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Ein medizinischer Kongress in Basra
Nach mehr als dreieinhalb Jahren war ich
wieder in Basra, für einige Tage nur, aber lang genug, um einen
Eindruck von der derzeitigen Lage zu erhalten. Der Grund der
Reise war eine Einladung der Medizinischen Universität von Basra.
Erstmals nach dem Krieg fand ein medizinischer Kongress im Irak
statt, noch dazu mit internationaler Beteiligung, und alle, die
den Menschen während der letzten Jahre in Basra in irgendeiner
Form beigestanden haben, waren eingeladen.
Dieser Einladung folgte ein Nervenkrieg bis
buchstäblich zur letzten Minute vor dem Abflug. Trotz
vielfältiger Bemühungen war es mir nicht möglich, ein Visum für
den Irak zu erhalten und so gab ich die Hoffnung auf, nach
langer Zeit endlich wieder nach Basra reisen zu können. Der
Termin rückte näher und näher und dann passierte alles Schlag
auf Schlag: zwei Tage vor der Abreise erhielt ich die
telefonische Nachricht aus Basra, dass ich auf keinen Fall
meinen Flug stornieren sollte. Aber bis zuletzt war da die
Unsicherheit – und meine Nervosität. Am Vortag der Abreise
teilte mir der Dekan der Universität Basra telefonisch mit, ich
solle auf jeden Fall fliegen, er werde dafür sorgen, dass ich
einreisen könne. Die schriftliche Bestätigung, dass ich den Irak
betreten konnte, lag aber erst vor, als ich bereits auf dem Weg
zum Flughafen in Wien war.
Und so flog ich am 3. Mai über Frankfurt
nach Kuwait und wurde am 5. Mai frühmorgens um 6 Uhr von einem
irakischen Fahrer vom Hotel abgeholt. Die Fahrt durch die Wüste
in Kuwait ist kurz, schon nach eineinhalb Stunden erreichen wir
die Grenze. Die Abfertigung auf kuwaitischer Seite erfolgt
rasch. Auf irakischer Seite sind ausländische Pässe nicht so oft
zu sehen und so dauert es eine Weile, als aber meine Abholer
eintreffen, erhalte ich bald das Visum in den Pass und es kann
weiter gehen. Die Fahrt erfolgt in einem kleinen Konvoi mit
einem Polizeiauto an der Spitze und wenn ich mich während dieser
Irakreise einmal gefürchtet habe, dann war es bei diesen
Konvoifahrten, denn die Autos klebten förmlich aneinander – und
das bei sehr hoher Geschwindigkeit.
Wir passieren die Städte Safwan und
Al-Zubeir. Es gibt unzählige Kontrollposten auf diesem Weg, oft
in Sichtweite voneinander. Es handelt sich um Checkpoints der
Polizei, dazu kommen auch noch Militärposten, die zwischen
diesen Kontrollpunkten postiert sind. Straßenhändler haben
notdürftige Buden auf dem Mittelstreifen der „Autobahn“
errichtet, wo sie Wassermelonen und anderes Obst anbieten. Auf
der gegenüberliegenden Fahrbahn sehe ich einen „Geisterfahrer“ –
ein Mann mit einem Pferdewagen, beladen mit Gasflaschen, die mit
Schilf abgedeckt sind, fährt gegen die Fahrtrichtung. Auch wir
werden bei manchen Checkpoints zu Geisterfahrern, weil unsere
Polizisten einer Autoschlange vor den Kontrollposten ausweichen
und eine ganze Strecke hindurch auf der Gegenfahrbahn
dahinbrausen. Von ferne sieht man die Rauchschwaden der
Ölfelder, wir fahren hier durch die Region Iraks, die den
größten Reichtum des Landes in ihrem Boden verbirgt: die
Ölfelder von Rumailia – die größten des Landes. Schafherden
links und rechts von der Straße suchen nach den vereinzelt
stehenden Grashalmen, die die Wüste im Frühling hergibt.
