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Irakreise.
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Die Neu- und
Frühgeborenenabteilung in Basra.
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Sehen Sie auch die Bilder von der Abteilung.
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In Bagdad ringt man um eine Verfassung für den Irak und die
Gewalt eskaliert einmal mehr in dem schwergeprüften Land, die tägliche Liste von
Gewalttaten wird immer länger. In nur 4 Tagen sterben 27 amerikanische Soldaten
durch Anschläge – und ein Vielfaches an irakischen Staatsbürgern, deren Tod
nicht so viel Beachtung findet in den Medien. Wer kann die Menschen noch zählen,
die innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre im Irak gewaltsam ums Leben kamen?
Am 3.
August, als Bashar und ich von Wien über Frankfurt nach Kuwait
reisen, geht die Meldung um die Welt, dass ein amerikanischer
Journalist in Basra erschossen worden wäre. Uns erreicht diese
Nachricht in unserem Hotel in Kuwait und drückt unsere Stimmung
etwas. Erst vor wenigen Tagen wurden zwei britische Soldaten
getötet. Bis jetzt war es in Basra deutlich sicherer als im Rest des
Landes. Was wird uns nun auf dieser Reise erwarten? Gespannt sehen
wir den nächsten Tagen entgegen.
Kurz vor
Jahresende 2004 erhielt ich die Nachricht, dass die Deutsche
Diakonie-Katastrophenhilfe und das Deutsche Auswärtige Amt Gelder
für den Ankauf von Medikamenten für das Kinderspital in Basra zur
Verfügung stellen werden. Es handelte sich um große Summen:
insgesamt Euro 170.000,- Das war kurz vor meiner Irakreise im
Dezember 2004, wo ich eine größere Medikamentenlieferung nach Basra
brachte, von der ich wusste, sie würde den Bedarf für etwa ein
halbes Jahr decken. Ich war in der glücklichen Lage, bereits zu
diesem Zeitpunkt zu wissen, dass die Hilfe ohne Unterbrechung
fortgesetzt werden konnte. Nun, Anfang August 2005, war es so weit:
mit DHL sollte die Fracht von Deutschland nach Kuwait geschickt
werden, von da an sollten wir den Weitertransport in den Irak
begleiten.
Und auch ein
anderes Projekt im Kinderspital von Basra, nämlich die Renovierung
der Früh- und Neugeborenenabteilung – finanziert durch die Caritas
Österreich – erforderte unsere Anwesenheit in Basra. Die
Umbauarbeiten waren abgeschlossen und man wartete auf uns, ob wir
wohl mit der Qualität der Arbeit zufrieden wären. Weitere Schritte
mussten eingeleitet werden, die Geräte sollten in Kuwait bestellt
werden.
Einige Tage
verbrachten wir in Kuwait, die mit der Organisation des
Weitertransportes der Medikamente ausgefüllt waren. Wir fahren zum
Flughafen, um uns davon zu überzeugen, dass die Medikamente in einem
Kühllager untergebracht sind – es hat 47 Grad in Kuwait City – und
finden prompt zwei Paletten in der heißen Lagerhalle. Da sie erst
seit wenigen Stunden dort stehen, stellt das kein Problem dar, denn
sie sind in einer Spezialverpackung – wir haben sie rechtzeitig
entdeckt. Ein Sandsturm bricht los und taucht die Stadt in einen
gelben, fahlen Nebel.
Fahrt ins
Ungewisse
Als wir dann
endlich im Auto sitzen und uns der irakischen Grenze nähern, ist die
Sicht praktisch Null. Der Weg führt durch die Wüste und der Sturm
peitscht den Sand auf die Straße, es ist mindestens genauso schlimm
wie wenn man bei Nebel fährt. An der kuwaitisch-irakischen Grenze
frage ich mich, was wohl schlimmer ist: ein Schneesturm oder ein
Sandsturm. Der Sturm reißt mir das Kopftuch weg und der Sand
kriecht in die Augen, in die Nase, in den Mund und in die Kleidung.
