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CHAOS, VERZWEIFLUNG UND
HOFFNUNGSLOSIGKEIT: IRAK IM MÄRZ 2007
Der
Irak versinkt in einem immer größeren Chaos und die Verzweiflung
der Menschen treibt immer mehr in die Flucht. Jordanien, das bis
Jahresbeginn keine Visa von den Irakern forderte, hat seine
Grenze vor den Flüchtlingsströmen verschlossen, 750.000 Irakern
gelang die Flucht dorthin. Jetzt bleibt nur mehr ein einziges
Land, wohin Iraker ohne Visum einreisen können und das ist
Syrien. Dort sollen sich 1-2 Millionen Iraker befinden und
täglich werden es mehr, monatlich fliehen 30.000 Iraker nach
Syrien. Die Probleme, die durch die hohen Flüchtlingszahlen in
dem ohnehin armen Land entstehen, werden von Tag zu Tag mehr.
Die Mieten steigen, die Arbeitslosigkeit steigt und schon
beginnt auch Syrien, Irakern bei der Einreise Restriktionen
aufzuerlegen. Nahezu 5 Millionen Iraker wurden durch den letzten
Krieg in die Flucht getrieben, ins Ausland oder aber auch im
Irak selbst, diese Menschen werden von den internationalen
Organisationen IDPs genannt „internal displaced persons“. Sie
wurden von ihren Häusern vertrieben und haben irgendwo anders im
Irak Zuflucht gesucht. An ihrem Zufluchtsort aber sind sie sogar
von der Lebensmittelverteilung, die im Irak noch immer die
Menschen vor dem Hungertod bewahrt – abgeschnitten. Alles, was
sie besaßen, haben sie aufgegeben für eine ungewisse Zukunft,
die aber noch besser ist, als der tägliche Albtraum, jede Minute
des Tages um sein Leben zu bangen.
Schweden – das
Land in Europa mit den vergleichsweise lockersten
Einreisebestimmungen - appellierte an die Europäische Union um
Hilfe, weil es derzeit von irakischen Flüchtlingen überrannt
wird. Fast 10.000 Iraker haben in Schweden im Vorjahr um Asyl
angesucht, heuer sollen es 20.000 werden. Die Schlepper
kassieren Euro 13.000 von einem Iraker, um ihn nach Schweden zu
bringen, ein Betrag, den nur eine wohlhabende Familie aufbringen
kann. Für die überwiegende Mehrheit der Menschen aber, für die
arme Bevölkerung Iraks, ist der Weg ins Ausland ohnehin
verwehrt, denn sie haben nicht einmal Geld, um ins Nachbarland
Syrien zu kommen. 8 Millionen Menschen im Irak leben mit
weniger als 1 Dollar pro Tag – das entspricht einem Drittel der
Bevölkerung, das in äußersten Armutsverhältnissen lebt, weit
unter jedem Existenzminimum.
Das
Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF schätzt, dass 11
Prozent der irakischen Kinder unter 14 Jahren in den Straßen der
Großstädte arbeiten, um die Familie zu ernähren, weil ihre Väter
entweder ermordet wurden oder erkrankt sind und somit als
Familienerhalter ausfallen. Die Kinder verkaufen Plastiksäcke,
Kugelschreiber oder Zigaretten in den Straßen. Nicht selten
werden sie Opfer von Bombenanschlägen, wenn sie gerade zur
falschen Zeit am falschen Ort sind. Aber in den Straßen einer
Großstadt sind sie noch anderen Gefahren ausgesetzt: Drogen,
Prostitution, Missbrauch. Kriminelle Banden und Milizen
verwenden sie für ihre schmutzigen Aktionen.
Und noch andere
alarmierende Zahlen werden veröffentlicht: Nur mehr ein Drittel
der irakischen Kinder im Schulalter kann eine Schule besuchen –
das schreibt die englische Organisation „Save the Children“.