Wieder in Basra
Bald schon passieren wir die Stadteinfahrt
von Basra und der Anblick der Stadt ist mir sehr vertraut, er
gleicht den Bildern, die sich mir früher eingeprägt haben und zu
meiner großen Enttäuschung kann ich keine wesentliche
Veränderung oder Verbesserung erkennen, von etlichen in Bau
befindlichen Häusern abgesehen – wie ich später erfahre, handelt
es sich um einzelne Projekte, deren Bau begonnen wurde, aber
dann ein Baustop verfügt werden musste, weil das Geld ausging.
Wie schon vor Jahren so lagert auch heute der Abfall in den
Straßen der Stadt, säumt die Straßen von links und rechts:
Plastiksäcke, Blechdosen, Metallteile, Papier, verfaultes Obst.
Die Luft ist staubig, man sieht keine Sonne und der Himmel ist
grau, bedeckt mit Staubwolken. Manch neue Geschäfte entdecke ich
in den Straßen und es gibt auch viele neuere Autos. Aber nach
wie vor sehe ich die Kinder, die Benzin in Plastikkanistern oder
–flaschen verkaufen. Es sind Buben im Alter von 8, 10 oder
höchstens 12 Jahren, die um diese Tageszeit eigentlich in der
Schule sein sollten. Aber diese Kinder müssen bereits selbst für
ihren Lebensunterhalt sorgen bzw. für den ihrer gesamten
Familie, sie saugen das Benzin mit dem Mund durch Schläuche ab –
und gefährden damit ihre Gesundheit aufs höchste.
Wir erreichen das Mutter-Kind-Spital und es
ist nicht zu übersehen, dass es erst vor kurzem einen neuen
Anstrich erhielt. Das abblätternde Hellgrün aus den 70er Jahren
wurde durch helles Lila ersetzt, ein etwas eigenartiger Farbton
in dieser Gegend. Lässt diese Veränderung auch auf so manche
Neuerung im Spital selbst hoffen? Fast kann ich es nicht
erwarten, auf die Kinderkrebsstation zu kommen. Die Mittagshitze
schlägt mir entgegen, als ich aus dem Auto steige, es hat
bereits 40 Grad.
Vor dem Eingang der Kinderkrebsstation
sitzen Dutzende Väter und andere Angehörige auf dem Boden, sie
haben nach wie vor Besuchsverbot, nur die Mütter dürfen bei
ihren Kindern auf der Station sein. Am Gang wimmelt es von
Menschen: Polizisten, Soldaten, Ärzte, Krankenschwestern,
Journalisten mit ihren Kameras und die anderen ausländischen
Besucher. Zwischen den Besuchermassen drängt sich eine kleine,
weißbemäntelte Person durch – und wir fallen uns um den Hals:
Dr. Jenan, die Leiterin dieser Kinderkrebsstation, meine
wichtigste Projektpartnerin seit acht Jahren und gute Freundin
durch all die Jahre. Zuletzt sahen wir uns vor einem Jahr in
Wien. Wir können es beide nicht glauben: ich bin zurück in Basra!
Jedes Mal, wenn wir Abschied genommen haben seit März 2003 stand
immer ausgesprochen oder unausgesprochen die Frage im Raum:
werden wir uns wiedersehen? Vor einem Jahr wurden viele
berufstätige Frauen in Basra ermordet, Ärztinnen, Lehrerinnen,
Ingenieurinnen usw. Sie waren alle erfolgreich in ihrem Beruf –
was sie zu einem Angriffsziel von militanten Gruppen machte. Und
Dr. Jenan ist berühmt dafür, dass sie sich kein Blatt vor den
Mund nimmt, wenn es Anlass zu berechtigter Kritik gibt. Aber nun
stehen wir uns gegenüber und können beide nicht glauben, dass
ich zurück in Basra bin!
