CHAOS, VERZWEIFLUNG UND HOFFNUNGSLOSIGKEIT:
IRAK IM MÄRZ 2007
Kuwait/Basra, 22. bis 27. März 2007

von Dr. Eva-Maria Hobiger

   

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CHAOS, VERZWEIFLUNG UND HOFFNUNGSLOSIGKEIT: IRAK IM MÄRZ 2007

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Der Irak versinkt in einem immer größeren Chaos und die Verzweiflung der Menschen treibt immer mehr in die Flucht. Jordanien, das bis Jahresbeginn keine Visa von den Irakern forderte, hat seine Grenze vor den Flüchtlingsströmen verschlossen, 750.000 Irakern gelang die Flucht dorthin.  Jetzt bleibt nur mehr ein einziges Land, wohin Iraker ohne Visum einreisen können und das ist Syrien. Dort sollen sich 1-2 Millionen Iraker befinden und täglich werden es mehr, monatlich fliehen 30.000 Iraker nach Syrien. Die Probleme, die durch die hohen Flüchtlingszahlen in dem ohnehin armen Land entstehen, werden von Tag zu Tag mehr. Die Mieten steigen, die Arbeitslosigkeit steigt und schon beginnt auch Syrien, Irakern bei der Einreise Restriktionen aufzuerlegen. Nahezu 5 Millionen Iraker wurden durch den letzten Krieg in die Flucht getrieben, ins Ausland oder aber auch im Irak selbst, diese Menschen werden von den internationalen Organisationen IDPs genannt „internal displaced persons“. Sie wurden von ihren Häusern vertrieben und haben irgendwo anders im Irak Zuflucht gesucht. An ihrem Zufluchtsort aber sind sie sogar von der Lebensmittelverteilung, die im Irak noch immer die Menschen vor dem Hungertod bewahrt – abgeschnitten. Alles, was sie besaßen, haben sie aufgegeben für eine ungewisse Zukunft, die aber noch besser ist, als der tägliche Albtraum, jede Minute des Tages um sein Leben zu bangen.

Schweden – das Land in Europa mit den vergleichsweise lockersten Einreisebestimmungen -  appellierte an die Europäische Union um Hilfe, weil es derzeit von irakischen Flüchtlingen überrannt wird. Fast 10.000 Iraker haben in Schweden im Vorjahr um Asyl angesucht, heuer sollen es 20.000 werden. Die Schlepper kassieren Euro 13.000 von einem Iraker, um ihn nach Schweden zu bringen, ein Betrag, den nur eine wohlhabende Familie aufbringen kann. Für die überwiegende Mehrheit der Menschen aber, für die arme Bevölkerung Iraks, ist der Weg ins Ausland ohnehin verwehrt, denn sie haben nicht einmal Geld, um ins Nachbarland Syrien zu kommen.  8 Millionen Menschen im Irak leben mit weniger als 1 Dollar pro Tag – das entspricht einem Drittel der Bevölkerung, das in äußersten Armutsverhältnissen lebt, weit unter jedem Existenzminimum.  

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF schätzt, dass 11 Prozent der irakischen Kinder unter 14 Jahren in den Straßen der Großstädte arbeiten, um die Familie zu ernähren, weil ihre Väter entweder ermordet wurden oder erkrankt sind und somit als Familienerhalter ausfallen. Die Kinder verkaufen Plastiksäcke, Kugelschreiber oder Zigaretten in den Straßen. Nicht selten werden sie Opfer von Bombenanschlägen, wenn sie gerade zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Aber in den Straßen einer Großstadt sind sie noch anderen Gefahren ausgesetzt: Drogen, Prostitution, Missbrauch. Kriminelle Banden und Milizen verwenden sie für ihre schmutzigen Aktionen.