UNICEF spricht sogar von 90 % der Schulkinder in Bagdad, die
keine Schule besuchen können. Unzählige Kinder wurden auf dem
Schulweg entführt oder aus den Klassenräumen heraus gekidnappt
und so schicken die Eltern ihre Kinder oft nicht mehr in die
Schule. Im Laufe des letzten Jahres wurden mehr als dreihundert
Lehrer ermordet. Die Zahl der unterernährten Kinder wird auf 4,5
Millionen geschätzt und sie steigt weiter. Der Irak hat einen
einsamen Spitzenplatz in einer Statistik von UNICEF (State of
the World’s Children 2007): Die höchste Anstiegsrate der
Kindersterblichkeit unter 5 Jahren: Gegenüber 1990 ist diese um
150 % gestiegen! 125 von 1000 irakischen Kindern sterben vor dem
5. Lebensjahr. Unterernährung und mangelnde medizinische
Versorgung zählen zu den Hauptursachen. Im Jahr 2005 starben
122.000 Kinder im Irak, alle jünger als 5 Jahre!
Die
Arbeitslosigkeitsrate dürfte irgendwo bei 60 % liegen. Selbst
Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen, weil sie dort
während ihrer Arbeit immer wieder Opfer von Überfällen werden,
die Felder liegen brach, die Familien hungern. Junge Frauen, die
eine akademische Ausbildung absolviert haben, sitzen zu Hause
wie in einem Gefängnis und leiden an Depressionen. Manche von
ihnen konnten seit Jahren (!) das Haus nicht mehr verlassen. Die
schlechte Sicherheitslage und die Radikalisierung der
Gesellschaft verhindern, dass sie einem Beruf nachgehen. Frauen
sind fast völlig vom Straßenbild verschwunden, man sieht auch
keine spielenden Kinder mehr vor den Häusern. Die öffentlichen
Einrichtungen, die Infrastruktur verkommt immer mehr.
Abwasserentsorgung, Kanalisation, Müllabfuhr – all das
funktioniert nicht mehr.
Gesundheitswesen auf dem Stand von 1950
Das irakische
Gesundheitswesen befindet sich nun auf dem Stand vom Jahr 1950
(!). Mehr als die Hälfte der Ärzteschaft des Irak hat das Land
verlassen, Krankenschwestern können ihren Beruf nicht mehr
ausüben. Der Personalmangel in den irakischen Spitälern hat ein
bedrohliches Ausmaß angenommen. Wer krank wird im Irak, ist
verloren. Es fehlt alles, was man in einem Spital benötigt. In
den Schlüsselpositionen sitzen häufig Personen, die von
irgendeiner Partei dorthin gebracht wurden und die keinerlei
Befähigung haben, den Anforderungen dieser Stelle gerecht zu
werden, ja manche sind es sogar Analphabeten! Und so geschieht
es, dass ein Spital eine Menge an Antibiotika für einen Monat
erhält, die gerade einmal den Bedarf eines Tages abdeckt, an
allen restlichen Tagen des Monats bleibt den Ärzten nichts
anderes übrig, als den Patienten ein Rezept in die Hand zu
drücken, man solle sich das Medikament kaufen (in einer
Apotheke, auf dem Schwarzmarkt etc.). Wie oft ist es schon
vorgekommen, dass Ärzte bedroht wurden, weil es im Spital keine
Medikamente gab und die Patienten oder deren Angehörigen das
nicht glauben konnten. Die meisten der Patienten haben das Geld
nicht, die Schwarzmarktpreise liegen weit über den europäischen
Preisen. Wie viele Kranke und Leidende vegetieren in diesem
Land, stumm und unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, von der
internationalen Gemeinschaft? Wo sind die Stimmen, die sich
damals gegen den Krieg erhoben? Noch mehr als damals würde das
irakische Volk internationale Hilfe und Solidarität benötigen!
Die Vereinten Nationen schweigen, die Welt schweigt.