Es ist hier noch heißer als in Kuwait City. Wir hatten den Rat
bekommen, so früh als möglich, keinesfalls aber nachmittags zur
Grenze zu kommen. Ich vermute, der Grund war der, dass in der
Nachmittagshitze kaum Autos auf den Straßen sind und um diese Zeit
es daher viel unsicherer ist als vormittags. Leider konnten wir
diesen Rat nicht befolgen, erst um 11 Uhr konnten wir Kuwait
verlassen und nun müssen wir lange auf den Shuttle-Bus warten, der
zwischen der kuwaitischen und irakischen Grenze verkehrt. Erstmals
sehe ich in diesem Bus auch andere Ausländer: Russen, die in Basra
arbeiten. Nachdem der Bus das Niemandsland durchquert hat, nähert er
sich der irakischen Seite. Buben im Alter von etwa 7 bis 12 Jahren
springen los mit Handkarren, um das Gepäck der Reisenden ein paar
Meter bis zu der ersten Kontrollstelle transportieren zu können. Sie
balgen sich mit erwachsenen Gepäckträgern, um nur ja das „Geschäft“
machen zu können. Das Geschäft: 1000 Dinar, ca. 50 Cent. Einer der
Kontrollorgane für das Gepäck sieht unsere zwei Plastikflaschen mit
Wasser, er bittet um die schon halb leere Flasche, es gäbe kein
Trinkwasser hier an der Grenze. Wir bieten ihm die volle Flasche an,
er lehnt höflich ab und ist sehr dankbar für die halbvolle. Die
Sonne brennt unbarmherzig herab und der Sandsturm macht die Hitze
noch viel schlimmer.
Endlich
haben wir die Mauer passiert, die die Grenze umgibt, wir werden
erwartet. Drei Autos sind da, um uns sicher nach Basra zu geleiten.
Das Thermometer im Auto zeigt eine Außentemperatur von 54 Grad, es
ist 15 Uhr. Wir begegnen nur sehr wenigen Autos auf der Straße durch
die Wüste zwischen Safwan und Basra. Die Uniformierten an den
Checkpoints winken uns müde durch, eine Frau im Auto – das können
keine Terroristen sein. Wir erreichen Basra, auch hier befinden sich
kaum Menschen auf den Straßen, die meisten verschlafen die
Nachmittagshitze. Das ist die einzige Art, wie man die
Sommertemperaturen aushalten kann. Der erste Eindruck von Basra ist
noch trostloser als sonst. Müll auf den Straßen, überall – so
schlimm war es nicht einmal unmittelbar nach dem Kriegsende. In den
Gassen Brandgeruch, man zündet den Müll auf der Straße an, versucht
so, dem Übel Herr zu werden. Stinkende Abwässer stehen auf den
Straßen, Ratten huschen vorüber. Das trübe Wetter macht den Eindruck
von der Stadt noch trostloser.
Bis 1991 war
die Stromversorgung in Basra normal, seit damals leiden die Menschen
unter den Stromunterbrechungen. 15 heiße Sommer sind seit damals ins
Land gezogen, die Menschen müssen mit der Hitze leben, meist ohne
Strom. Als wir ankamen, hieß es, es gäbe ca. 11 Stunden Strom
täglich. Tatsächlich hörte ich aber während des gesamten
Aufenthaltes fast ununterbrochen die Generatoren rattern, manchmal
gab es nur eine Stunde Strom von der Hauptversorgung. Nur die
wenigsten in Basra haben einen Generator und an eine derartige Hitze
kann man sich nicht gewöhnen, auch wenn man hier aufgewachsen ist.
Der ohrenbetäubende Lärm der Generatoren ist für mich Bestandteil
von Basra geworden, wenn sie einmal schweigen, wirkt die Stille fast
bedrückend.
Unsere
Freunde sind besorgt um uns, unweit von unserem Wohnhaus war der
Journalist gekidnappt worden. Die Angst unserer Freunde überträgt
sich ein wenig auf uns und bevor wir auf die Straße treten, prüfen
wir die Umgebung mit einem kurzen Blick. Früher haben wir kaum daran
gedacht. Überhaupt ist die Angst der Leute hier förmlich zu spüren,
sie ist ein täglicher Begleiter im Alltag des Lebens im Irak. Sie
versuchen trotz allem ein halbwegs normales Leben zu führen und
abends treffen sich die Männer im Kaffeehaus und diskutieren bei
einer Wasserpfeife ihre miserable Situation. Am zweiten Tag hören
wir, dass der Inhaber eines Eisgeschäftes gekidnappt wurde, 125.000
Dollar wurden als Lösegeld verlangt. Auch von Morden hören wir.
