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Reise nach Damaskus: 5. bis
10. Januar 2007
Im Rahmen unserer Arbeit für die kranken Kinder in Basra wurden
uns immer wieder Kinder vorgestellt, die an angeborenen
Herzfehlern leiden. Während bei uns diese Erkrankungen selten
wurden, gibt es im Irak viele, viele Kinder, die an einem
solchen Herzfehler leiden. Unterernährung und andere
Risikofaktoren in der Schwangerschaft, aber auch die Ehe unter
zu nahen Blutsverwandten können eine angeborene Fehlbildung am
Herzen verursachen. Während diese Kinder bei uns schon bald nach
der Geburt operiert werden und danach ein normales Leben führen,
ja sogar Sport betreiben können, gibt es für solche Kinder im
Irak keinerlei Behandlungsmöglichkeit. Das irakische
Gesundheitssystem ist so heruntergekommen, dass an eine
Chirurgie am offenen Herzen, noch dazu bei Säuglingen und
Kindern, nicht zu denken ist. Das aber bedeutet den Tod der
Kinder. Die meisten sterben schon im Säuglings- oder
Kleinkindesalter, nur wenige erreichen die Pubertät und auch sie
sterben einen frühen Tod. Und dann erreichen mich e-mails wie
diese von unseren Partnerärzten: „Mein kleiner Patient Ali
konnte den Lauf seines Lebens nicht vollenden, er starb an
meiner Abteilung im Alter von 16 Monaten.“
Welche Tragödien solche Erkrankungen in irakischen Familien
verursachen, ist für uns kaum vorstellbar. Ein klassisches
Beispiel stellt die 14jährige Fatin dar, die derzeit in
Österreich behandelt wird. Ihr Herzfehler, eigentlich eine
Kombination aus vier Herzfehlern, würde bei uns im ersten
Lebensjahr operiert werden. Die Mutter, eine Analphabetin aus
einem Dorf im Südirak, erzählte mir, dass sie wenige Tage nach
der Geburt des Kindes erfuhr, dass Fatin eine lebensrettende
Operation braucht. Im Irak gab es keine Möglichkeit dazu, und
niemals hätte sie zu denken gewagt, genug Geld zu haben, um das
Mädchen im Ausland behandeln zu lassen. So nahm das Schicksal
seinen Lauf und der chronische Sauerstoffmangel forderte seinen
Tribut: Fatin ist 14 Jahre alt und wiegt 22 Kilogramm, ihre Haut
ist fast dunkelblau und das Sprechen scheint sie zunehmend
verlernt zu haben, wie ihre Mutter erzählte, die Mutter, die bei
all dem hilflos zuschauen musste. Ein Schulbesuch war aufgrund
der Erkrankung des Mädchens nie möglich, zu Hause kann sich
Fatin normal bewegen, aber eine Gehstrecke von 100, 200 Meter
strengt sie furchtbar an. Sie hat nur halb so viel Sauerstoff in
ihrem Blut als ein normaler Mensch. Und selbst der Professor,
der ihre Behandlung in Österreich übernahm, sagte mir, er hätte
noch nie ein Kind in einem derartig schlechten Zustand gesehen,
es grenze schon an ein Wunder, dass sie damit 14 Jahre alt
geworden ist. Länger als einige Monate hätte sie sicher nicht
mehr überlebt. Das ist das tragische Schicksal von kranken
Kindern in einem Dritte-Welt-Land und leider zählt der Irak, der
über so reiche Bodenschätze verfügt, heute dazu. Als ich darüber
dem Arzt schrieb, der mir das Kind geschickt hatte, meinte er,
er kenne unzählige solcher Kinder, die in einem gleich
schlechten oder noch schlechteren Zustand wären, als Fatin.
Schon lange hat mich dieses Problem beschäftigt, zwei Mal hatten
wir ein Kleinkind mit einem angeborenen Herzfehler in Österreich
zur Behandlung, zwei unter Dutzenden haben eine Überlebenschance
erhalten. Mohammed und Mariana sind heute normale Dreijährige.
Wie aber könnten wir mehren Kinder diese Chance geben? Gemeinsam
mit einer Österreicherin libanesischer Herkunft versuchten wir,
ein Projekt auf die Beine zu stellen, dass solche Kinder in
Beirut operiert werden können. Der Krieg im Libanon im Sommer
2006 hat dieses Projekt beendet, bevor es gegründet wurde.