Und noch andere alarmierende Zahlen werden veröffentlicht: Nur mehr ein Drittel der irakischen Kinder im Schulalter kann eine Schule besuchen – das schreibt die englische Organisation „Save the Children“. UNICEF spricht sogar von 90 % der Schulkinder in Bagdad, die keine Schule besuchen können. Unzählige Kinder wurden auf dem Schulweg entführt oder aus den Klassenräumen heraus gekidnappt und so schicken die Eltern ihre Kinder oft nicht mehr in die Schule. Im Laufe des letzten Jahres wurden mehr als dreihundert Lehrer ermordet. Die Zahl der unterernährten Kinder wird auf 4,5 Millionen geschätzt und sie steigt weiter. Der Irak hat einen einsamen Spitzenplatz in einer Statistik von UNICEF (State of the World’s Children 2007): Die höchste Anstiegsrate der Kindersterblichkeit unter 5 Jahren: Gegenüber 1990 ist diese um 150 % gestiegen! 125 von 1000 irakischen Kindern sterben vor dem 5. Lebensjahr. Unterernährung und mangelnde medizinische Versorgung zählen zu den Hauptursachen. Im Jahr 2005 starben 122.000 Kinder im Irak, alle jünger als 5 Jahre!

Die Arbeitslosigkeitsrate dürfte irgendwo bei 60 % liegen. Selbst Bauern können ihre Felder nicht mehr bestellen, weil sie dort während ihrer Arbeit immer wieder Opfer von Überfällen werden, die Felder liegen brach, die Familien hungern. Junge Frauen, die eine akademische Ausbildung absolviert haben, sitzen zu Hause wie in einem Gefängnis und leiden an Depressionen. Manche von ihnen konnten seit Jahren (!) das Haus nicht mehr verlassen. Die schlechte Sicherheitslage und die Radikalisierung der Gesellschaft verhindern, dass sie einem Beruf nachgehen. Frauen sind fast völlig vom Straßenbild verschwunden, man sieht auch keine spielenden Kinder mehr vor den Häusern. Die öffentlichen Einrichtungen, die Infrastruktur verkommt immer mehr. Abwasserentsorgung, Kanalisation, Müllabfuhr – all das funktioniert nicht mehr.

Gesundheitswesen auf dem Stand von 1950

Das irakische Gesundheitswesen befindet sich nun auf dem Stand vom Jahr 1950 (!). Mehr als die Hälfte der Ärzteschaft des Irak hat das Land verlassen, Krankenschwestern können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Der Personalmangel in den irakischen Spitälern hat ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Wer krank wird im Irak, ist verloren. Es fehlt alles, was man in einem Spital benötigt. In den Schlüsselpositionen sitzen häufig Personen, die von irgendeiner Partei dorthin gebracht wurden und die keinerlei Befähigung haben, den Anforderungen dieser Stelle gerecht zu werden, ja manche sind es sogar Analphabeten! Und so geschieht es, dass ein Spital eine Menge an Antibiotika für einen Monat erhält, die gerade einmal den Bedarf eines Tages abdeckt, an allen restlichen Tagen des Monats bleibt den Ärzten nichts anderes übrig, als den Patienten ein Rezept in die Hand zu drücken, man solle sich das Medikament kaufen (in einer Apotheke, auf dem Schwarzmarkt etc.). Wie oft ist es schon vorgekommen, dass Ärzte bedroht wurden, weil es im Spital keine Medikamente gab und die Patienten oder deren Angehörigen das nicht glauben konnten. Die meisten der Patienten haben das Geld nicht, die Schwarzmarktpreise liegen weit über den europäischen Preisen. Wie viele Kranke und Leidende vegetieren in diesem Land, stumm und unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, von der internationalen Gemeinschaft? Wo sind die Stimmen, die sich damals gegen den Krieg erhoben? Noch mehr als damals würde das irakische Volk internationale Hilfe und Solidarität benötigen! Die Vereinten Nationen schweigen, die Welt schweigt.