Meine Bewegungsfreiheit in Basra engt sich immer mehr ein, ich fahre
praktisch nur mehr zwischen dem Haus, in dem ich wohne und dem
Spital hin und her und das nur mit dem Auto eines unserer Freunde.
Selbstverständlich trage ich einen langen schwarzen Rock, lange
Ärmel und ein Kopftuch.
Eines Abends
erlebe ich ein wenig von der beklemmenden Ungewissheit, die den
Alltag für die Menschen hier darstellt. Gegen Mitternacht höre ich
lautes Schreien einer Frau, die offensichtlich in Panik ist, auf der
Strasse. Ich will in den Hof gehen, um zumindest zu hören, von wo
die Schreie kommen. Ist es jemand von der Familie, die auf dem
gleichen Areal wohnt? Soll ich hinausgehen? Darf ich hinausgehen?
Kann ich überhaupt etwas tun? Als ich einen Entschluss gefasst habe,
stelle ich fest, dass ich gar nicht hinaus kann, denn ich bin
eingesperrt – von außen, eine Sicherheitsmaßnahme. Und die Fenster
sind alle vergittert. Was bleibt, ist die Ungewissheit und ein
Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins.
Wieder im
Kinderspital
Wenn ich
aber dann im Kinderspital bin, weiß ich wieder, warum ich all die
Risiken auf mich nehme. Wir waren schon sehnlichst erwartet worden,
viele Medikamente gingen zur Neige, von einigen gab es keinen Vorrat
mehr und als sich am Tag unserer Ankunft herumspricht, dass wir mit
den Medikamenten da sind, freut sich das gesamte Personal des
Spitals. Der Direktor des Spitals fragt, ob ich denn keine Angst
hätte, jetzt hierher zu kommen. Als ich dies verneine, meint er, ich
hätte auch keinen Grund dazu, Angst zu haben, denn niemand würde mir
etwas tun, in Basra weiß man, dass ich nur zum Helfen hierher komme.
Ich hoffe, das wissen auch wirklich alle.
Dr. Jenan,
die Leiterin der Kinderkrebsstation zeigt mir stolz ihre Statistik.
Sie habe kaum mehr Todesfälle auf der Station, praktisch nur mehr
diejenigen Kinder, die in einem sehr späten Stadium zur Behandlung
gebracht werden und wo man kaum mehr etwas tun könne. Jedes Mal wenn
wir hier sind, höre ich die Worte aus ihrem Mund: „Ihr habt das
Leben vieler, vieler Kinder gerettet!“ Im Monat Juli wurden 14 neue
Fälle von kindlicher Leukämie registriert, eine horrende Zahl
angesichts der Bevölkerungszahl in diesem Einzugsgebiet. Jenan
erzählt, dass die Abteilung überquillt und zeitweise die kleinen
Patienten auf dem Boden schlafen müssten, weil alle Betten –
manchmal mehrfach – belegt sind.
Der
15jährige Mustafa hat seinen linken Arm verloren, er musste
amputiert werden, nachdem ihm versehentlich die Chemotherapie in
eine Arterie verabreicht worden war. Das war im Ausland passiert.
Nun fragt man mich, ob wir helfen können. Es gäbe keine Armprothesen
im Irak. Und der 7jährige Abbas würde dringend eine
Strahlentherapie benötigen, sein Tumor kommt trotz Operation und
Chemotherapie immer wieder. Es gibt in Basra keine Strahlentherapie
und die Geräte in Bagdad sind veraltet. Abbas’ Tumor sitzt knapp am
rechten Auge, es ist ausgeschlossen, in einer so kritischen Region
mit den alten Bestrahlungsgeräten in Bagdad zu behandeln. Ob wir ihn
in Wien behandeln können? Wir werden sehen…Der vierjährige Ali sitzt
verschüchtert am Boden. Er musste einen künstlichen Darmausgang
erhalten, der später, wenn sein Tumor geheilt ist, rückoperiert
werden kann. Die Mutter schildert uns verzweifelt ihr Problem: die
„Colostomiebeutel“ sind nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und
kosten dort pro Stück 3,5 Dollar. Ein Vermögen für die mittellose
