Ing. Bashar  aus Wien anrief und mir mitteilte, dass ich in wenigen Tagen nach Österreich reisen könnte, konnte ich es zunächst nicht fassen. Aber dann war ich überglücklich und habe mit meiner Familie ein Fest gefeiert. Ich bin zur Moschee gegangen und habe dort davon erzählt und alle haben mir gratuliert und haben sich mit uns gefreut. 

Wie war die Reise von Basra nach Linz und wie lange hat sie gedauert?

Wir sind am Dienstag, den 10. August von Basra weggefahren und kamen am Sonntag in Linz an, also waren wir sechs Tage unterwegs. Von Basra fuhren wir nach Bagdad und ich wäre gerne gleich weitergefahren, aber aufgrund der schlechten Sicherheitslage konnten wir das nicht. So brachen wir erst am nächsten Morgen nach Damaskus auf. Die Fahrt war problemlos, auch an der Grenze gab es keine Schwierigkeiten. Auf der österreichischen Botschaft waren alle so freundlich zu uns und wir haben bereits nach 10 Minuten unsere Visas erhalten. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Am selben Tag bekam ich auch die Flugtickets und sollte am Freitag nach Wien fliegen. Da gab es ein technisches Problem (Anm.: Streik der AUA) und der Flug fiel aus und wir mussten noch eine Nacht in Damaskus bleiben. Ich begann mir Sorgen um Mustafa zu machen, denn er braucht ja ständig Blutkonserven und so ging ich sogar in ein Spital, um sein Blutbild kontrollieren zu lassen. Aber zu meinem Erstaunen war es relativ gut. Das hat wohl die Freude bewirkt. Am nächsten Tag bekamen wir entgegen aller Erwartungen doch Flugtickets und konnten nach Wien fliegen. Es ist dies meine erste Reise ins Ausland und ich habe mich im Flugzeug schon etwas gefürchtet, aber Mustafa war sehr tapfer, er hatte überhaupt keine Angst.

Und wie fühlen Sie sich jetzt, wo Sie endlich hier in Österreich sind?

Während des Fluges habe ich ein Wort auswendig gelernt, damit ich es Euch sagen kann: „Mein Glück ist nun vollendet!“ Es ist vollendet allein deswegen, dass wir nun hier sind, denn noch habe ich ja nur die Hoffnung, dass meinem Sohn geholfen werden kann. Sicher kann ich noch immer nicht sein. Aber allein die Tatsache, jetzt hier zu sein und diese Hoffnung haben zu dürfen, macht mich unendlich glücklich und ich danke Gott und Euch dafür.

Wie ist die medizinische Lage in Basra derzeit?

Unbeschreiblich. Ich kenne alle Spitäler in Basra, schließlich sind wir fast täglich dort. Es mangelt einfach an allem, es gibt kaum Medikamente, es gibt keine Venenkanülen. Wenn es einmal welche gibt, sind sie von sehr schlechter Qualität. Das Kinderspital quillt über von kranken Kindern, aber die Unterstützung, die das Spital erhält, ist einfach viel zu wenig. Die Verteilung der Medikamente ist schlecht. Es gibt so viele gefährliche Krankheiten bei uns und aufgrund der jetzigen Lage können die Menschen nicht behandelt werden. Es gibt auch keine modernen medizinischen Apparate und man muss sehr lange auf Untersuchungen warten. Es gibt zum Beispiel keine Endoskope für Kinder und so musste die Darmspiegelung meines Sohnes mit einem Gerät für Erwachsene gemacht werden. Es gibt unzählige asthmakranke Kinder in Basra, ich weiß nicht warum, aber es leiden so viele daran, vor allem, wenn es sehr heiß ist. Es gibt nur zwei Inhalatoren im Spital in der Notaufnahme und am Gang steht ständig eine Schlange von Müttern mit ihren Kindern, die nach Luft ringen und darauf warten, dass sie das Medikament inhalieren können. Leider gibt es keine Hilfsorganisationen mehr in Basra, mit Ausnahme von Euch.

Und wie ist die allgemeine Lage in Basra?