Reise nach Kuwait: 22. bis 27. März 2007

Als eine der wenigen westlichen Organisationen gelingt es uns doch immer wieder, den kranken Kindern im Südirak zu helfen. Es ist viel, was wir tun, aber so wenig im Vergleich zu dem Elend in diesem Land. Vier Tage vor Weihnachten 2006 kam eine kleinere Medikamentenhilfslieferung von uns in Basra an, zuvor war unsere Geduld gefragt und etliche Hürden zu überwinden. Letzten Endes trafen die Medikamente im Wert von Euro 20.000 aber im Kinderspital ein und das Leben von 200 kleinen Patienten, die an der Tropenerkrankung „Kala Azar“ litten, war gesichert. Auch Medikamente zur Krebsbehandlung, die schon dringend erwartet wurden und Blutbeutel für die Herstellung von Blutplättchenkonzentraten trafen ein. Der Vater eines krebskranken Kindes, das auf unsere Medikamente wartete, hatte sich bereit erklärt, zur Grenze zu fahren und die Medikamente dort abzuholen, auch die Polizei des Spitals half mit und wieder ging alles gut.

Zu dieser Zeit war ich bereits mit der Vorbereitung des nächsten großen Medikamententransportes beschäftigt. Eine solche Sendung zusammen-zustellen, benötigt mehrere Monate. Gerade zur rechten Zeit, als alle unsere Medikamente, die wir im Juni 2006 gebracht hatten, zur Neige gingen, war es wieder einmal so weit: Am 22. März 2007 flog ich nach Kuwait und am gleichen Tag flog unsere Medikamentensendung im Wert von Euro 120.000 von Amsterdam ebenfalls nach Kuwait. Mit zwei unserer Projektpartner hatte ich ein Treffen an der irakischen Grenze für den nächsten Tag vereinbart. Aber Dr. J. meldet sich, als ich eben dabei bin, die Stadtgrenze von Kuwait City zu verlassen. Die beiden sitzen bereits seit Stunden auf der kuwaitischen Seite der Grenze und warten auf mich. Sie müssen noch eine Weile länger warten, denn es dauert eineinhalb Stunden, bis ich an der Grenze eintreffe. Wir freuen uns alle drei über das Wiedersehen und nur kurz kann ich einen Blick in Richtung Irak werfen. Es bleibt mir verwehrt, nach Basra zu reisen, denn meine Anwesenheit würde alle, mit denen ich arbeite, in zu große Gefahr bringen. So ist es einfach besser, uns außerhalb des Irak zu treffen. Warum aber trafen die beiden so früh ein und warum haben sie mich nicht telefonisch darüber informiert? Bald findet sich die Erklärung. Am Tag zuvor tobten heftigste Kämpfe zwischen zwei rivalisierenden Parteien in den Straßen Basras und es wurde eine allgemeine Ausgangssperre verhängt. Es gab so viele Verletzte, dass man sie sogar in das Kinderspital brachte, weil sonst keine Spitalsbetten mehr verfügbar waren. Die beiden begannen sich Sorgen zu machen, ob sie denn zu unserem Treffen reisen könnten. Sie suchten nach einem Fahrer für den nächsten Tag, aber niemand erklärte sich bereit, zuzusagen. So beschlossen die beiden, die Stadt bei Morgengrauen zu verlassen, da sie fürchteten, daß danach die Kämpfe wieder aufflammen würden. Da sich kein Fahrer gefunden hatte, fuhr sie ein Verwandter zur Grenze. Sie hatten nicht gewagt, mich anzurufen, aus Angst, das Telefon könnte abgehört werden. Und so harrten sie nun stundenlang an der Grenze aus, bis ich zum vereinbarten Treffpunkt kam.