Frau – und so verwendet sie die Einmalbeutel immer wieder, drei,
vier Wochen lang. Hygienisch natürlich eine Katastrophe. Wir rufen
die Frau in den Korridor und helfen ihr mit einem kleinen
Geldbetrag. Hassan hat einen riesigen, aufgetriebenen Bauch. Viel zu
spät war ihre Mutter ins Spital gekommen, der Lymphdrüsenkrebs
treibt den Bauch des kleinen Buben auf. Die Mutter hatte gedacht,
das Kind hätte einfach an Gewicht zugenommen. Nun sitzt sie da in
völliger Verzweiflung und erzählt unter Tränen, dass sie ihren
Kühlschrank verkauft hätte, weil die Familie nichts mehr zu essen
hätte. Auch ihr können wir ein wenig weiterhelfen. Die neunjährige
Hadhia liest uns einen Brief vor, den sie an ihre Mutter geschrieben
hat, die nicht bei ihr sein kann, weil sie eben erst ein Kind
bekommen hatte. In ihrem Brief versichert sie der Mutter ihre Liebe
und sorgt sich um Vater, Brüder, Onkel, Cousinen – kein Wort
darüber, wie es ihr selbst geht. Sie schreibt auch Gedichte und
malt. Ein Bild fällt mir besonders auf, sie zeichnet ihre
Geschwister als hübsche Kinder, sich selbst als grauen, dünnen
Vogel, dem die Tränen aus den Augen quellen. Im Bett gegenüber sitzt
der 7jährige Sajjad, der durch einen Kunstfehler der Ärzte in einem
anderen Krankenhaus ein Auge verloren hat. Ihn kennen wir schon, er
war auch bei unseren letzten Besuchen da, im Dezember und im April.
So
erfreulich sich die Entwicklung hier auf der Kinderkrebsstation
zeigt, so tragisch ist sie in anderen Abteilungen. Jetzt im Sommer
gibt es wieder besonders viele Kinder, die an chronischem Durchfall
erkrankt sind und für sie gibt es praktisch kaum
Behandlungsmöglichkeiten. Die Spezialnahrung, deren sie bedürften,
gibt es in Basra nicht und der Vorrat, den wir im Vorjahr gebracht
hatten, ist längst aufgebraucht. Dr. Jenan erzählt mir, dass es
viele Cholerafälle gebe, Ruhr und Typhus und unzählige schwere
Durchfallerkrankungen. Schuld daran ist die schlechte Wasserqualität
und die Tatsache, dass sich die armen Leute das saubere Wasser nicht
kaufen können. Wir hören von Familien, bei denen sich die einzelnen
Familienmitglieder beim Frühstück abwechseln müssen, denn es gibt
nicht genug zu essen. So hat jeder nur einmal pro Woche ein
Frühstück.
Am zweiten
Tag unseres Aufenthaltes in Basra bekommen wir die Nachricht, dass
am gleichen Tag der LKW mit den Medikamenten aus Kuwait ankommen
soll. Um sechs Uhr nachmittags ist es dann so weit, der LKW trifft
unter zivilem Begleitschutz mit drei Autos beim Krankenhaus ein.
Sechs Arbeiter des Spitals machen sich daran, die 11 Paletten zu
entladen, wie immer händisch, denn es gibt keinen Stapler. Einer
davon ist ein 16jähriger Junge, er hat den Körperbau eines
12jährigen, aber er trägt die schwersten Kartons. Einige Polizisten
des Spitals überwachen die Entladung mit schussbereiter Waffe. Nach
zwei Stunden ist dann alles im Lager und wir bringen noch die
Medikamente, die gekühlt werden müssen, in die Kühlschränke. Und wie
immer stehe ich dann fast ungläubig vor den unzähligen Kartons und
bin dankbar, dass wieder einmal alles gut angekommen ist. Die
Behandlung der krebskranken Kinder ist bis mindestens Februar
gesichert, es gibt eine große Menge an Antibiotika zur Behandlung
von Infektionen und etliche wertvolle Dinge für die neue
Frühgeburtenabteilung. In den nächsten Tagen arbeiten wir noch
Stunden im Lager, um die Dinge zu sortieren und sie dann den Ärzten
zu erklären.