Jenan führt mich sofort in das von uns renovierte Spielzimmer,
um mir dort ihre Überraschung für mich zu zeigen: etwa 20
Kinder, die sie heute hierher eingeladen hatte, Kinder, die
früher an Krebs erkrankt waren, jetzt aber geheilt sind. Es ist
eine unglaubliche Freude, diese gesunden Kinder an diesem Ort zu
sehen, wo ich zuvor soviel Leid erlebt hatte. „Das ist mein
Geschenk für Dich heute“ meint sie. Diese Kinder leben, weil ihr
ihnen geholfen habt in all den Jahren. Die Frucht Eurer Arbeit!“
Es ist schwierig, gegen die Tränen anzukämpfen, und ich sehe,
dass es Jenan genauso geht. Die Kinder sind herausgeputzt, die
Buben meist mit weißen Hemden und schwarzen Hosen, die Mädchen
mit weißen Kleidern. Ein etwa 11jähriger Junge fällt besonders
auf: er trägt die traditionelle Stammeskleidung, ein kleiner
Scheich. Ein Blick in die Runde sagt mir, dass das Spielzimmer,
obwohl nun schon mehr als 5 Jahre vergangen sind, noch immer in
sehr gutem Zustand ist. Die Erzieherin, die ich schon vor Jahren
kennengelernt habe, fällt mir um den Hals und ich höre immer nur
ein Wort: Shukran – Danke! Der Lehrer der Kinder, der sehr aktiv
und engagiert ist, stellt mir ein Mädchen vor, das ein Auge mit
einem Verband verklebt hat: Sabrin. Von ihr habe ich unzählige
Zeichnungen, auf denen sie immer wieder einen Satz schrieb:
„Danke Dr. Eva, danke Dr. Jenan“ Ihr Dank, dass ihr neben den
Medikamenten auch eine Umgebung geschenkt wurde, in der sie sich
angenommen und sicher gefühlt hatte, nachdem sie von ihrem
Stiefvater praktisch verstoßen wurde. Ich weiß, dass es ihr
sehnlichster Wunsch ist, ein künstliches Auge zu erhalten, ihr
rechtes Auge musste schon vor Jahren wegen eines Tumors entfernt
werden. Ich sage ihr, dass ich sie, nach Abschluss ihres
Wachstums nach Österreich holen werde, damit sie ein künstliches
Auge erhalten kann. Sie lacht und bedankt sich überschwänglich
und am Tag danach höre ich, wie glücklich ich sie mit dieser
Aussicht gemacht habe. Leider ist ihre Überlebenschance gering,
zu oft wurde ihre Chemotherapie unterbrochen, weil die Familie
kein Geld hatte, das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen. Andere
Eltern verstehen oft die Notwendigkeit der Therapie nicht,
sobald es dem Kind subjektiv gut geht, meinen sie, es wäre
ohnehin schon geheilt und bringen das Kind nicht mehr zur
weiteren Therapie – die unbedingt notwendig wäre über mehrere
Monate, auch nachdem vom ursprünglichen Tumor nichts mehr zu
sehen ist. Es sind Eltern aus dem ländlichen Bereich, haben
selbst keine Schule besucht, können nicht lesen oder schreiben,
manche sind Nomaden. Hier wäre viel Informationsweitergabe und
Bildungsarbeit notwendig, um diesen schrecklichen Umstand zu
ändern – eine Aufgabe, die Sozialarbeiter übernehmen müssten,
welche es aber nicht gibt - oder auch Eltern von geheilten
Kindern.
Ich lerne zwei andere ausländische Besucher
kennen: Dr. Amy und Dr. Tim, beide aus den USA. Sie versuchten
im Laufe der letzten Jahre, eine Studie über die Häufung von
kindlichen Krebsfällen im Südirak auf die Beine zu stellen. Mit
beiden stand ich schon vor dieser Reise in Kontakt und wusste:
mit diesen beiden werde ich mich gut verstehen! Und dieser
Eindruck verstärkt sich noch viel mehr beim persönlichen
Kennenlernen.
Eine Mutter holt mich ins Krankenzimmer.
Die kleine Nour, 9 Jahre alt, hatte einen bösartigen Tumor im
linken Unterschenkel, das Bein musste amputiert werden.