Meine beiden Projektpartner sind sehr schweigsam geworden, sie erzählen nicht viel von den Verhältnissen im Irak. Sie müssen es nicht, denn ich verstehe, warum. Schon vor etlichen Wochen hatte ich in einem Zeitungsartikel gelesen, dass es dem irakischen Gesundheitspersonal verboten ist, über die Zustände in den irakischen Spitälern gegenüber Leuten aus dem Westen zu berichten. Das wahre Ausmaß der Tragödie soll so heruntergespielt werden, soll international nicht bekannt werden. Wer aber redet, dem droht die Ermordung.  Und genauso, wie es früher war, vor dem Krieg, bringe ich unsere Partner nicht in die Verlegenheit, denn ich weiß, welche Konsequenzen ihr Reden hätte. 2000 irakische Ärzte wurden während der vergangenen vier Jahre umgebracht, 18.000 haben als unmittelbare Folge das Land verlassen. Geblieben sind die Idealisten, die es als ihre Lebensaufgabe betrachten, für die ihnen anvertrauten Patienten da zu sein – und dazu zählen unsere Partnerärzte. Wieder frage ich sie, wann denn sie aufgeben würden, wann ihre Kraft erschöpft sein wird, aber sie bleiben dabei: „Unser Platz ist an der Seite der kranken Kinder, das ist unsere Aufgabe und unsere Pflicht! Wer würde sich sonst um sie kümmern?“ Und so konzentrieren wir uns in unseren Gesprächen einfach auf die Kinder, auf die kleinen Patienten, auf ihre Schicksale.

Ali

Ali ist drei Jahre alt und hat vier Geschwister. Er lebt im Südirak, eineinhalb Autostunden von Basra entfernt und sein Vater ist Gelegenheitsarbeiter, wie die meisten Väter in dieser Gegend. Eines Tages wird Ali krank, er hat tagelang hohes Fieber und blaue Flecken am Körper. Der Arzt hat einen Verdacht und schickt ihn nach Basra zur Untersuchung ins Kinderspital. Dort bestätigt sich der Verdacht: Ali hat Leukämie! Als die Ärzte dem Vater diese Diagnose mitteilen, ist er einige Sekunden stumm, dann bedankt er sich, nimmt seinen Sohn auf den Arm und geht. Die Ärzte laufen ihm nach und erklären ihm, dass die Krankheit seines Sohnes geheilt werden kann, dass alle Medikamente vorhanden sind, die Behandlung werde lange dauern, aber sein Sohn könne überleben. Aber der Vater schüttelt den Kopf: „Nein! In meiner Nachbarschaft lebt ein Kind, das auch Leukämie hatte. Es ist gesund, ich weiß, aber ich kann nicht hier bei meinem Sohn bleiben. Wenn ich hier bleibe, so verhungern meine anderen vier Kinder. Ich muss nach Arbeit suchen, damit sie essen können, damit sie überleben können. Besser, es stirbt ein Kind, als alle fünf“ und die Tränen laufen ihm über die Wangen, als er den letzten Satz stockend hinzufügt. Für uns ist seine Aussage kaum verständlich, oder? Vielleicht wird sie verständlicher,  wenn man die Hintergründe beleuchtet. Es gibt kaum mehr öffentliche Transportmittel im Südirak, die Straßen sind zu gefährlich. Der Mann hat natürlich kein Auto und so müsste er ein Taxi bezahlen, um die eineinhalb Stunden Fahrt wieder und wieder zu machen. Dazu fehlt ihm das Geld. Es gibt kaum mehr Krankenpflegepersonal in den Spitälern, das bedeutet, dass eine Begleitperson mit aufgenommen werden muss, um das Kind zu beaufsichtigen, zu füttern, zu pflegen. Der Vater muss arbeiten, die Mutter hat die anderen Kinder zu beaufsichtigen. Und es gibt noch einen anderen Grund, warum die Mutter nicht in Basra bleiben kann bei dem kranken Kind: Es gibt kein Blutspendewesen im Irak, wenn ein Patient eine Blutkonserve braucht, dann muss seine Familie dafür sorgen, dass eine bereitgestellt wird. Wenn der Vater dies nicht selbst kann, so geht er in die Moschee und fordert dort nach dem Gebet die Anwesenden auf, für sein Kind Blut zu spenden. Völlig undenkbar in der islamischen Gesellschaft des heutigen Irak, dass dies von einer Frau gemacht werden könnte. Der Vater weiß, dass ein leukämiekrankes Kind öfters Blutkonserven benötigt. Und so hat Alis Vater den einzig möglichen Schluss gezogen: Ali muss sterben, damit seine Familie überleben kann. Ein tragisches Einzelschicksal inmitten von einem Meer von Tragödien, stellvertretend aufgezeigt für Millionen andere. Ali aber ist längst tot…