Eine neue
Abteilung für das Kinderspital
Die
Umbauarbeiten auf der Frühgeburtenabteilung sind abgeschlossen. Für
irakische Verhältnisse ist die Arbeit wirklich ausgezeichnet und wir
freuen uns beim Anblick der sauberen Räume. Die Abteilung ist nicht
mehr wieder zu erkennen. Allerdings um eine Ahnung davon zu
bekommen, wie sie früher aussah, braucht man bloß die Glastüre, die
sie vom Rest des Spitals abtrennt, hinter sich zu lassen. Drinnen
ist eine andere Welt, draußen die Wirklichkeit von Basra im August
2005. Wie können wir das erhalten, was wir nun erreicht haben? Um
das zu diskutieren treffe ich mich mit Frau Dr. Aida, der Leiterin
der Frühgeburtenabteilung. Das größte Problem wäre das Defizit an
Pflegepersonal, es gäbe einfach viel zu wenige Krankenschwestern an
dieser Abteilung, gemessen an den täglichen Aufnahmen. Drei
Schwestern an einer solchen Abteilung wären einfach völlig
überfordert. Im Sommer kann es vorkommen, dass bis zu 20 neue
Patienten aufgenommen werden müssen. Da die Schwestern unmöglich die
ganze Arbeit leisten können, müssen die Mütter auch hier auf der
Frühgeburtenabteilung bei ihren Babies sein und das bedeutet dann,
dass nicht nur die Mutter sondern weitere Familienmitglieder Tag und
Nacht auf der Abteilung bleiben und auf dem Boden schlafen. Die
wenigen Putzfrauen können so die Abteilung nicht sauber halten, noch
dazu sind sie für die Versorgung – Füttern und Pflege – von
sogenannten „illegalen“ Babies zuständig, Kindern, die außerehelich
geboren wurden. Man werde aber nun versuchen, die Anzahl der
Besucher einzuschränken, so weit es eben geht. Dr. Jenan hat auf
ihrer Abteilung bereits durchgesetzt, dass nur die Mutter beim Kind
bleibt, alle anderen Besucher müssen vor der Türe warten und können
dort ihr Kind sehen. Damit hat sie die hygienische Situation auf der
Station wesentlich verbessert. Dr. Aida und der Direktor drängen auf
eine sofortige Inbetriebnahme der Station, vor allem weil das
Ausweichquartier menschenunwürdig ist und aus allen Nähen platzt.
Ich ersuche sie, wenigstens so lange zu warten, bis der Container
mit den Betten und Matratzen eintreffen wird, was Anfang September
der Fall sein wird. Die Bestellung der medizinischen Geräte wird
ohnehin noch länger dauern.
In der
zentralen Blutbank von Basra, nur ca. 100 Meter vom Kinderspital
entfernt, hat während unserer Abwesenheit ein nächtlicher Brand das
Lager zerstört und damit auch einen Kühlschrank, den wir vor zwei
Jahren gebracht hatten. Dr. Ala, der Direktor der Blutbank, steht
inmitten der verbrannten Überreste und kann uns nicht die Hand
reichen, da er selbst mit Hand anlegt bei den Aufräumarbeiten und
beide Arme schwarz sind. „Ihr seht, was die vielen
Stromunterbrechungen anrichten. Eine Überspannung in der Leitung,
ein Kabelbrand …. Und schon ist ein Großteil der Arbeit des
Vorjahres vernichtet!“ Damals hatte er die Blutbank renovieren
lassen, jetzt sind auch im Korridor die Wände und die Decke
rußgeschwärzt. „Unser“ Labor ist unbeschädigt und unsere Geräte
arbeiten, mit einer Ausnahme.
Basra ist
kaum auszuhalten in diesen Tagen. Es ist nicht nur die Hitze, die
einem zu schaffen macht, seit Tagen gibt es einen Sandsturm. Die
Luft ist feucht und Sand wirbelt auf, man hat das Gefühl, dass man
kaum atmen kann, als ob man gegen einen Widerstand atmen müsse. Es
gibt tagelang kaum Strom, die Menschen können kaum schlafen wegen
der Hitze (ich gehöre zu den Privilegierten, denn ich darf in einem
Raum mit Klimaanlage schlafen – aber ich habe den Hochsommer hier
auch schon erlebt ohne Klimaanlage im Zimmer). So ist es zu
verstehen, dass die Menschen untertags nervös und gereizt sind. Ein
Streit artet leicht in Drohungen und Handgreiflichkeiten oder auch
mehr aus.
Abu Fadi,
der Vater eines der Kinder, die in Österreich zur Behandlung waren,
wohnt nur zwei Gassen weiter. Deswegen hat Father Boutros keinen
Einwand gegen seine Einladung zum Abendessen, trotzdem dürfen wir
nicht zu Fuß gehen, sondern müssen mit dem Auto die wenigen Meter
fahren. Es ist stockdunkel, denn es gibt natürlich keinen Strom und
so tasten wir uns ins Haus, wo wir dann beim Schein einer
Petroleumlampe unser Abendessen einnehmen. Kaum jemand hat Appetit,
denn es ist unvorstellbar heiß im Zimmer und nach ein paar Bissen
bricht der Schweiß aus allen Poren.