Operation am offenen Herzen
Schließlich erfuhr ich von einem Projekt der Caritas Salzburg,
die seit Jahren Herzoperationen syrischer Kinder in Frankreich
unterstützt. Voraussetzung, dass ein Kind für eine Operation
akzeptiert wird, ist eine Untersuchung durch eine französische
Kinderkardiologin, die für diesen Zweck einmal pro Jahr nach
Damaskus reist. Die syrische Organisation „Terre des Hommes“ ist
der Partner vor Ort für dieses Projekt. Nach einigen
Verhandlungen gelang es uns, die Zusage zu erhalten, 20
irakische Kinder aus der Region Basra in dieses Projekt
einzubringen. Allerdings müssten wir einen Teil der Kosten
übernehmen. Durch eine straffe und kostengünstige Administration
gelang es der französischen Organisation „Mecenat Chirugie
Cardiaque Enfants du Monde“ die Kosten auf ein Minimum
herabzusetzen.
Am 5. Januar 2007 sollte es so weit sein, Frau Professor
Francine Leca, würde nach Damaskus reisen, um die syrischen
Kinder zu untersuchen. Der 6. Januar wurde für die Untersuchung
der irakischen Kinder reserviert. Auch wir (mein irakischer
Mitarbeiter und ich) buchten Flüge nach Damaskus. Eine intensive
Zeit der Vorbereitung begann im Oktober 2006. Unsere beiden
Partnerärzte in Basra suchten Kinder für die Behandlung aus. Die
Eltern wurden über die Bedingungen informiert und gaben ihre
Zustimmung. Nahezu alle Eltern mussten sich erst Pässe besorgen
- eine lange Prozedur im Chaos des Irak, einige erhielten ihre
Pässe nicht rechtzeitig. Und ein besonders tragischer Vorfall
passierte Ende November: der Vater eines vierjährigen Mädchens
war auf dem Heimweg vom Passamt, als er gekidnappt wurde. Zwei
Tage später fand man seine Leiche mit schweren Folterspuren an
seinem Körper. Eine der unzähligen täglichen Tragödien im Irak.
Mindestens 20 Leichen werden täglich irgendwo in Basra gefunden,
die meisten weisen Spuren von Folter auf. Wer sind die Täter?
Niemand weiß es, niemand will es wissen, denn zuviel wissen kann
gefährlich sein.
Bald schon ergab sich ein ernstes Hindernis für unsere Arbeit:
Unser ursprünglicher Plan wäre es gewesen, dass alle Familien
mit einem Bus von Basra nach Damaskus kämen, Gott sei Dank,
lässt Syrien irakische Staatsbürger noch immer ohne Visum die
Grenze passieren. Nun war aber innerhalb der letzten Monate der
Landweg von Basra nach Damaskus praktisch unbenützbar geworden,
die fast ausschließlich schiitischen Familien müssten auf ihrem
Weg nach Damaskus durch sunnitisches Gebiet, wo es schon genügt,
auf seiner Identitätskarte nicht den „richtigen“ Namen zu haben.
Unzählige verschwanden auf immer, ermordet durch Milizen, die
die Straßen kontrollieren. Dasselbe passiert Sunniten auf dem
Gebiet durch schiitisches Gebiet. Dieses Risiko konnten wir
daher nicht akzeptieren, ein anderer Weg musste gefunden werden:
ein Flug von Basra nach Damaskus. Nun gibt es zwar zweimal
wöchentlich eine Maschine der Iraqi Airways, die auf dieser
Strecke fliegt, aber: der Preis wäre viel zu hoch gewesen. Etwa
1.000 Dollar für eine Person und ein Kind für den Hin- und
Rückflug, das konnten sich weder die Familien, noch wir uns
leisten. Wir kontaktierten auf verschiedenen Wegen (sogar über
Irland) die britische Armee, die amerikanische Armee, die
jordanische Fluglinie, ja sogar den Gemeinderat von Basra, alles
vergeblich. Schließlich kontaktieren wir über die Caritas
Salzburg das jordanische Königshaus, wo wir dann unmittelbar
nach Weihnachten die Zusage erhielten, dass eine jordanische
Militärmaschine die Kinder von Basra nach Amman fliegen würde,
von dort ginge es mit dem Bus weiter nach Damaskus. Das war wie
ein verspätetes Weihnachtsgeschenk! Eine Landegenehmigung in
Basra lag schon vor, alle anderen Details sollten wir kurz vor
dem Abflug erfahren.