Reise nach
Kuwait: 22. bis 27. März 2007
Als eine der
wenigen westlichen Organisationen gelingt es uns doch immer
wieder, den kranken Kindern im Südirak zu helfen. Es ist viel,
was wir tun, aber so wenig im Vergleich zu dem Elend in diesem
Land. Vier Tage vor Weihnachten 2006 kam eine kleinere
Medikamentenhilfslieferung von uns in Basra an, zuvor war unsere
Geduld gefragt und etliche Hürden zu überwinden. Letzten Endes
trafen die Medikamente im Wert von Euro 20.000 aber im
Kinderspital ein und das Leben von 200 kleinen Patienten, die an
der Tropenerkrankung „Kala Azar“ litten, war gesichert. Auch
Medikamente zur Krebsbehandlung, die schon dringend erwartet
wurden und Blutbeutel für die Herstellung von
Blutplättchenkonzentraten trafen ein. Der Vater eines
krebskranken Kindes, das auf unsere Medikamente wartete, hatte
sich bereit erklärt, zur Grenze zu fahren und die Medikamente
dort abzuholen, auch die Polizei des Spitals half mit und wieder
ging alles gut.
Zu dieser Zeit
war ich bereits mit der Vorbereitung des nächsten großen
Medikamententransportes beschäftigt. Eine solche Sendung
zusammen-zustellen, benötigt mehrere Monate. Gerade zur rechten
Zeit, als alle unsere Medikamente, die wir im Juni 2006 gebracht
hatten, zur Neige gingen, war es wieder einmal so weit: Am 22.
März 2007 flog ich nach Kuwait und am gleichen Tag flog unsere
Medikamentensendung im Wert von Euro 120.000 von Amsterdam
ebenfalls nach Kuwait. Mit zwei unserer Projektpartner hatte ich
ein Treffen an der irakischen Grenze für den nächsten Tag
vereinbart. Aber Dr. J. meldet sich, als ich eben dabei bin, die
Stadtgrenze von Kuwait City zu verlassen. Die beiden sitzen
bereits seit Stunden auf der kuwaitischen Seite der Grenze und
warten auf mich. Sie müssen noch eine Weile länger warten, denn
es dauert eineinhalb Stunden, bis ich an der Grenze eintreffe.
Wir freuen uns alle drei über das Wiedersehen und nur kurz kann
ich einen Blick in Richtung Irak werfen. Es bleibt mir verwehrt,
nach Basra zu reisen, denn meine Anwesenheit würde alle, mit
denen ich arbeite, in zu große Gefahr bringen. So ist es einfach
besser, uns außerhalb des Irak zu treffen. Warum aber trafen die
beiden so früh ein und warum haben sie mich nicht telefonisch
darüber informiert? Bald findet sich die Erklärung. Am Tag zuvor
tobten heftigste Kämpfe zwischen zwei rivalisierenden Parteien
in den Straßen Basras und es wurde eine allgemeine
Ausgangssperre verhängt. Es gab so viele Verletzte, dass man sie
sogar in das Kinderspital brachte, weil sonst keine
Spitalsbetten mehr verfügbar waren. Die beiden begannen sich
Sorgen zu machen, ob sie denn zu unserem Treffen reisen könnten.
Sie suchten nach einem Fahrer für den nächsten Tag, aber niemand
erklärte sich bereit, zuzusagen. So beschlossen die beiden, die
Stadt bei Morgengrauen zu verlassen, da sie fürchteten, daß
danach die Kämpfe wieder aufflammen würden. Da sich kein Fahrer
gefunden hatte, fuhr sie ein Verwandter zur Grenze. Sie hatten
nicht gewagt, mich anzurufen, aus Angst, das Telefon könnte
abgehört werden. Und so harrten sie nun stundenlang an der
Grenze aus, bis ich zum vereinbarten Treffpunkt kam.
