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Jedes Mal wenn ich in den Irak
reise, tue ich das in der Erwartungshaltung, zumindest ein Anzeichen für eine
Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung zu finden, aber jedes Mal
werde ich aufs Neue enttäuscht. So auch jetzt. Am 18. April 2005 fliegen Bashar
(unser Techniker) und ich nach Kuwait, um von da weiter nach Basra zu reisen.
Noch immer gibt es keinen direkten Grenzverkehr zwischen Kuwait und Irak und so
müssen wir zur Grenze gebracht werden, zu Fuß passieren, und auf der anderen
Seite abgeholt werden. Auf der Straße zwischen der Grenze und Basra ging zwei
Stunden bevor wir sie passierten, eine Bombe hoch. Am Tag vor unserer Ankunft
explodierten vor der Universität drei Bomben, als ein Bus mit Polizisten
attackiert wurde. Und am zweiten Tag unseres Aufenthaltes geht vor dem
Polizeihauptgebäude eine Bombe hoch, sieben Polizisten werden verletzt. Das
Polizeigebäude befindet sich in einer der Hauptstraßen in Basra, wo auch wir
täglich vorbei müssen und wo es aufgrund der Absperrungen immer wieder Staus
gibt. Ein wenig mulmig ist einem schon, wenn man da eingeklemmt zwischen all den
Autos steht. Und später werden wir hören, mit welchen Ängsten die irakischen
Polizisten leben müssen. Jeden Tag, wenn sie das Haus verlassen, um ihre Arbeit
anzutreten, verabschieden sie sich von ihren Familien so, als ob sie nie wieder
kommen würden. Die Todesangst ist ein ständiger Begleiter in ihrem Beruf. Waffen
sind leicht und billig zu haben im Irak, eine Handgranate ist um 500 Dinar zu
bekommen, das sind ca. 30 Cent.
Zuckerwasser statt Milch für
Säuglinge
Einen Nachmittag lang verbringe ich
in der Ordination der Kinderärztin Dr. Jenan. Für die zwei winzigen Räume (einer
dient als Behandlungszimmer, einer als Wartezimmer) hat die Ärztin drei
Stromleitungen, um sicher zu stellen, auch wirklich immer arbeiten zu können,
denn die Räume sind fensterlos. Eine der Leitungen ist von der Hauptversorgung
und zwei von verschiedenen Generatoren. Das was wir an diesem Nachmittag hier
sehen, erschüttert uns. Die Zahl der unterernährten Kinder steigt kontinuierlich
und besorgniserregend an. Was ist der Grund dafür? Die Frauen, die mit ihren
kranken Kindern kommen, erzählen: Früher gab es Trockenmilch in der monatlichen
Lebensmittelration, wenn man ein kleines Kind hatte. Diese Trockenmilch wurde
nun gestrichen (warum weiß niemand) und in den Geschäften kostet eine Dose
Trockenmilch (500 g) bis zu acht Dollar
– ein Betrag, der astronomisch ist für die unzähligen Arbeitslosen im Irak,
Frischmilch ist ohnehin kaum erhältlich. Vor dem Krieg kostete Trockenmilch ein
paar Cent. Und so füttern die Frauen ihre Säuglinge und Kleinkinder mit
Zuckerwasser. Das aber hat nicht nur eine Verminderung der Resistenz gegenüber
Infektionskrankheiten zur Folge, sondern sogar bleibende Gehirnschäden. Immer
mehr tuberkulosekranke Kinder werden verzeichnet, die Tropenerkrankung Kala Azar
befällt immer mehr Kinder. Die Zahl der frühgeborenen Kinder und der Aborte
steigt, viele Neugeborene haben ein zu geringes Geburtsgewicht. Die Mehrzahl von
Jenans Patienten sind jünger als drei, vier Jahre und stark untergewichtig und
die meisten leiden an schweren Durchfallserkrankungen. Ein Kind ist ohne
Augen geboren, es ist 18 Monate alt und hat den Körperbau eines
sechsmonatigen Säuglings.
Das ohrenbetäubende Rattern der
Stromgeneratoren ist für mich schon zu einem Teil von Basra
geworden, dieses Mal stoppen sie fast überhaupt nicht. Wenn es
öffentliche Stromversorgung gibt, dann wird sie immer wieder
unterbrochen. Mehr als zwei, drei Stunden pro Tag sind es sicher
nicht. Nur die reichen Leute haben einen Generator, ein solcher
kostet ein paar Tausend Dollar. Die Mehrzahl der Leute in Basra ist
arm, und die können sich einen Generator sicher nicht leisten.
Bereits jetzt im April hatte es 40 Grad, bald werden es mehr als 55
Grad sein. Das Abendessen findet meist bei Kerzenlicht statt, nicht
weil das so romantisch wäre, aber es gibt keinen Strom – und wenn er
angeht, dann nur für ein paar Minuten. Ein Telefongespräch nach
Bagdad ist unmöglich, denn ein Anschlag auf den Telefonverteiler bei
Kut hat alle Leitungen im Süden des Landes lahm gelegt. Noch immer
liegt der Müll in den Straßen, stehen die Abwässer auf den
Fahrbahnen. Es funktioniert einfach nichts und auch die Motivation
zum Arbeiten fehlt weitgehend.