Ein Stehplatz im Flugzeug
Dann aber kam der Jahreswechsel und ein hohes Fest in den
arabischen Ländern gleichzeitig und die Büros in Jordanien waren
12 Tage durchgehend geschlossen. Am Vorabend unseres Abfluges
erfuhren wir, dass es sich doch nicht ausgehen würde, das
jordanische Flugzeug könnte nicht nach Basra kommen – und das
löst Panik bei mir aus. Wozu sollen wir dann am nächsten Tag
nach Damaskus fliegen? Telefonat mit den irakischen Ärzten –
kann einer von ihnen am nächsten Tag nach Damaskus kommen, mit
allen Befunden der Kinder? Vielleicht könnte man die
französische Ärztin überzeugen, dass besondere Umstände
besondere Vorgangsweisen erfordern? Nachfrage bei der irakischen
Fluglinie, die Maschine am nächsten Tag ist ausgebucht. Der
irakische Kollege ist hartnäckig und erreicht folgende Zusage:
Notfalls bekäme er einen „Stehplatz“ im Flugzeug, da es sich um
eine dringende Sache handelt (klingt unwahrscheinlich, ist aber
wahr!) Auch die irakischen Ärzte sind verzweifelt, sie stehen
unter der Erwartungshaltung der Eltern der kranken Kinder, die
hatten die Chance schon vor sich gesehen, dass ihre Kinder
geheilt werden und sind nun umso mehr enttäuscht. „Die Menschen
können eine solche Enttäuschung in dieser Zeit kaum ertragen,
ihr Alltag ist eine einzige Frustration. Wir leben unter Stress
und großer Angst….“ wird mir Dr. N. später in Damaskus sagen und
ich höre ein wenig seine Angst dabei heraus. Nicht selten wurden
Ärzte von frustrierten Patienten umgebracht innerhalb der letzen
Jahre… Auch die Kollegin, Dr. J. macht einen Entsetzensschrei,
als ich ihr die neuen Umstände telefonisch mitteile. Ich
verstehe sie, aber was soll ich tun? Wir können nur versuchen,
das Beste aus der Situation zu machen.
Also fliegen wir beide doch am nächsten Morgen nach Damaskus.
Father Suleiman, der die syrische Hilfsorganisation leitet,
empfängt uns herzlich, wir können im Haus von „Terre des Hommes“
wohnen. Am Nachmittag trifft auch Dr. N. ein, mit ihm drei Väter
mit drei Kleinkindern, zweien davon ist ihre Erkrankung schon im
Gesicht abzulesen, ihre kleinen Gesichter tragen die typisch
blaue Farbe, und ihre Fingerendglieder sind aufgetrieben, beides
Zeichen, dass sie zuwenig Sauerstoff im Blut haben. Mehrere
Familien waren mit ihren Kinder zum Flughafen in Basra gefahren,
in der Hoffnung, dass jemand seinen Flug stornieren würde. Die
ersten drei, die dort eintrafen, haben es geschafft, sie konnten
mitfliegen. Alle drei hatten sich das Geld für den Hinflug
ausgeborgt, ohne zu wissen, wie sie zurückfliegen könnten, denn
die Flugkosten sind höher als ein Hilfsarbeiter in einem Jahr
verdienen kann. Die anderen Familien gingen bitter enttäuscht
nach Hause. Können wir uns wirklich vorstellen, wie sie sich
gefühlt haben?
Einem der Väter wurde am Flughafen in Damaskus der Pass
abgenommen, weil er einen ähnlichen Namen hatte, wie eine
Person, die in Syrien auf einer schwarzen Liste steht.
Eigentlich wollte man ihn ins Gefängnis stecken, aber Dr. N.
verbürgte sich für ihn, also ließ man ihn nach stundenlangem
Warten gehen und bestellte ihn am nächsten Tag ins
Einwanderungsbüro. Da wurde es dann kurios: man erklärte ihm, es
wäre nun alles in Ordnung und man überreichte ihm den Pass. Das
aber war nicht sein Pass, sondern der einer ägyptischen
Staatsbürgerin. Als er den Beamten darauf aufmerksam machte,
stellte man fest, dass sein Pass verschwunden war. Wie sollte er
nun mit dem Kind nach Hause kommen?