Medikamente für das Kinderspital

Unsere Medikamentensendung kommt wirklich zum besten Zeitpunkt, besser hätten wir es gar nicht berechnen können. Die wichtigsten Medikamente zur Leukämiebehandlung sind in dieser Woche aufgebraucht. Nun braucht die Behandlung nicht unterbrochen werden, die Ärzte können die Eltern beruhigen. Der Nachschub steht schon im Kühllager am Flughafen in Kuwait, wohin ich kurz fahre, um mich davon zu überzeugen, dass alles richtig gelagert ist.

Die Zahl der leukämie- und krebserkrankten Kinder steigt weiter. In den 22 Tagen dieses Monats waren es wieder 15 neue Kinder, bei denen eine bösartige Erkrankung diagnostiziert werden konnte. Die kleinen Patienten liegen auf dem Fußboden, es gibt nicht genug Betten im Spital und auf der Abteilung. Im Südirak gibt es mehr als 350.000 Binnenflüchtlinge, die Spitäler, die ohnehin immer am Rande des Kollaps arbeiten, besitzen nicht die Kapazität, mit diesen Patientenzahlen fertig zu werden. Der Sommer steht vor der Tür und damit die Trinkwasserproblematik, die Temperaturen werden bis auf 57 Grad steigen und es gibt kaum elektrischen Strom. Die Durchfallserkrankungen werden die Spitäler noch zusätzlich belasten. Nur 32 % der Iraker haben derzeit Zugang zur Trinkwasserversorgung. Und die Zahl der unternährten Kinder steigt, denn die Leute haben keine Arbeit. Arbeit gibt es nur bei den Briten oder den Amerikanern, die meisten Iraker aber wagen es nicht, eine solche Stelle anzunehmen. Zu groß ist die Gefahr, deswegen ermordet zu werden, Unzählige haben deswegen ihr Leben verloren während der letzten Jahre. So haben die Menschen die Wahl, entweder ermordet zu werden oder zu verhungern.

Mit einem anderen Problem werde ich zunehmend konfrontiert: die Kinder mit den angeborenen Herzfehlern. Immer mehr Befunde von Kindern werden mir geschickt, von Ärzten, von Eltern, mit der Bitte um Hilfe. Zwischen 900 und 1000 Kinder werden jährlich im Südirak mit einer Anomalie am Herzen geboren. Kinder, die alle eine lebensrettende Herzoperation benötigen würden, die aber undenkbar ist im Irak heute. Warum sind es so viele? Ist es die Umweltverseuchung im Raum Basra? Ist es die Unterernährung der Mütter? Ist die zunehmende Zahl der Ehen unter Verwandten schuld? Wer mag das zu sagen? Wahrscheinlich ist es das alles und noch andere unbekannte Faktoren dazu. Es sind Kinder, denen man durch eine Operation ein normales Leben ermöglichen könnte. Aber eine solche Operation ist teuer bei uns. Heuer konnten wir drei Kinder in Österreich operieren lassen, drei weitere in Syrien und eines in Frankreich. Alle anderen sind zu einem langen Siechtum durch den Sauerstoffmangel in ihrem Blut und zu einem frühen Tod verurteilt, wenn es uns nicht gelingt, mehr Behandlungsplätze für herzkranke Kinder zu finden.

