Ein – gesundes – Herz für Kinder aus Basra
Damaskus (Syrien), 5. bis 10. Januar 2007
   von Dr. Eva-Maria Hobiger

   

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Reise nach Damaskus: 5. bis 10. Januar 2007

Im Rahmen unserer Arbeit für die kranken Kinder in Basra wurden uns immer wieder Kinder vorgestellt, die an angeborenen Herzfehlern leiden. Während bei uns diese Erkrankungen selten wurden, gibt es im Irak viele, viele Kinder, die an einem solchen Herzfehler leiden. Unterernährung und andere Risikofaktoren in der Schwangerschaft, aber auch die Ehe unter zu nahen Blutsverwandten können eine angeborene Fehlbildung am Herzen verursachen. Während diese Kinder bei uns schon bald nach der Geburt operiert werden und danach ein normales Leben führen, ja sogar Sport betreiben können, gibt es für solche Kinder im Irak keinerlei Behandlungsmöglichkeit. Das irakische Gesundheitssystem ist so heruntergekommen, dass an eine Chirurgie am offenen Herzen, noch dazu bei Säuglingen und Kindern, nicht zu denken ist. Das aber bedeutet den Tod der Kinder. Die meisten sterben schon im Säuglings- oder Kleinkindesalter, nur wenige erreichen die Pubertät und auch sie sterben einen frühen Tod. Und dann erreichen mich e-mails wie diese von unseren Partnerärzten: „Mein kleiner Patient Ali konnte den Lauf seines Lebens nicht vollenden, er starb an meiner Abteilung im Alter von 16 Monaten.“

Welche Tragödien solche Erkrankungen in irakischen Familien verursachen, ist für uns kaum vorstellbar. Ein klassisches Beispiel stellt die 14jährige Fatin dar, die derzeit in Österreich behandelt wird. Ihr Herzfehler, eigentlich eine Kombination aus vier Herzfehlern, würde bei uns im ersten Lebensjahr operiert werden. Die Mutter, eine Analphabetin aus einem Dorf im Südirak, erzählte mir, dass sie wenige Tage nach der Geburt des Kindes erfuhr, dass Fatin eine lebensrettende Operation braucht. Im Irak gab es keine Möglichkeit dazu, und niemals hätte sie zu denken gewagt, genug Geld zu haben, um das Mädchen im Ausland behandeln zu lassen. So nahm das Schicksal seinen Lauf und der chronische Sauerstoffmangel forderte seinen Tribut: Fatin ist 14 Jahre alt und wiegt 22 Kilogramm, ihre Haut ist fast dunkelblau und das Sprechen scheint sie zunehmend verlernt zu haben, wie ihre Mutter erzählte, die Mutter, die bei all dem hilflos zuschauen musste. Ein Schulbesuch war aufgrund der Erkrankung des Mädchens nie möglich, zu Hause kann sich Fatin normal bewegen, aber eine Gehstrecke von 100, 200 Meter strengt sie furchtbar an. Sie hat nur halb so viel Sauerstoff in ihrem Blut als ein normaler Mensch. Und selbst der Professor, der ihre Behandlung in Österreich übernahm, sagte mir, er hätte noch nie ein Kind in einem derartig schlechten Zustand gesehen, es grenze schon an ein Wunder, dass sie damit 14 Jahre alt geworden ist. Länger als einige Monate hätte sie sicher nicht mehr überlebt. Das ist das tragische Schicksal von kranken Kindern in einem Dritte-Welt-Land und leider zählt der Irak, der über so reiche Bodenschätze verfügt, heute dazu. Als ich darüber dem Arzt schrieb, der mir das Kind geschickt hatte, meinte er, er kenne unzählige solcher Kinder, die in einem gleich schlechten oder noch schlechteren Zustand wären, als Fatin.

Schon lange hat mich dieses Problem beschäftigt, zwei Mal hatten wir ein Kleinkind mit einem angeborenen Herzfehler in Österreich zur Behandlung, zwei unter Dutzenden haben eine Überlebenschance erhalten. Mohammed und Mariana sind heute normale Dreijährige. Wie aber könnten wir mehren Kinder diese Chance geben? Gemeinsam mit einer Österreicherin libanesischer Herkunft versuchten wir, ein Projekt auf die Beine zu stellen, dass solche Kinder in Beirut operiert werden können. Der Krieg im Libanon im Sommer 2006 hat dieses Projekt beendet, bevor es gegründet wurde.