Dr. N. erzählt über die Arbeitsbedingungen in einem Spital im
Süden des Irak. Häufig geschieht es, dass das Spital 70 Ampullen
Penicillin erhält als Bedarf für einen ganzen Monat. 70 Ampullen
aber verbrauche man in zwei Tagen, dann hätte man nicht einmal
mehr ein Antibiotikum in Händen. Außerdem wären die Medikamente
alle aus einer unbekannten, indischen Produktion, ihre
Wirksamkeit wäre mit der von europäischen Medikamenten nicht zu
vergleichen. Offenbar wird hier von den verantwortlichen Stellen
nur das Billigste eingekauft und das nur in minimalen Mengen. So
war es auch passiert, dass drei Kinder, die auf der Liste zur
Behandlung in Frankreich standen, vor kurzem gestorben waren:
ihre stark geschwächten kleinen Körper hatten eine
Lungenentzündung nicht ausgehalten. Während eine ungewöhnliche
Kälteperiode den Südirak heimsuchte, gab es keine Medikamente,
um diese Kinder mit ihrer stark herabgesetzten Abwehrlage zu
behandeln. Ich frage mich immer wieder, wie die irakischen Ärzte
es schaffen, täglich am Morgen aufzustehen und wieder ins
Krankenhaus zu ihrer Arbeit zu gehen. Ich frage Dr. N., der
Vater zweier kleiner Jungen ist, ob er das Land nicht verlassen
möchte? Sein Bruder, ein Internist, wäre vor sechs Monaten nach
Dubai gegangen, meint er, er könnte ihm dort jederzeit einen
Posten beschaffen. Aber: nein, er möchte bleiben, bei seinen
kleinen Patienten, in seiner Heimat. Wenn alle Ärzte gehen, was
wird dann aus den Kranken? fragt er. Was wird aus ihm werden,
frage ich mich. Und, als ob er meine Gedanken lesen könnte, sagt
er: Man könne nur mehr einen Tag nach dem anderen Leben, grad
einmal 24 Stunden weiterdenken. Zukunft, nein, die gäbe es nicht
mehr und viel Hoffnung auch nicht, grad mal soviel, um den
jeweils nächsten Tag auch noch erleben zu können. Für mich sind
solche Menschen Helden und ich habe das Glück, solche Ärzte als
Projektpartner zu haben. Wie gerne würde ich sie mehr in ihrer
Arbeit unterstützen! Wenn es auch viel ist, was wir in den
letzten Jahren in Basra getan haben, wie wenig ist es im
Vergleich zum Ausmaß des Elends, das in diesem Land herrscht!
Der 6. Januar, der Tag, an dem Frau Professor Leca 20 irakische
Kinder untersuchen soll, ist da und statt 20 Kindern sind also
nur 3 hier. Der kleine, 15 Monate alte, Abdelrazaq kommt in die
höchste Dringlichkeitsstufe: Operation innerhalb von 3 Monaten
notwendig, er wird in das französische Programm aufgenommen. Das
zweite Kind, Hussam soll innerhalb der nächsten 6 Monate
operiert werden, die kleine Hiba ist besser dran, bei ihr kann
man abwarten, sie soll vorerst nur regelmäßig kontrolliert
werden. Und anstelle der 17 anderen Kinder schauen wir uns eben
nur die Befunde an. Leider sind die meisten Befunde bei den
Eltern und so können bei unserer Besprechung nicht viele
Entscheidungen getroffen werden. Dr. N. wird mir alle
notwendigen Befunde schicken und ich werde sie nach Frankreich
weiterleiten. Dann wird Frau Professor Leca ihre Entscheidungen
über die Dringlichkeit der Operationen treffen. Sie stimmt zu,
dass unter den gegebenen, schwierigen Umständen andere
Handlungsweisen zu wählen sind.