Die wenigen Tage in Kuwait vergehen viel zu rasch, die beiden Ärzte müssen zurück nach Basra. Und mit jeder Stunde, die vergeht und die Abreise näher bringt, merke ich, wie ihre Nervosität steigt. Drei Tage durften sie aufatmen in Kuwait, sie durften sich auf der Straße bewegen, konnten die Leute beim Einkaufen beobachten, die Menschen in den Restaurants. Drei Tage durften sie leben. Kinder, die an einem Eis schleckten, Kinder, die in der Spielzeugecke eines Kaufhauses spielten, veranlassten sie zum Stehenbleiben und Nachdenken. „Warum können unsere Kinder nicht so leben? Warum können sie kein normales Leben führen? Warum? Sind wir Iraker weniger wert als die anderen?“ Ich sehe die Tränen in ihren Augen und ich spüre ihre Angst vor der Fahrt, vor der Rückkehr in das Inferno.

Am Tag nach ihrer Heimkehr ist es auch für mich Zeit für die Heimreise. Eine böse Erkältung hat mich erwischt, ich habe Fieber und während des Nachtfluges störe ich alle im Flugzeug, die in meiner Nähe sitze mit Husten und Schnupfen. Der Flug erscheint mir endlos, erschöpft komme ich in Wien an.

Der Grenzübertritt unserer Medikamente verzögert sich, die Sicherheitslage in Basra ist weiterhin so angespannt, dass der Transport nicht möglich ist. Aber drei Tage nach meiner Heimreise bekomme ich die erlösende Nachricht: der LKW mit den Medikamenten befindet sich schon im Irak. Und wenige Stunden später höre ich, dass die Medikamente auf dem Flughafen zwischengelagert wurden. Dort sollen sie noch am gleichen Tag von den Ärzten abgeholt werden. Aber der Flughafen wird mit Raketen beschossen, eine Vielzahl von Raketen schlägt an diesem Tag in Basra ein. Am nächsten Morgen fahren zwei Ärzte mit dem LKW zum Flughafen und bringen die Medikamente sicher ins Krankenhaus. Noch am gleichen Tag erhalte ich Fotos, die die Ankunft der Medikamente bestätigen. Ich liege an diesem Tag mit Fieber zu Hause, aber trotzdem bin ich unsagbar glücklich. Wieder ist alles gut gegangen, wieder haben wir es gemeinsam geschafft. Es klingt so unglaublich unter all den fürchterlichen Umständen im Irak: aber bis jetzt sind alle unsere Hilfsgüter wohlbehalten und vollständig im Kinderkrankenhaus in Basra angekommen – all die Jahre hindurch.  Nichts wurde auf dem Weg beschädigt, nichts wurde gestohlen, alles hat die erreicht, für die es bestimmt ist. Das ist für mich wirklich ein Wunder!

Und wie geht es weiter?

Die Zukunft des Irak ist düster. Niemand weiß eine Lösung. Niemand kennt einen Ausweg. Zuviel wurde zerstört in diesem Land. Ich weiß nur: wir müssen weiter helfen. Unsere Hilfe muss weitergehen! Aber auch ich weiß nicht, wie. Ich mache mir große Sorgen, wie ich den nächsten Hilfstransport im Spätherbst finanzieren soll. Während internationale Organisationen auf die humanitäre Krise im Irak hinweisen und eine rasche Hilfe fordern, gibt es zugleich immer weniger Geldmittel für den Irak. Den Medien entnehme ich, eine humanitäre Hilfe würde nicht mehr der „klassischen Katastrophenhilfe“ entsprechen und langfristige Aufbauprojekte sind derzeit nicht möglich im Irak. Ich frage mich immer wieder: wann beginnen wir nachzudenken über unsere so wohldefinierten und administrierten Regeln und Vorschriften, mit denen wir die Hilfe so erschweren? Besondere Umstände erfordern doch besondere Aktionen – fernab der „klassischen Hilfe“ und fernab ihrer Definitionen. Wie wir diese Hilfe bezeichnen, ist doch wohl egal, fest steht nur: wir müssen weiterhelfen und wir müssen Wege suchen, wie wir helfen können. Im Irak wird die große Mehrheit der Bevölkerung von einer kleinen Minderheit in Angst und Schrecken versetzt – und die Welt schaut völlig gelähmt zu. Wir hören in den Medien nur von den Taten dieser Minderheit, von der stumm leidenden Mehrheit, die täglich in Angst und Schrecken lebt, hören wir nichts.