Operation am offenen Herzen

Schließlich erfuhr ich von einem Projekt der Caritas Salzburg, die seit Jahren Herzoperationen syrischer Kinder in Frankreich unterstützt. Voraussetzung, dass ein Kind für eine Operation akzeptiert wird, ist eine Untersuchung durch eine französische Kinderkardiologin, die für diesen Zweck einmal pro Jahr nach Damaskus reist. Die syrische Organisation „Terre des Hommes“ ist der Partner vor Ort für dieses Projekt. Nach einigen Verhandlungen gelang es uns, die Zusage zu erhalten, 20 irakische Kinder aus der Region Basra in dieses Projekt einzubringen. Allerdings müssten wir einen Teil der Kosten übernehmen. Durch eine straffe und kostengünstige Administration gelang es der französischen Organisation „Mecenat Chirugie Cardiaque Enfants du Monde“ die Kosten auf ein Minimum herabzusetzen.


Am 5. Januar 2007 sollte es so weit sein, Frau Professor Francine Leca, würde nach Damaskus reisen, um die syrischen Kinder zu untersuchen. Der 6. Januar wurde für die Untersuchung der irakischen Kinder reserviert. Auch wir (mein irakischer Mitarbeiter und ich) buchten Flüge nach Damaskus. Eine intensive Zeit der Vorbereitung begann im Oktober 2006. Unsere beiden Partnerärzte in Basra suchten Kinder für die Behandlung aus. Die Eltern wurden über die Bedingungen informiert und gaben ihre Zustimmung. Nahezu alle Eltern mussten sich erst Pässe besorgen - eine lange Prozedur im Chaos des Irak, einige erhielten ihre Pässe nicht rechtzeitig. Und ein besonders tragischer Vorfall passierte Ende November: der Vater eines vierjährigen Mädchens war auf dem Heimweg vom Passamt, als er gekidnappt wurde. Zwei Tage später fand man seine Leiche mit schweren Folterspuren an seinem Körper. Eine der unzähligen täglichen Tragödien im Irak. Mindestens 20 Leichen werden täglich irgendwo in Basra gefunden, die meisten weisen Spuren von Folter auf. Wer sind die Täter? Niemand weiß es, niemand will es wissen, denn zuviel wissen kann gefährlich sein.

Bald schon ergab sich ein ernstes Hindernis für unsere Arbeit: Unser ursprünglicher Plan wäre es gewesen, dass alle Familien mit einem Bus von Basra nach Damaskus kämen, Gott sei Dank, lässt Syrien irakische Staatsbürger noch immer ohne Visum die Grenze passieren. Nun war aber innerhalb der letzten Monate der Landweg von Basra nach Damaskus praktisch unbenützbar geworden, die fast ausschließlich schiitischen Familien müssten auf ihrem Weg nach Damaskus durch sunnitisches Gebiet, wo es schon genügt, auf seiner Identitätskarte nicht den „richtigen“ Namen zu haben. Unzählige verschwanden auf immer, ermordet durch Milizen, die die Straßen kontrollieren. Dasselbe passiert Sunniten auf dem Gebiet durch schiitisches Gebiet. Dieses Risiko konnten wir daher nicht akzeptieren, ein anderer Weg musste gefunden werden: ein Flug von Basra nach Damaskus. Nun gibt es zwar zweimal wöchentlich eine Maschine der Iraqi Airways, die auf dieser Strecke fliegt, aber: der Preis wäre viel zu hoch gewesen. Etwa 1.000 Dollar für eine Person und ein Kind für den Hin- und Rückflug, das konnten sich weder die Familien, noch wir uns leisten. Wir kontaktierten auf verschiedenen Wegen (sogar über Irland) die britische Armee, die amerikanische Armee, die jordanische Fluglinie, ja sogar den Gemeinderat von Basra, alles vergeblich. Schließlich kontaktieren wir über die Caritas Salzburg das jordanische Königshaus, wo wir dann unmittelbar nach Weihnachten die Zusage erhielten, dass eine jordanische Militärmaschine die Kinder von Basra nach Amman fliegen würde, von dort ginge es mit dem Bus weiter nach Damaskus. Das war wie ein verspätetes Weihnachtsgeschenk! Eine Landegenehmigung in Basra lag schon vor, alle anderen Details sollten wir kurz vor dem Abflug erfahren.