Hunderttausende irakische Flüchtlinge in Syrien
Damaskus ist überschwemmt von Irakern. Im Hof von Terre des
Hommes lernen wir eine Familie aus Diwaniya kennen, die ihr Haus
verkaufte, um Hilfe für ihr herzkrankes Kind in Syrien zu
suchen. Auch sie landete bei „Terre des Hommes“. Mehr als drei
Millionen Iraker haben während der letzten Jahre entweder das
Land verlassen oder sind Flüchtlinge innerhalb des Irak. Ganz
besonders viele sind in den Süden des Irak geflüchtet, dort sind
innerhalb der letzten drei Jahre „nur“ 10.000 Menschen
umgekommen, daher gilt der Süden noch als relativ „sicher“. Die
Binnenflüchtlinge führen zu enormen Problemen: kein Dach über
dem Kopf, keine Arbeit, kein Essen, sie überschwemmen die
Spitäler, die ohnehin täglich am Rande des Kollaps arbeiten. Der
Irak blutet und es ist kein Ende abzusehen angesichts der
täglichen Gewalt im Land. Schätzungen sagen, dass in Syrien mehr
als eine Million Iraker Zuflucht genommen haben, das
UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass täglich 2.000
Menschen die Grenze Richtung Syrien passieren. Syrien ist
mittlerweile das einzige Land, das Menschen mit irakischem Pass
seine Grenze ohne Visum passieren lässt, allerdings müssen sie
alle sechs Monate zur Grenze reisen, um dort ihren Aufenthalt
verlängern zu lassen. Wie lange noch wird das noch so
funktionieren? Bis vor kurzem galt das gleiche für Jordanien,
aber da gibt es mittlerweile viele Beschränkungen. Diese hohe
Anzahl an Flüchtlingen wirft natürlich in Syrien gewaltige
Probleme auf, die Mieten steigen rasant, die Preise für
Lebensmittel ebenso, Arbeitsplätze sind knapp. Die irakischen
Flüchtlinge erhalten keine Arbeitsgenehmigung und wissen nicht,
wie sie ihren Unterhalt finanzieren. Und doch war es interessant
für mich zu hören, wie hilfsbereit die syrische Bevölkerung ist.
Wenn B. im Taxi erzählte, er wäre Iraker, meinte der Taxifahrer
sofort: „Willkommen bei uns!“ Und von österreichischen Freunden,
die in Syrien leben, weiß ich, wie gut die Nachbarschaftshilfe
für die irakischen Flüchtlinge funktioniert.
Der Vater, der das Problem mit seinem Pass hatte, hat seinen
eigenen Pass wieder. Was den dreien noch fehlt, ist das Geld für
den Heimflug, da müssen wir aushelfen – und so können die drei
Väter mit ihren Kindern gemeinsam mit Dr. N. wieder heimreisen.
Am selben Tag kommt unsere Patientin, die kleine Athra,
gemeinsam mit ihrer Großmutter und ihrem Onkel in Damaskus an.
Der Onkel hatte die beiden bis Damaskus begleitet, nun sind sie
in unserer Obhut. Am nächsten Tag holen wir das Visum von der
österreichischen Botschaft und erfahren dort von den unzähligen
Irakern und ihren Schicksalen, die sich um ein Visum nach
Österreich erkundigen. Leider gibt es für sie keine Chance.
Europa hat seine Grenzen längst dicht gemacht.
Athras Großmutter ist in den Fünfziger Jahren geboren und ist
Analphabetin. Sie versuchte zwar das gesetzlich vorge-schriebene
staatliche Alpha-betisierungsprogramm in den Siebziger Jahren
mitzumachen, aber ihre Schwangerschaften hielten sie letzten
Endes davon ab. Und so lernte sie nie lesen oder schreiben. Sie
hat es auch nicht wirklich gebraucht. Ihr Ehemann starb vor 20
Jahren und jetzt wohnt sie gemeinsam mit drei ihrer
verheirateten Söhne, deren Frauen und Kindern im gleichen Haus,
18 Personen zählt der Haushalt, und es mangelt an Platz. Als sie
gefragt wird, ob sie sich denn fürchte, vor der großen Reise in
das unbekannte Land in Europa, meint sie: Nein, davor fürchte
sie sich nicht, auch nicht vorm Fliegen, aber sie hätte Angst
davor, dort allein zu sein. Das wäre sie noch nie in ihrem Leben
gewesen. Aber Allah werde ihr schon helfen, es geht um ihr
Enkelkind und da ist es unwichtig, ob sie selbst Angst habe oder
nicht. Ein Onkel des Kindes hat die beiden bis Damaskus
begleitet, als ihn Karin, eine deutsche Journalistin, fragt, wie
viel er denn verdiene, gibt er bereitwillig Auskunft:
umgerechnet 70 Dollar im Monat. Im Haushalt wohnen drei Männer,
die im arbeitsfähigen Alter sind, sie sind alle Hilfsarbeiter,
macht 210 Dollar – also ca. 160 Euro - monatlich für eine
18köpfige Familie, das sind knapp 30 Cent pro Kopf und Tag!