Die Qualität des
Leitungswassers in Basra ist so schlecht, dass wir für unsere
Trinkwasseraufbereitungsanlage, die wir für das Kinderspital
installiert hatten, ein Sedimentationsbecken für den Schlamm
brauchen, ansonsten würden die Membranen bald kaputt gehen. 40 % der
Bevölkerung Basras sind an das Leitungsnetz angeschlossen. Die
anderen trinken Flusswasser oder kaufen Trinkwasser aus
Tanklastwägen, 20 Liter für 400 Dinar. Auch das ist nicht so wenig
für arbeitslose Iraker. Von den Ärzten höre ich, dass in diesem
Wasser Cholera- und Ruhrerreger nachgewiesen wurden, weil
gewissenlose Geschäftemacher das gereinigte Wasser mit Flusswasser
vermengt hatten, um mehr Gewinn zu erzielen. Im Allgemeinen
Krankenhaus von Basra gibt es
auf der geburtshilflichen Abteilung überhaupt kein Wasser und so
werden die Patientinnen aufgefordert, ihr Trink- und Waschwasser
mitzubringen. Viele Leute leiden unter Wurmbefall aufgrund der
schlechten Wasserqualität und die mangelnde Abwasserentsorgung ist
der Urheber von vielen Infektionskrankheiten.
„Wir haben so viel Hoffnung in
die Wahlen gesetzt“ meinen die Leute, „aber jetzt sind schon drei
Monate vergangen und wir haben immer noch keine Regierung. Wie soll
hier irgendetwas funktionieren, wenn das Land keine Regierung hat!“
„Uns geht es schlechter als während der Sanktionen!“ Und eine Ärztin
fügt hinzu: „Der neue Irak besteht aus Handys, Satellitenschüsseln
und Bananen, das hatten wir vorher nicht. Ja, und über die Regierung
kann man jetzt schimpfen, aber davon haben wir auch nichts. Früher
haben wir uns das halt gedacht, aber nicht ausgesprochen. Aber sonst
ist alles beim alten oder noch schlechter!“ Von den vielen neuen
Parteien halten die meisten Leute nichts und sie erwarten sich auch
nicht wirklich etwas von der neuen Übergangsregierung. Die Engländer
sieht man kaum in Basra, wenn, dann fahren sie mit der
Maschinenpistole im Anschlag durch die Straßen und einmal sahen wir
englische Soldaten auch vor dem Spital mit schussbereiter Waffe.
Dieses – die Iraker bedrohende und provozierende - Verhalten hatte
ich zuvor nur von den Amerikanern in Bagdad beobachtet.
Aladins Wunderlampe:
Hoffnung im Chaos
In all dem Chaos ist es schön
zu hören, dass die von uns unterstützte Kinderkrebsabteilung die
beste im ganzen Irak wäre. Die Patienten kommen von weither zur
Behandlung, da es sich im ganzen Land herumgesprochen hat, dass hier
die Medikamente vorhanden sind, sogar aus Bagdad kämen krebskranke
Kinder hierher zu Behandlung, erzählt uns der Direktor. Auch Zaid
ist da, der eineinhalbjährige Junge, der im vergangenen Dezember an
Leukämie erkrankt war und uns mit seinem Lachen bezaubert hat. Zaid
lacht noch immer, auch nach mehreren Zyklen Chemotherapie. Nach wie
vor ist die Kinderkrebsabteilung nur von unserer Unterstützung
abhängig. Hätten wir in den vergangenen Jahren nicht geholfen, die
Kinder wären alle ausnahmslos gestorben. Und es sind nicht wenige,
die hier behandelt werden: im Vorjahr waren es 836 Kinder. Vor
kurzem war das gesamte Abwassersystem des Spitals verstopft, die
Folge war, dass alle Nassräume der Kinderkrebsabteilung mit Abwasser
überschwemmt wurden, sogar ein Teil der Abteilung wurde überflutet.
Der entstandene Schaden in den Nassräumen ist enorm und die
derzeitige hygienische Situation gefährdet die Kinder, die infolge
der Chemotherapie sehr anfällig für Infektionen sind. Hier wäre ein
rasches Handeln notwendig: eine Renovierung der Nassräume und eine
Lösung des Abwasserproblems. Ich ließ sofort einen Kostenvoranschlag
erstellen, er beläuft sich auf Euro 20.000,-. Nicht wenig Geld, aber
ohne Behebung dieses Schadens ist unser guter Erfolg gefährdet.