Ein Stehplatz im Flugzeug

Dann aber kam der Jahreswechsel und ein hohes Fest in den arabischen Ländern gleichzeitig und die Büros in Jordanien waren 12 Tage durchgehend geschlossen. Am Vorabend unseres Abfluges erfuhren wir, dass es sich doch nicht ausgehen würde, das jordanische Flugzeug könnte nicht nach Basra kommen – und das löst Panik bei mir aus. Wozu sollen wir dann am nächsten Tag nach Damaskus fliegen? Telefonat mit den irakischen Ärzten – kann einer von ihnen am nächsten Tag nach Damaskus kommen, mit allen Befunden der Kinder? Vielleicht könnte man die französische Ärztin überzeugen, dass besondere Umstände besondere Vorgangsweisen erfordern? Nachfrage bei der irakischen Fluglinie, die Maschine am nächsten Tag ist ausgebucht. Der irakische Kollege ist hartnäckig und erreicht folgende Zusage: Notfalls bekäme er einen „Stehplatz“ im Flugzeug, da es sich um eine dringende Sache handelt (klingt unwahrscheinlich, ist aber wahr!) Auch die irakischen Ärzte sind verzweifelt, sie stehen unter der Erwartungshaltung der Eltern der kranken Kinder, die hatten die Chance schon vor sich gesehen, dass ihre Kinder geheilt werden und sind nun umso mehr enttäuscht. „Die Menschen können eine solche Enttäuschung in dieser Zeit kaum ertragen, ihr Alltag ist eine einzige Frustration. Wir leben unter Stress und großer Angst….“ wird mir Dr. N. später in Damaskus sagen und ich höre ein wenig seine Angst dabei heraus. Nicht selten wurden Ärzte von frustrierten Patienten umgebracht innerhalb der letzen Jahre… Auch die Kollegin, Dr. J. macht einen Entsetzensschrei, als ich ihr die neuen Umstände telefonisch mitteile. Ich verstehe sie, aber was soll ich tun? Wir können nur versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Also fliegen wir beide doch am nächsten Morgen nach Damaskus. Father Suleiman, der die syrische Hilfsorganisation leitet, empfängt uns herzlich, wir können im Haus von „Terre des Hommes“ wohnen. Am Nachmittag trifft auch Dr. N. ein, mit ihm drei Väter mit drei Kleinkindern, zweien davon ist ihre Erkrankung schon im Gesicht abzulesen, ihre kleinen Gesichter tragen die typisch blaue Farbe, und ihre Fingerendglieder sind aufgetrieben, beides Zeichen, dass sie zuwenig Sauerstoff im Blut haben. Mehrere Familien waren mit ihren Kinder zum Flughafen in Basra gefahren, in der Hoffnung, dass jemand seinen Flug stornieren würde. Die ersten drei, die dort eintrafen, haben es geschafft, sie konnten mitfliegen. Alle drei hatten sich das Geld für den Hinflug ausgeborgt, ohne zu wissen, wie sie zurückfliegen könnten, denn die Flugkosten sind höher als ein Hilfsarbeiter in einem Jahr verdienen kann. Die anderen Familien gingen bitter enttäuscht nach Hause. Können wir uns wirklich vorstellen, wie sie sich gefühlt haben?

Einem der Väter wurde am Flughafen in Damaskus der Pass abgenommen, weil er einen ähnlichen Namen hatte, wie eine Person, die in Syrien auf einer schwarzen Liste steht. Eigentlich wollte man ihn ins Gefängnis stecken, aber Dr. N. verbürgte sich für ihn, also ließ man ihn nach stundenlangem Warten gehen und bestellte ihn am nächsten Tag ins Einwanderungsbüro. Da wurde es dann kurios: man erklärte ihm, es wäre nun alles in Ordnung und man überreichte ihm den Pass. Das aber war nicht sein Pass, sondern der einer ägyptischen Staatsbürgerin. Als er den Beamten darauf aufmerksam machte, stellte man fest, dass sein Pass verschwunden war. Wie sollte er nun mit dem Kind nach Hause kommen?