Davon kann man auch im Irak nicht leben. Früher, vor dem letzten
Krieg, hatten sie Ackerbau betrieben und Gemüse angebaut, jetzt
wagt niemand mehr auf den Feldern zu arbeiten, da die Bauern bei
ihrer Arbeit immer wieder überfallen werden. Trinkwasser müssten
sie kaufen in ihrem Dorf, denn seit 1991 läuft nur mehr eine
ungenießbare Brühe aus der Wasserleitung.
Am 10. Januar fliegen wir heim und mit uns die zweijährige
Athra, viel zu klein und zu zart für ihr Alter. Sie ist ein
mustergültiger Flugpassagier, ebenso wie ihre Großmutter auf der
ersten großen Reise ihres Lebens. Nach der Landung in Wien
werden beide direkt ins Krankenhaus gebracht, wo Athra auf die
große Operation vorbereitet wird, die ihr ein neues Leben
eröffnen soll. Am 19. Januar werden weitere zwei herzkranke
Kinder aus dem Südirak in Österreich eintreffen, sie werden in
Graz operiert werden.
Wir stehen nun wieder einmal vor einem Problem und das heißt wie
immer: Geld! Die Behandlung der drei Kinder, die in Österreich
operiert werden ist gesichert. Was aber machen wir mit den 20
Kindern, für die wir eine Operationszusage entweder schon haben
oder erwarten? Bei vier von den Kindern, die für eine Operation
in Frankreich evt. in Frage kommen, sollte zuvor eine
Ultraschalluntersuchung gemacht werden, bei ihnen sind die
Befunde völlig unklar. In Damaskus gibt es einen Arzt, der in
Frankreich ausgebildet ist und auf dessen Befunde man sich
verlassen kann, ihn habe ich ebenfalls kennengelernt. Im ganzen
Südirak gibt es keinen Kinderkardiologen mehr (18.000 Ärzte
haben das Land innerhalb der letzten Jahre verlassen, das ist
mehr als die Hälfte der Ärzteschaft). Diese vier Kinder sollten
mit jeweils einem Elternteil nach Damaskus zur Untersuchung
reisen – und das so bald, als möglich. Die Flüge würden ca.
4.000 Dollar kosten. Darüber hinaus werden bei den Kindern, die
nach Frankreich zur Operation reisen sollten, Kosten in der Höhe
von ca. Euro 3.500 anfallen. Das ist viel Geld, zugleich aber
wenig im Vergleich mit den normalen Kosten einer solchen
Operation (bei uns werden durchschnittlich Euro 30.000,-
berechnet!) Und: wie teuer ist ein Menschenleben? Bei 20 Kindern
macht das insgesamt Euro 70.000 – woher sollen wir soviel Geld
nehmen, um diesen Kindern eine Chance auf ein normales Leben zu
geben? Ich weiß es nicht. Wenn ich von den Beträgen lese, die
der Irakkrieg kostet, von den astronomischen Beträgen, die
jährlich für die Rüstung auf dieser Welt ausgegeben wird, wenn
ich lese, dass das amerikanische Militärbudget um 700 Milliarden
Dollar aufgestockt werden soll, so fühle ich mich so hilflos und
ohnmächtig. Das wäre genug Geld, damit kein anderes Kind auf
dieser Erde das Schicksal erleiden müsste, das Fatin hat: ein
Kind, nur mehr ein Schatten seiner selbst, die Haut tiefblau vom
Sauerstoffmangel – und in seinen Augen alles Leid dieser Welt.
Wenn Sie den herzkranken
Kinder helfen wollen:
SPENDENKONTO IN ÖSTERREICH:
Erste Bank Wien
(BLZ 20111)
Konto Nr. 28520096800
„Aladins Wunderlampe“
IBAN: AT282011128520096800
BIC: GIBAATWW
SPENDENKONTO IN DEUTSCHLAND:
Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG
(BLZ 38020090)
Konto Nr. 0364524226
"Aladins Wunderlampe Deutschland e.V." |