Meine beiden
Projektpartner sind sehr schweigsam geworden, sie erzählen nicht
viel von den Verhältnissen im Irak. Sie müssen es nicht, denn
ich verstehe, warum. Schon vor etlichen Wochen hatte ich in
einem Zeitungsartikel gelesen, dass es dem irakischen
Gesundheitspersonal verboten ist, über die Zustände in den
irakischen Spitälern gegenüber Leuten aus dem Westen zu
berichten. Das wahre Ausmaß der Tragödie soll so
heruntergespielt werden, soll international nicht bekannt
werden. Wer aber redet, dem droht die Ermordung. Und genauso,
wie es früher war, vor dem Krieg, bringe ich unsere Partner
nicht in die Verlegenheit, denn ich weiß, welche Konsequenzen
ihr Reden hätte. 2000 irakische Ärzte wurden während der
vergangenen vier Jahre umgebracht, 18.000 haben als unmittelbare
Folge das Land verlassen. Geblieben sind die Idealisten, die es
als ihre Lebensaufgabe betrachten, für die ihnen anvertrauten
Patienten da zu sein – und dazu zählen unsere Partnerärzte.
Wieder frage ich sie, wann denn sie aufgeben würden, wann ihre
Kraft erschöpft sein wird, aber sie bleiben dabei: „Unser Platz
ist an der Seite der kranken Kinder, das ist unsere Aufgabe und
unsere Pflicht! Wer würde sich sonst um sie kümmern?“ Und so
konzentrieren wir uns in unseren Gesprächen einfach auf die
Kinder, auf die kleinen Patienten, auf ihre Schicksale.
Ali
Ali ist drei
Jahre alt und hat vier Geschwister. Er lebt im Südirak,
eineinhalb Autostunden von Basra entfernt und sein Vater ist
Gelegenheitsarbeiter, wie die meisten Väter in dieser Gegend.
Eines Tages wird Ali krank, er hat tagelang hohes Fieber und
blaue Flecken am Körper. Der Arzt hat einen Verdacht und schickt
ihn nach Basra zur Untersuchung ins Kinderspital. Dort bestätigt
sich der Verdacht: Ali hat Leukämie! Als die Ärzte dem Vater
diese Diagnose mitteilen, ist er einige Sekunden stumm, dann
bedankt er sich, nimmt seinen Sohn auf den Arm und geht. Die
Ärzte laufen ihm nach und erklären ihm, dass die Krankheit
seines Sohnes geheilt werden kann, dass alle Medikamente
vorhanden sind, die Behandlung werde lange dauern, aber sein
Sohn könne überleben. Aber der Vater schüttelt den Kopf: „Nein!
In meiner Nachbarschaft lebt ein Kind, das auch Leukämie hatte.
Es ist gesund, ich weiß, aber ich kann nicht hier bei meinem
Sohn bleiben. Wenn ich hier bleibe, so verhungern meine anderen
vier Kinder. Ich muss nach Arbeit suchen, damit sie essen
können, damit sie überleben können. Besser, es stirbt ein Kind,
als alle fünf“ und die Tränen laufen ihm über die Wangen, als er
den letzten Satz stockend hinzufügt. Für uns ist seine Aussage
kaum verständlich, oder? Vielleicht wird sie verständlicher,
wenn man die Hintergründe beleuchtet. Es gibt kaum mehr
öffentliche Transportmittel im Südirak, die Straßen sind zu
gefährlich. Der Mann hat natürlich kein Auto und so müsste er
ein Taxi bezahlen, um die eineinhalb Stunden Fahrt wieder und
wieder zu machen. Dazu fehlt ihm das Geld. Es gibt kaum mehr
Krankenpflegepersonal in den Spitälern, das bedeutet, dass eine
Begleitperson mit aufgenommen werden muss, um das Kind zu
beaufsichtigen, zu füttern, zu pflegen. Der Vater muss arbeiten,
die Mutter hat die anderen Kinder zu beaufsichtigen. Und es gibt
noch einen anderen Grund, warum die Mutter nicht in Basra
bleiben kann bei dem kranken Kind: Es gibt kein Blutspendewesen
im Irak, wenn ein Patient eine Blutkonserve braucht, dann muss
seine Familie dafür sorgen, dass eine bereitgestellt wird. Wenn
der Vater dies nicht selbst kann, so geht er in die Moschee und
fordert dort nach dem Gebet die Anwesenden auf, für sein Kind
Blut zu spenden. Völlig undenkbar in der islamischen
Gesellschaft des heutigen Irak, dass dies von einer Frau gemacht
werden könnte. Der Vater weiß, dass ein leukämiekrankes Kind
öfters Blutkonserven benötigt. Und so hat Alis Vater den einzig
möglichen Schluss gezogen: Ali muss sterben, damit seine Familie
überleben kann. Ein tragisches Einzelschicksal inmitten von
einem Meer von Tragödien, stellvertretend aufgezeigt für
Millionen andere. Ali aber ist längst tot…
Medikamente für das Kinderspital
Unsere
Medikamentensendung kommt wirklich zum besten Zeitpunkt, besser
hätten wir es gar nicht berechnen können. Die wichtigsten
Medikamente zur Leukämiebehandlung sind in dieser Woche
aufgebraucht. Nun braucht die Behandlung nicht unterbrochen
werden, die Ärzte können die Eltern beruhigen. Der Nachschub
steht schon im Kühllager am Flughafen in Kuwait, wohin ich kurz
fahre, um mich davon zu überzeugen, dass alles richtig gelagert
ist.