Dr. N. erzählt über die Arbeitsbedingungen in einem Spital im Süden des Irak. Häufig geschieht es, dass das Spital 70 Ampullen Penicillin erhält als Bedarf für einen ganzen Monat. 70 Ampullen aber verbrauche man in zwei Tagen, dann hätte man nicht einmal mehr ein Antibiotikum in Händen. Außerdem wären die Medikamente alle aus einer unbekannten, indischen Produktion, ihre Wirksamkeit wäre mit der von europäischen Medikamenten nicht zu vergleichen. Offenbar wird hier von den verantwortlichen Stellen nur das Billigste eingekauft und das nur in minimalen Mengen. So war es auch passiert, dass drei Kinder, die auf der Liste zur Behandlung in Frankreich standen, vor kurzem gestorben waren: ihre stark geschwächten kleinen Körper hatten eine Lungenentzündung nicht ausgehalten. Während eine ungewöhnliche Kälteperiode den Südirak heimsuchte, gab es keine Medikamente, um diese Kinder mit ihrer stark herabgesetzten Abwehrlage zu behandeln. Ich frage mich immer wieder, wie die irakischen Ärzte es schaffen, täglich am Morgen aufzustehen und wieder ins Krankenhaus zu ihrer Arbeit zu gehen. Ich frage Dr. N., der Vater zweier kleiner Jungen ist, ob er das Land nicht verlassen möchte? Sein Bruder, ein Internist, wäre vor sechs Monaten nach Dubai gegangen, meint er, er könnte ihm dort jederzeit einen Posten beschaffen. Aber: nein, er möchte bleiben, bei seinen kleinen Patienten, in seiner Heimat. Wenn alle Ärzte gehen, was wird dann aus den Kranken? fragt er. Was wird aus ihm werden, frage ich mich. Und, als ob er meine Gedanken lesen könnte, sagt er: Man könne nur mehr einen Tag nach dem anderen Leben, grad einmal 24 Stunden weiterdenken. Zukunft, nein, die gäbe es nicht mehr und viel Hoffnung auch nicht, grad mal soviel, um den jeweils nächsten Tag auch noch erleben zu können. Für mich sind solche Menschen Helden und ich habe das Glück, solche Ärzte als Projektpartner zu haben. Wie gerne würde ich sie mehr in ihrer Arbeit unterstützen! Wenn es auch viel ist, was wir in den letzten Jahren in Basra getan haben, wie wenig ist es im Vergleich zum Ausmaß des Elends, das in diesem Land herrscht!

Der 6. Januar, der Tag, an dem Frau Professor Leca 20 irakische Kinder untersuchen soll, ist da und statt 20 Kindern sind also nur 3 hier. Der kleine, 15 Monate alte, Abdelrazaq kommt in die höchste Dringlichkeitsstufe: Operation innerhalb von 3 Monaten notwendig, er wird in das französische Programm aufgenommen. Das zweite Kind, Hussam soll innerhalb der nächsten 6 Monate operiert werden, die kleine Hiba ist besser dran, bei ihr kann man abwarten, sie soll vorerst nur regelmäßig kontrolliert werden. Und anstelle der 17 anderen Kinder schauen wir uns eben nur die Befunde an. Leider sind die meisten Befunde bei den Eltern und so können bei unserer Besprechung nicht viele Entscheidungen getroffen werden. Dr. N. wird mir alle notwendigen Befunde schicken und ich werde sie nach Frankreich weiterleiten. Dann wird Frau Professor Leca ihre Entscheidungen über die Dringlichkeit der Operationen treffen. Sie stimmt zu, dass unter den gegebenen, schwierigen Umständen andere Handlungsweisen zu wählen sind.