Die Mütter von Basra weigern
sich, ihre Kinder auf der Abteilung für Neu- und Frühgeborene
aufnehmen zu lassen, weil der katastrophal schlechte Zustand dieser
Station in ganz Basra bekannt ist und nur wenige Kinder überleben,
die hier aufgenommen werden. Wir hoffen, dass das in wenigen Monaten
anders sein wird, denn der Hauptgrund unserer Reise ist es, die
Renovierungsarbeiten dieser Abteilung in die Wege zu leiten, die von
Caritas Österreich finanziert werden. Es ist nicht leicht, im
heutigen Irak eine verlässliche Firma für derartige Vorhaben zu
finden. Tagelanges Feilschen um den Preis führt endlich dann doch
zum Erfolg: der Vertrag wird unterschrieben, sobald der
Spitalsdirektor die Station verlegt hat, können die Arbeiten
beginnen. Nach ca. zwei Monaten sollen sie abgeschlossen sein –
inshallah, wie man hier zu allem sagt, was in der Zukunft liegt (=
so Gott will).
Wir werden in diesen Tagen
förmlich „belagert“ von Eltern mit kranken Kindern und auch von
kranken Erwachsenen. Wir hatten uns so bemüht, unsere Anwesenheit so
weit wie möglich geheim zu halten, aber es hatte sich wie ein
Lauffeuer in ganz Basra herumgesprochen, dass wir da waren. Alle
wollen einen Rat von uns, wollen im Ausland behandelt werden. Viel
Hoffnung kann ich diesen Leuten nicht geben, denn es ist nicht
leicht, einen Behandlungsplatz in Österreich zu bekommen. Manche von
den Leuten sind schon froh, wenn man sich ihre Sorgen anhört, einige
Kinder kann ich weiter zu Dr. Jenan zur Behandlung schicken. Von
einigen nehme ich die Befunde mit nach Österreich, in der Hoffnung
eine Behandlung zu ermöglichen. Es gibt zur Zeit keine andere
humanitäre Organisation in Basra, die Behandlungen im Ausland
ermöglicht. Die wenigen Hilfsorganisationen, die hier noch vertreten
sind, arbeiten mit lokalem Personal und sind in ihrer Arbeit sehr
eingeschränkt, denn keine internationale Hilfsorganisation entsendet
derzeit einen Vertreter in den Irak, da das Risiko einfach viel zu
hoch ist.
Sie werden gehen – wir
aber bleiben
Bei der Stadteinfahrt in Basra
ist eine überdimensionale Tafel angebracht, auf dieser steht: „Sie
werden gehen, wir aber bleiben“ - gemeint sind die Terroristen, die
tagtäglich Anschläge im ganzen Land verüben. Unter der Bevölkerung
aber wird darüber gewitzelt, wer diese Tafel wohl veranlasst hätte.
Denn dass die Besatzungstruppen im Land bleiben werden, darüber
gibt es für die Leute keinen Zweifel, während sich die meisten
Iraker den Kopf darüber zerbrechen, wie sie das Land verlassen
könnten, um diesem Chaos hier zu entkommen. Und so sehen sich die
Iraker als diejenigen, die gehen werden.
Als wir einmal beim Abendessen
im Haus des Erzbischofs sitzen, schreit die Köchin auf. Ihr Mann
hatte die Nachricht gebracht, dass ein Verwandter, der entführt
worden war, tot aufgefunden wurde. Obwohl Lösegeld für ihn bezahlt
wurde, wurde er förmlich hingerichtet. Der Tod ist überall
gegenwärtig im Irak und seit mehr als zwei Jahren denkt jeder, der
morgens das Haus verlässt, daran, ob er seine Familie wohl am Abend
wieder sieht. Längst nicht von allen Anschlägen und Morden hören wir
hier in Österreich. Der Tod oder auch die Invalidität eines Mannes
stürzt eine ganze Familie in den Abgrund, denn oft ist er der
Erhalter einer erweiterten Familie und nicht selten hängen bis zu 20
Menschen von seinem Verdienst ab. Wenn Iraker beisammen sitzen,
lieben sie es seit jeher, sich Witze zu erzählen, die auf die
jeweilige Situation Bezug nehmen. Auch wenn es damals unter
Lebensgefahr streng verboten war, so war früher naturgemäß Saddam
Hussein häufig Inhalt dieser Witze. Jetzt sind es die Amerikaner,
die Engländer – und selbst der Tod wurde zum Gegenstand dieser Witze
– eine Form der Bewältigung des erbärmlichen Alltags und ein Ventil
für die Angst, die häufig unausgesprochen bleibt.
Im Namen der kranken Kinder in
Basra möchten wir unseren herzlichen Dank an DHL Österreich
aussprechen, 230 kg Reagenzien für das Blutanalysegerät in Spital
wurden gratis von Wien nach Basra transportiert, darüber hinaus
danken wir auch diesmal Dr. Faisal in Kuwait, der uns wieder seine
Gastfreundschaft und Unterstützung gewährte. Er ist nicht nur uns,
sondern auch den kranken Kindern in Basra zum Freund geworden. IPPNW
Deutschland danken wir für die wiederholte Unterstützung
(Finanzierung der Reagenzien). Und wir bitten DRINGEND um weitere
Unterstützung, vor allem suchen wir einen Spender für die
Finanzierung der dringend erforderlichen Arbeiten auf der
Kinderkrebsstation. Denn unsere Hilfe MUSS vorläufig noch weiter
gehen, die kranken Kinder in Basra brauchen UNS!
Spendenkonto:
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