Die Zahl der
leukämie- und krebserkrankten Kinder steigt weiter. In den 22
Tagen dieses Monats waren es wieder 15 neue Kinder, bei denen
eine bösartige Erkrankung diagnostiziert werden konnte. Die
kleinen Patienten liegen auf dem Fußboden, es gibt nicht genug
Betten im Spital und auf der Abteilung. Im Südirak gibt es mehr
als 350.000 Binnenflüchtlinge, die Spitäler, die ohnehin immer
am Rande des Kollaps arbeiten, besitzen nicht die Kapazität, mit
diesen Patientenzahlen fertig zu werden. Der Sommer steht vor
der Tür und damit die Trinkwasserproblematik, die Temperaturen
werden bis auf 57 Grad steigen und es gibt kaum elektrischen
Strom. Die Durchfallserkrankungen werden die Spitäler noch
zusätzlich belasten. Nur 32 % der Iraker haben derzeit Zugang
zur Trinkwasserversorgung. Und die Zahl der unternährten Kinder
steigt, denn die Leute haben keine Arbeit. Arbeit gibt es nur
bei den Briten oder den Amerikanern, die meisten Iraker aber
wagen es nicht, eine solche Stelle anzunehmen. Zu groß ist die
Gefahr, deswegen ermordet zu werden, Unzählige haben deswegen
ihr Leben verloren während der letzten Jahre. So haben die
Menschen die Wahl, entweder ermordet zu werden oder zu
verhungern.
Mit einem
anderen Problem werde ich zunehmend konfrontiert: die Kinder mit
den angeborenen Herzfehlern. Immer mehr Befunde von Kindern
werden mir geschickt, von Ärzten, von Eltern, mit der Bitte um
Hilfe. Zwischen 900 und 1000 Kinder werden jährlich im Südirak
mit einer Anomalie am Herzen geboren. Kinder, die alle eine
lebensrettende Herzoperation benötigen würden, die aber
undenkbar ist im Irak heute. Warum sind es so viele? Ist es die
Umweltverseuchung im Raum Basra? Ist es die Unterernährung der
Mütter? Ist die zunehmende Zahl der Ehen unter Verwandten
schuld? Wer mag das zu sagen? Wahrscheinlich ist es das alles
und noch andere unbekannte Faktoren dazu. Es sind Kinder, denen
man durch eine Operation ein normales Leben ermöglichen könnte.
Aber eine solche Operation ist teuer bei uns. Heuer konnten wir
drei Kinder in Österreich operieren lassen, drei weitere in
Syrien und eines in Frankreich. Alle anderen sind zu einem
langen Siechtum durch den Sauerstoffmangel in ihrem Blut und zu
einem frühen Tod verurteilt, wenn es uns nicht gelingt, mehr
Behandlungsplätze für herzkranke Kinder zu finden.
Die wenigen
Tage in Kuwait vergehen viel zu rasch, die beiden Ärzte müssen
zurück nach Basra. Und mit jeder Stunde, die vergeht und die
Abreise näher bringt, merke ich, wie ihre Nervosität steigt.