Was soll ich sagen? Wo soll ich anfangen? Also was das Wasser betrifft: Das Leitungswasser können wir nicht trinken, wir können es nur zum Waschen verwenden, aber oft gibt es das auch nicht. Ansonsten kommt zweimal pro Woche ein LKW mit einem Tank in unser Wohnviertel und die Leute füllen das Wasser selbst in ihre Flaschen. Sie müssen dafür bezahlen, aber der Preis ist mit 5 Dinar pro Liter nicht hoch. Aber das Wasser ist natürlich lange nicht genug für alle. Wir sind relativ gut dran in unserem Viertel, in anderen Bezirken von Basra ist sie Situation viel, viel schlimmer. Die Stromversorgung ist jetzt etwas besser, wir haben abwechselnd drei Stunden Strom und drei Stunden nicht.

Die Kriminalität ist verglichen mit der Zeit unmittelbar nach dem Krieg deutlich zurückgegangen, aber sie ist noch immer sehr hoch. Wenn man nachts ins Spital fahren muss, ist es sehr gefährlich. Wir versuchen, das Haus nachts nicht zu verlassen. Die irakische Polizei und die britischen und dänischen Truppen können leider auch nicht verhindern, dass immer wieder Anschläge passieren.

Gab es Verbesserungen nach dem Krieg?

Nach dem Zusammenbruch des Regimes war unser Leben am Nullpunkt angelangt, denn alle öffentlichen Einrichtungen waren geplündert worden und viele Geschäfte und Privathäuser.  Es gab keine Armee, keine Polizei und niemanden, den wir um Schutz bitten konnten. Jetzt wird wieder Öl gefördert, Firmen wurden notdürftig wieder in Betrieb genommen. Man hat begonnen, Schulen zu renovieren, aber nur äußerlich. Es fehlt an der Einrichtung, oft müssen sich vier Kinder einen Sessel in der Schule teilen. Wir würden dringend mehr Schulen brauchen, denn statt den vorgesehenen 200 Kinder sind in einer Schule 600 Kinder.

Für diejenigen, die Arbeit haben, hat sich die finanzielle Lage sicher gebessert. Während Saddams Zeit waren die Gehälter fast Null. Wir konnten uns nicht einmal einen Kühlschrank  leisten, Sie müssen sich vorstellen: das bei der Hitze, die bei uns im Sommer herrscht! Selbst die Leute, die Arbeit hatten, konnten ihre Kinder nicht mehr ernähren. Das ist jetzt besser, wenn man Arbeit hat, verdient man deutlich besser als früher. Leider herrscht eine enorme Arbeitslosigkeit bei uns. Was die Sicherheitslage betrifft, was Strom und Wasser betrifft: alles das ist jetzt viel schlechter als früher.

Was verdient z. B. ein Polizist jetzt?

Ungefähr 220 Dollar im Monat. Das Geld war auch der Beweggrund für die meisten, sich zur Polizei zu melden. Das sind fast alles Leute, die früher arbeitslos waren. Das ist für sie relativ viel Geld und dafür sind sie auch bereit, das hohe Risiko zu tragen.

Wie sehen die Leute die fremden Soldaten im Land?

Am Beginn haben wir die Amerikaner und die Briten nicht als Besatzer empfunden, wir haben viele Hoffnungen in sie gesetzt. Aber als sie tatenlos zusahen, wie alles ausgeplündert wurde, haben die Leute ihre Meinung geändert. Sie müssen sich vorstellen: wenn diese Plünderungen nicht gewesen wären, wir hätten nach wenigen Tagen unser normales Leben wieder aufnehmen können. So aber standen wir alle vor dem Nichts und wir mussten täglich um unser Leben fürchten. Die Amerikaner haben viel versprochen, wir haben viel von ihnen erwartet, aber sie haben uns sehr enttäuscht, denn sie haben sehr wenig für uns getan.

Was erwarten Sie von der Zukunft?

Wir haben aufgehört, große Erwartungen zu haben. Aber ich hoffe noch immer, dass unser Leben besser wird, ganz besonders wenn es eine vom Volk gewählte Regierung gibt. Uns bleibt nur die Hoffnung.

 

 
 

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte unsere Projektleiterin, Frau Dr. Eva-Maria HOBIGER

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