Dieses Mal
mache ich eine neue Erfahrung. Seit November 2003 habe ich niemanden
von einer anderen Hilfsorganisation in Basra getroffen, dieses Mal
treffen wir zwei irakische Mitarbeiter einer französischen
Organisation. Diese wollen nun auch die Kinderkrebsstation
unterstützen, indem sie die Renovierung der Nasseinheiten
durchführen wollen. Genau das hatten wir auch geplant, denn
seinerzeit, vor dem letzten Krieg war diese Arbeit mit wenigen
Geldmitteln nur unzureichend durchgeführt worden. Nun können wir das
Geld, das wir dafür gesammelt haben für dringend notwendig gewordene
Renovierungsarbeiten in den Krankenzimmern verwenden (Einbau eines
Waschbeckens in die Zimmer, Instandsetzung der elektrischen
Leitungen, Ausmalen der Räume und des Korridors etc.)
Das Haus, in
dem ich wohne, wird während unseres Aufenthaltes auch zu meiner
Ordination. Ich bin immer wieder erstaunt, wie rasch und wie weit es
sich herumspricht, dass wir hier sind. Sogar aus dem eine Autostunde
entfernten Qurna werden Kinder gebracht. Kinder, die im Irak nicht
behandelt werden können, denen man wohl eine Chance geben könnte in
Österreich. Unsere Liste mit den Namen dieser Kinder wächst. Aber
man zeigt uns auch Kinder, deren Krankheiten auch an die Grenzen der
westlichen Medizin stoßen. Zwei komatöse Kinder brachte man uns,
beide liegen seit 10 Monaten im Koma nach einer Hirnhautentzündung
und werden über eine Sonde ernährt. Kinder mit Epilepsie, Kinder mit
Cerebralparese, Kinder mit irreparablen Geburtsschäden, Kinder nach
Unfällen so wie der 14jährige Adel Yousif, der sich Schokolade von
den tschechischen Soldaten holten wollte und dabei von einem LKW
erfasst wurde. Wir versuchen den Eltern zu erklären, dass man auch
in Europa viele Erkrankungen nicht heilen kann, was viele nur schwer
verstehen können. Sie glauben, bei uns könne man einfach alles. Den
kleinen Mohammed, der im Mai in Wien herzoperiert wurde, sehen wir
auch wieder und freuen uns darüber, dass es ihm so gut geht. Und die
kleine Mariana, ebenfalls mit einem schweren Herzfehler, wird bald
auf die große Reise nach Graz gehen, wo sie operiert werden soll.
Zurück
ins Paradies
Unser
Einsatz näherte sich wieder einmal dem Ende. Für unsere Arbeit
bräuchten wir viel mehr Zeit, als uns unter den gegebenen Umständen
zur Verfügung steht. Helfen ist nicht leicht, schon gar nicht im
Irak im Jahr 2005. Es gilt, unzählige Hindernisse zu überwinden,
Kompromisse zu schließen. Aber wir sind froh, dass unsere Mission
trotz der schwierigen äußeren Umstände wieder erfolgreich war. Die
Medikamente konnten wohlbehalten übergeben werden, die
Renovierungsarbeiten wurden zu unserer Zufriedenheit durchgeführt.
Trotz der Probleme, trotz des allgemeinen Chaos können wir etwas
bewegen, können wir helfen. Der Einsatz ist nicht gering, dessen
sind wir uns bewusst, es ist unser Leben. Aber wir erfahren immer
wieder, dass unser Erfolg diesen Einsatz rechtfertigt.
Mit zwei
Autos bringt man uns zur Grenze. Für uns öffnet sich das Tor, das
für die Iraker verschlossen bleibt. Im Juni d.J. war ein junger
Iraker zu Besuch in Wien. Am zweiten Tag seines Aufenthaltes sagte
er mir, er hätte den Eindruck, er wäre von der Hölle in das Paradies
gekommen. (Und er meinte auch, ob denn der Himmel noch schöner sein
könne als dieses paradiesisch schöne Land Österreich.) Die meisten
Iraker träumen davon, ihr Land zu verlassen, um endlich ausruhen zu
können, um endlich ein friedliches Leben führen zu können. Von einem
Freund in Bagdad hörte ich, dass innerhalb eines Monats neun
Familien, die in seiner Gasse wohnten, das Land verlassen hätten.