Drei Tage durften sie aufatmen in Kuwait, sie durften sich auf
der Straße bewegen, konnten die Leute beim Einkaufen beobachten,
die Menschen in den Restaurants. Drei Tage durften sie leben.
Kinder, die an einem Eis schleckten, Kinder, die in der
Spielzeugecke eines Kaufhauses spielten, veranlassten sie zum
Stehenbleiben und Nachdenken. „Warum können unsere Kinder nicht
so leben? Warum können sie kein normales Leben führen? Warum?
Sind wir Iraker weniger wert als die anderen?“ Ich sehe die
Tränen in ihren Augen und ich spüre ihre Angst vor der Fahrt,
vor der Rückkehr in das Inferno.
Am Tag nach
ihrer Heimkehr ist es auch für mich Zeit für die Heimreise. Eine
böse Erkältung hat mich erwischt, ich habe Fieber und während
des Nachtfluges störe ich alle im Flugzeug, die in meiner Nähe
sitze mit Husten und Schnupfen. Der Flug erscheint mir endlos,
erschöpft komme ich in Wien an.
Der
Grenzübertritt unserer Medikamente verzögert sich, die
Sicherheitslage in Basra ist weiterhin so angespannt, dass der
Transport nicht möglich ist. Aber drei Tage nach meiner
Heimreise bekomme ich die erlösende Nachricht: der LKW mit den
Medikamenten befindet sich schon im Irak. Und wenige Stunden
später höre ich, dass die Medikamente auf dem Flughafen
zwischengelagert wurden. Dort sollen sie noch am gleichen Tag
von den Ärzten abgeholt werden. Aber der Flughafen wird mit
Raketen beschossen, eine Vielzahl von Raketen schlägt an diesem
Tag in Basra ein. Am nächsten Morgen fahren zwei Ärzte mit dem
LKW zum Flughafen und bringen die Medikamente sicher ins
Krankenhaus. Noch am gleichen Tag erhalte ich Fotos, die die
Ankunft der Medikamente bestätigen. Ich liege an diesem Tag mit
Fieber zu Hause, aber trotzdem bin ich unsagbar glücklich.
Wieder ist alles gut gegangen, wieder haben wir es gemeinsam
geschafft. Es klingt so unglaublich unter all den fürchterlichen
Umständen im Irak: aber bis jetzt sind alle unsere Hilfsgüter
wohlbehalten und vollständig im Kinderkrankenhaus in Basra
angekommen – all die Jahre hindurch. Nichts wurde auf dem Weg
beschädigt, nichts wurde gestohlen, alles hat die erreicht, für
die es bestimmt ist. Das ist für mich wirklich ein Wunder!
Und wie geht
es weiter?
Die Zukunft des
Irak ist düster. Niemand weiß eine Lösung. Niemand kennt einen
Ausweg. Zuviel wurde zerstört in diesem Land. Ich weiß nur: wir
müssen weiter helfen. Unsere Hilfe muss weitergehen! Aber auch
ich weiß nicht, wie. Ich mache mir große Sorgen, wie ich den
nächsten Hilfstransport im Spätherbst finanzieren soll. Während
internationale Organisationen auf die humanitäre Krise im Irak
hinweisen und eine rasche Hilfe fordern, gibt es zugleich immer
weniger Geldmittel für den Irak. Den Medien entnehme ich, eine
humanitäre Hilfe würde nicht mehr der „klassischen
Katastrophenhilfe“ entsprechen und langfristige Aufbauprojekte
sind derzeit nicht möglich im Irak. Ich frage mich immer wieder:
wann beginnen wir nachzudenken über unsere so wohldefinierten
und administrierten Regeln und Vorschriften, mit denen wir die
Hilfe so erschweren? Besondere Umstände erfordern doch besondere
Aktionen – fernab der „klassischen Hilfe“ und fernab ihrer
Definitionen. Wie wir diese Hilfe bezeichnen, ist doch wohl
egal, fest steht nur: wir müssen weiterhelfen und wir müssen
Wege suchen, wie wir helfen können. Im Irak wird die große
Mehrheit der Bevölkerung von einer kleinen Minderheit in Angst
und Schrecken versetzt – und die Welt schaut völlig gelähmt zu.