Die Kinder des Irak sind weder schuld an der Schreckensherrschaft von Saddam Hussein, noch am Versagen des Westens in der Zeit der Sanktionen. Sie sind nicht schuld an der Invasion des Irak durch die US-Amerikaner, sie sind nicht schuld an den terroristischen Aktivitäten von Al Kaida, sie sind nicht schuld an den verbrecherischen Aktivitäten von irakischen Aufständischen, von Milizen und kriminellen Banden, sie sind nicht schuld an den Konflikten zwischen zwei religiösen Gruppen, sie sind nicht schuld an der Korruption, die das Land weiter in den Abgrund führt – und sie sind nicht schuld am Schweigen der restlichen Welt. An alledem tragen sie keine Schuld. Die irakischen Kinder sind Kinder wie alle anderen Kinder dieser Welt, wie unsere Kinder, und sie haben wie alle Kinder ein Recht auf Leben, ein Recht auf Gesundheit, ein Recht auf Bildung, ein Recht auf ein menschenwürdiges Dasein. Haben wir das Recht, es ihnen zu verwehren?

Wir haben uns unsere Welt so unglaublich kompliziert gemacht, und Helfen gehört zu den schwierigsten Dingen auf dieser Erde überhaupt – diesen Schluss muss ich nach 14 Jahren humanitärer Arbeit ziehen. Es ist manchmal wirklich zum Verzweifeln. Fast täglich erhalte ich Mails mit der Bitte um Hilfe für ein Kind im Irak. Vor wenigen Tagen erhielt ich eine Nachricht mit folgendem Wortlaut: „Ich habe gehört, dass sie jedem, der Sie um Hilfe bittet, helfen. Bitte helfen Sie auch meinem Kind!“ Manchmal glaube ich selbst, all das Leid nicht mehr zu ertragen oder ist es meine Ohnmacht, die ich nicht ertragen kann? Ich habe das Gefühl, je mehr Hilferufe an mich herangetragen werden, umso weniger erhalte ich Unterstützung und Hilfe. Wie soll das nur weitergehen?

Wir haben bewiesen in den letzten Jahren, dass wir dort helfen können, wo es vielen anderen nicht mehr möglich ist. Für mich ist es mehr als bloß ein glücklicher Zufall, dass wir Partner vor Ort haben, die verlässlich sind, denen wir blind vertrauen können und die täglich ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um kranken Kindern zu helfen – und das obwohl sie die Möglichkeit hätten, das Land zu verlassen und sich selbst in Sicherheit zu bringen. Immer wieder konnten wir Mittel und Wege finden, um die Hilfsgüter sicher vor Ort zu bringen, ohne dass etwas in falsche Hände gerät – ein kleines Wunder. Wir haben gezeigt, dass Hilfe möglich ist, auch unter den schwierigsten äußeren Bedingungen. Ich danke allen Spendern, die den letzten Hilfstransport ermöglicht haben und zugleich bitte ich alle, dies weiter zu tun. Die Menschen in Basra kennen uns, für sie sind wir der letzte Hoffnungsschimmer in ihrer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Helfen wir gemeinsam Kindern, die sonst unausweichlich zum Tod verurteilt sind. Ihr Überleben liegt in unserer Hand.

 Spenden für „unsere“ Kinder in Basra erbitte ich auf folgende Konten:

 

In Österreich:

 

Erste Bank (BLZ 20111), Konto Nr. 28520096800

„Aladins Wunderlampe“

 

In Deutschland:

 

Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG (BLZ 38020090)

Konto Nr. 0364524226

„Aladins Wunderlampe Deutschland e.V.“

 

Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.saar.at/aladin

  

Wien, im Mai 2007

 

 

Dr. Eva-Maria Hobiger

   

 

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte unsere Projektleiterin, Frau Dr. Eva-Maria HOBIGER

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