Das ist verständlich angesichts der jüngsten Geschichte dieses
Landes. Die meisten aber können nicht weggehen. In den letzten
fünfzig Jahren – ein kurzes Menschenleben lang - wurde dieses Land
erschüttert durch Revolutionen, Monarchie, Staatsstreiche, Diktatur,
Polizeistaat, mehrere brutale Kriege und Sanktionen, ein Land, das
in seinem Boden einen unvorstellbaren Reichtum besitzt, der den
Bürgern dieses Landes aber nie zum Segen wurde. Während dieser
fünfzig Jahre durften wir hier in Europa in Frieden und Sicherheit
leben. „Was interessiert mich die Verfassung? Ich will Sicherheit
haben für meine Kinder und mich, ich will Strom und Wasser und
Arbeit!“ – das war der Grundtenor der Leute in diesem August 2005.
Dass die Verfassung ein Weg dahin sein könnte, glaubt kaum jemand.
In einem Bericht der
UNO-Unterstützungsmission im Irak (UNAMI) heißt es in diesem Sommer,
„die UNO sei beunruhigt über den mangelnden Schutz der bürgerlichen,
kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen
Rechte der Iraker.“
Ich gehöre
zu den Privilegierten dieser Welt, ich habe mein Leben lang in
Frieden und Sicherheit verbracht, ich darf zurück in unser Paradies.
Als wir im Morgengrauen des 13. August in Frankfurt landen und zwei
Stunden später in Wien, sind wir beide müde und erschöpft – wir sind
mehr als 24 Stunden unterwegs – aber wir wissen, dass wir wirklich
zurück im „Paradies“ sind. Dass wir hier in Westeuropa tatsächlich
in einem Paradies leben, dessen sind wir uns im allgemeinen viel zu
wenig bewusst. Wir durften die „Hölle“ verlassen, die Menschen aber,
deren Schicksal es war, dort geboren zu sein, müssen sie weiter
ertragen.
Im Namen der
Kinder, deren Eltern und der Ärzte und Schwestern des Kinderspitals
in Basra danke ich der Diakonie Katastrophenhilfe und dem Deutschen
Auswärtigen Amt für die großzügige und so wertvolle Unterstützung
des Kinderspitals in Basras. Und ich danke Caritas Österreich und
allen Spendern für die Bereitstellung der Mittel zur Renovierung der
Früh- und Neugeborenenabteilung im gleichen Spital. In diesem
Kinderspital gab es seit 15 Jahren keine Instandsetzungsarbeiten und
alle Abteilungen würden dringendst eine Renovierung brauchen, die
Räume, in denen die Kinder jetzt untergebracht sind, sind wirklich
nicht mehr wert, Krankenzimmer eines Spitals genannt zu werden.
Ich danke
allen Spendern, die weiterhin unsere Arbeit in Basra unterstützen.
So froh ich über unseren geglückten Einsatz bin, so frage ich mich:
wie wird es weitergehen? Im Februar nächsten Jahres wird wieder ein
Hilfstransport mit Medikamenten notwendig werden, um diese
Unterstützung nicht zu unterbrechen. Sie jetzt abreißen zu lassen,
wäre eine Katastrophe, eine Unterbrechung in der Therapie der
Leukämie ist tödlich. Es ist leider nicht anzunehmen, dass nach
sechs Monaten die innerirakischen Strukturen so arbeiten werden,
dass unsere Hilfe nicht mehr erforderlich ist. Ganz im Gegenteil,
die Entwicklung im Irak bereitet Grund zur Sorge. Diese krebskranken
Kinder, die wir unterstützen, denen wir eine Chance auf ihr Leben
geben, können nichts für das politische Chaos in ihrem Land. Sie
waren früher hilflose Opfer und sie sind es jetzt. In den drei
Jahren, in denen wir kontinuierlich die Medikamente bereitstellen
konnten, haben wir viele Kinderleben gerettet. Ohne unser aller
Hilfe gäbe es diese Kinder nicht mehr. Sie brauchen uns auch
weiterhin! Helfen Sie bitte der kleinen Haura (s.u.) und allen
anderen krebskranken Kindern in Basra! |