Wir hören in den Medien nur von den Taten dieser Minderheit, von
der stumm leidenden Mehrheit, die täglich in Angst und Schrecken
lebt, hören wir nichts.
Die Kinder des
Irak sind weder schuld an der Schreckensherrschaft von Saddam
Hussein, noch am Versagen des Westens in der Zeit der
Sanktionen. Sie sind nicht schuld an der Invasion des Irak durch
die US-Amerikaner, sie sind nicht schuld an den terroristischen
Aktivitäten von Al Kaida, sie sind nicht schuld an den
verbrecherischen Aktivitäten von irakischen Aufständischen, von
Milizen und kriminellen Banden, sie sind nicht schuld an den
Konflikten zwischen zwei religiösen Gruppen, sie sind nicht
schuld an der Korruption, die das Land weiter in den Abgrund
führt – und sie sind nicht schuld am Schweigen der restlichen
Welt. An alledem tragen sie keine Schuld. Die irakischen Kinder
sind Kinder wie alle anderen Kinder dieser Welt, wie unsere
Kinder, und sie haben wie alle Kinder ein Recht auf Leben, ein
Recht auf Gesundheit, ein Recht auf Bildung, ein Recht auf ein
menschenwürdiges Dasein. Haben wir das Recht, es ihnen zu
verwehren?
Wir haben uns
unsere Welt so unglaublich kompliziert gemacht, und Helfen
gehört zu den schwierigsten Dingen auf dieser Erde überhaupt –
diesen Schluss muss ich nach 14 Jahren humanitärer Arbeit
ziehen. Es ist manchmal wirklich zum Verzweifeln. Fast täglich
erhalte ich Mails mit der Bitte um Hilfe für ein Kind im Irak.
Vor wenigen Tagen erhielt ich eine Nachricht mit folgendem
Wortlaut: „Ich habe gehört, dass sie jedem, der Sie um Hilfe
bittet, helfen. Bitte helfen Sie auch meinem Kind!“ Manchmal
glaube ich selbst, all das Leid nicht mehr zu ertragen oder ist
es meine Ohnmacht, die ich nicht ertragen kann? Ich habe das
Gefühl, je mehr Hilferufe an mich herangetragen werden, umso
weniger erhalte ich Unterstützung und Hilfe. Wie soll das nur
weitergehen?
Wir haben
bewiesen in den letzten Jahren, dass wir dort helfen können, wo
es vielen anderen nicht mehr möglich ist. Für mich ist es mehr
als bloß ein glücklicher Zufall, dass wir Partner vor Ort haben,
die verlässlich sind, denen wir blind vertrauen können und die
täglich ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um kranken Kindern
zu helfen – und das obwohl sie die Möglichkeit hätten, das Land
zu verlassen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Immer
wieder konnten wir Mittel und Wege finden, um die Hilfsgüter
sicher vor Ort zu bringen, ohne dass etwas in falsche Hände
gerät – ein kleines Wunder. Wir haben gezeigt, dass Hilfe
möglich ist, auch unter den schwierigsten äußeren Bedingungen.
Ich danke allen Spendern, die den letzten Hilfstransport
ermöglicht haben und zugleich bitte ich alle, dies weiter zu
tun. Die Menschen in Basra kennen uns, für sie sind wir der
letzte Hoffnungsschimmer in ihrer Verzweiflung und
Hoffnungslosigkeit. Helfen wir gemeinsam Kindern, die sonst
unausweichlich zum Tod verurteilt sind. Ihr Überleben liegt in
unserer Hand.
Spenden
für „unsere“ Kinder in Basra erbitte ich auf folgende Konten:
In Österreich:
Erste Bank (BLZ 20111), Konto
Nr. 28520096800
„Aladins Wunderlampe“
In Deutschland:
Bayerische Hypo- und Vereinsbank
AG (BLZ 38020090)
Konto Nr. 0364524226
„Aladins Wunderlampe Deutschland
e.V.“
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Wien, im Mai 2007
Dr. Eva-Maria Hobiger |