Hunderttausende irakische Flüchtlinge in Syrien

Damaskus ist überschwemmt von Irakern. Im Hof von Terre des Hommes lernen wir eine Familie aus Diwaniya kennen, die ihr Haus verkaufte, um Hilfe für ihr herzkrankes Kind in Syrien zu suchen. Auch sie landete bei „Terre des Hommes“. Mehr als drei Millionen Iraker haben während der letzten Jahre entweder das Land verlassen oder sind Flüchtlinge innerhalb des Irak. Ganz besonders viele sind in den Süden des Irak geflüchtet, dort sind innerhalb der letzten drei Jahre „nur“ 10.000 Menschen umgekommen, daher gilt der Süden noch als relativ „sicher“. Die Binnenflüchtlinge führen zu enormen Problemen: kein Dach über dem Kopf, keine Arbeit, kein Essen, sie überschwemmen die Spitäler, die ohnehin täglich am Rande des Kollaps arbeiten. Der Irak blutet und es ist kein Ende abzusehen angesichts der täglichen Gewalt im Land. Schätzungen sagen, dass in Syrien mehr als eine Million Iraker Zuflucht genommen haben, das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR schätzt, dass täglich 2.000 Menschen die Grenze Richtung Syrien passieren. Syrien ist mittlerweile das einzige Land, das Menschen mit irakischem Pass seine Grenze ohne Visum passieren lässt, allerdings müssen sie alle sechs Monate zur Grenze reisen, um dort ihren Aufenthalt verlängern zu lassen. Wie lange noch wird das noch so funktionieren? Bis vor kurzem galt das gleiche für Jordanien, aber da gibt es mittlerweile viele Beschränkungen. Diese hohe Anzahl an Flüchtlingen wirft natürlich in Syrien gewaltige Probleme auf, die Mieten steigen rasant, die Preise für Lebensmittel ebenso, Arbeitsplätze sind knapp. Die irakischen Flüchtlinge erhalten keine Arbeitsgenehmigung und wissen nicht, wie sie ihren Unterhalt finanzieren. Und doch war es interessant für mich zu hören, wie hilfsbereit die syrische Bevölkerung ist. Wenn B. im Taxi erzählte, er wäre Iraker, meinte der Taxifahrer sofort: „Willkommen bei uns!“ Und von österreichischen Freunden, die in Syrien leben, weiß ich, wie gut die Nachbarschaftshilfe für die irakischen Flüchtlinge funktioniert.

Der Vater, der das Problem mit seinem Pass hatte, hat seinen eigenen Pass wieder. Was den dreien noch fehlt, ist das Geld für den Heimflug, da müssen wir aushelfen – und so können die drei Väter mit ihren Kindern gemeinsam mit Dr. N. wieder heimreisen. Am selben Tag kommt unsere Patientin, die kleine Athra, gemeinsam mit ihrer Großmutter und ihrem Onkel in Damaskus an. Der Onkel hatte die beiden bis Damaskus begleitet, nun sind sie in unserer Obhut. Am nächsten Tag holen wir das Visum von der österreichischen Botschaft und erfahren dort von den unzähligen Irakern und ihren Schicksalen, die sich um ein Visum nach Österreich erkundigen. Leider gibt es für sie keine Chance. Europa hat seine Grenzen längst dicht gemacht.

Athras Großmutter ist in den Fünfziger Jahren geboren und ist Analphabetin. Sie versuchte zwar das gesetzlich vorge-schriebene staatliche Alpha-betisierungsprogramm in den Siebziger Jahren mitzumachen, aber ihre Schwangerschaften hielten sie letzten Endes davon ab. Und so lernte sie nie lesen oder schreiben. Sie hat es auch nicht wirklich gebraucht. Ihr Ehemann starb vor 20 Jahren und jetzt wohnt sie gemeinsam mit drei ihrer verheirateten Söhne, deren Frauen und Kindern im gleichen Haus, 18 Personen zählt der Haushalt, und es mangelt an Platz. Als sie gefragt wird, ob sie sich denn fürchte, vor der großen Reise in das unbekannte Land in Europa, meint sie: Nein, davor fürchte sie sich nicht, auch nicht vorm Fliegen, aber sie hätte Angst davor, dort allein zu sein. Das wäre sie noch nie in ihrem Leben gewesen. Aber Allah werde ihr schon helfen, es geht um ihr Enkelkind und da ist es unwichtig, ob sie selbst Angst habe oder nicht. Ein Onkel des Kindes hat die beiden bis Damaskus begleitet, als ihn Karin, eine deutsche Journalistin, fragt, wie viel er denn verdiene, gibt er bereitwillig Auskunft: umgerechnet 70 Dollar im Monat. Im Haushalt wohnen drei Männer, die im arbeitsfähigen Alter sind, sie sind alle Hilfsarbeiter, macht 210 Dollar – also ca. 160 Euro - monatlich für eine 18köpfige Familie, das sind knapp 30 Cent pro Kopf und Tag! Davon kann man auch im Irak nicht leben. Früher, vor dem letzten Krieg, hatten sie Ackerbau betrieben und Gemüse angebaut, jetzt wagt niemand mehr auf den Feldern zu arbeiten, da die Bauern bei ihrer Arbeit immer wieder überfallen werden. Trinkwasser müssten sie kaufen in ihrem Dorf, denn seit 1991 läuft nur mehr eine ungenießbare Brühe aus der Wasserleitung.

Am 10. Januar fliegen wir heim und mit uns die zweijährige Athra, viel zu klein und zu zart für ihr Alter. Sie ist ein mustergültiger Flugpassagier, ebenso wie ihre Großmutter auf der ersten großen Reise ihres Lebens. Nach der Landung in Wien werden beide direkt ins Krankenhaus gebracht, wo Athra auf die große Operation vorbereitet wird, die ihr ein neues Leben eröffnen soll. Am 19. Januar werden weitere zwei herzkranke Kinder aus dem Südirak in Österreich eintreffen, sie werden in Graz operiert werden.

Wir stehen nun wieder einmal vor einem Problem und das heißt wie immer: Geld! Die Behandlung der drei Kinder, die in Österreich operiert werden ist gesichert. Was aber machen wir mit den 20 Kindern, für die wir eine Operationszusage entweder schon haben oder erwarten? Bei vier von den Kindern, die für eine Operation in Frankreich evt. in Frage kommen, sollte zuvor eine Ultraschalluntersuchung gemacht werden, bei ihnen sind die Befunde völlig unklar. In Damaskus gibt es einen Arzt, der in Frankreich ausgebildet ist und auf dessen Befunde man sich verlassen kann, ihn habe ich ebenfalls kennengelernt. Im ganzen Südirak gibt es keinen Kinderkardiologen mehr (18.000 Ärzte haben das Land innerhalb der letzten Jahre verlassen, das ist mehr als die Hälfte der Ärzteschaft). Diese vier Kinder sollten mit jeweils einem Elternteil nach Damaskus zur Untersuchung reisen – und das so bald, als möglich. Die Flüge würden ca. 4.000 Dollar kosten. Darüber hinaus werden bei den Kindern, die nach Frankreich zur Operation reisen sollten, Kosten in der Höhe von ca. Euro 3.500 anfallen. Das ist viel Geld, zugleich aber wenig im Vergleich mit den normalen Kosten einer solchen Operation (bei uns werden durchschnittlich Euro 30.000,- berechnet!) Und: wie teuer ist ein Menschenleben? Bei 20 Kindern macht das insgesamt Euro 70.000 – woher sollen wir soviel Geld nehmen, um diesen Kindern eine Chance auf ein normales Leben zu geben? Ich weiß es nicht. Wenn ich von den Beträgen lese, die der Irakkrieg kostet, von den astronomischen Beträgen, die jährlich für die Rüstung auf dieser Welt ausgegeben wird, wenn ich lese, dass das amerikanische Militärbudget um 700 Milliarden Dollar aufgestockt werden soll, so fühle ich mich so hilflos und ohnmächtig. Das wäre genug Geld, damit kein anderes Kind auf dieser Erde das Schicksal erleiden müsste, das Fatin hat: ein Kind, nur mehr ein Schatten seiner selbst, die Haut tiefblau vom Sauerstoffmangel – und in seinen Augen alles Leid dieser Welt.

Wenn Sie den herzkranken Kinder helfen wollen:

SPENDENKONTO IN ÖSTERREICH:

Erste Bank Wien
(BLZ 20111)
Konto Nr. 28520096800
„Aladins Wunderlampe“
IBAN: AT282011128520096800
BIC: GIBAATWW

SPENDENKONTO IN DEUTSCHLAND:

  Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG
(BLZ 38020090)
Konto Nr. 0364524226
"Aladins Wunderlampe Deutschland e.V."

   

 

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