Furchtbar für ein Kind in diesem Alter und so hat die kleine
Nour eine Bitte an mich: sie wagt es fast nicht, mich anzusehen
und scheu spricht sie ihre Bitte aus: sie möchte nicht mehr
zusehen, wenn die anderen Kinder spielen und herumlaufen - sie
wünscht sich eine Beinprothese von mir, damit sie wieder gehen
kann. Mit Hilfe einer jungen Ärztin, die als Dolmetsch fungiert,
erkläre ich dem Kind und der Mutter, dass wir vorläufig noch
abwarten müssen, bis die Therapie beendet sei.
Epidemien in Basra
Eine andere Mutter ruft mich zum Bett ihres
Kindes: dem Kind geht es sehr schlecht, es bricht ständig.
Gemeinsam mit der jungen Ärztin sehe ich mir die Befunde an und
von ihr erfahre ich, dass es bereits jetzt, Anfang Mai, Tausende
durchfallerkrankte Kinder in Basra gäbe. Normalerweise würde man
so viele Patienten, die an Durchfall leiden, erst im Juni, Juli
registrieren. Aber die Temperaturen sind schließlich schon hoch
und die Wasserqualität ist nach wie vor katastrophal. Wer auf
Leitungs- oder gar Flusswasser angewiesen ist, ist hochgradig
gefährdet, speziell die Kinder, die noch nicht ausreichend
Abwehrkräfte entwickelt haben. Und wenn es dann ein Kind
erwischt, das an Leukämie bzw. Krebs leidet und daher unter
Chemotherapie steht, ist die Infektion natürlich besonders
schwer. Ich versuche, die Mutter zu trösten, das Kind bekommt
Infusionen und die erforderlichen Medikamente, es müsste sich
nach ein paar Tagen erholen.
Es gibt so viele Infektionserkrankungen in
Basra: gerade jetzt herrscht eine Masernepidemie, als es noch
kühler war, grassierte Keuchhusten. Ich sehe etliche Kinder mit
Feuchtblattern in diesen Tagen. Die Impfprogramme konnten im
Laufe der letzten Jahre nicht lückenlos durchgeführt werden. Die
schlechte Sicherheitslage war schuld, auch die Tatsache, dass
vielen Kindern der Schulbesuch nicht möglich ist, viele
Impfkampagnen finden in den Schulen statt. Abgesehen davon ist
die durchgehende Kühlhaltung der Impfstoffe nicht möglich,
aufgrund der fehlenden bzw. immer wieder unterbrochenen
Stromversorgung – so sind die Impfstoffe, die verabreicht
werden, oft gar nicht mehr wirksam. Es gibt viele Fälle von
Tollwut bei Menschen, eine noch immer tödlich verlaufende
Krankheit. Wenn man die vielen streunenden Hunde sieht, die im
Müll nach Nahrung suchen, der praktisch überall herumliegt, so
ist das auch nicht weiter verwunderlich. Kala Azar, die typische
Armutserkrankung, befällt ungezählte Kleinkinder. Im November
des letzten Jahres hatte ich 300 Packungen des Medikamentes
Pentostam gebracht, mit denen ungefähr 1000 Kinder, die an Kala
Azar erkrankt sind, geheilt werden können. Ohne diese Behandlung
wären sie verloren. Ein Arzt erzählte mir, dass seinem Spital
während des gesamten letzten Jahres seitens des irakischen
Gesundheitsministeriums nur fünf Packungen dieses Medikamentes
zur Verfügung gestellt wurden – in einem Gebiet, in dem jedes
Jahr Tausende Menschen, v.a. Kinder, daran erkranken. Ich kenne
den Grund nicht, warum die Medikamentenversorgung im Irak noch
immer nicht funktioniert: Gibt es tatsächlich kein Geld?
Verschwindet das Geld durch die allgegenwärtige Korruption? Ist
es schlechtes Management? Ist es die Inkompetenz der
Verantwortlichen? Ich weiß es nicht, aber was immer der Grund
sein mag: Tatsache ist, dass die Ärmsten die Leidtragenden sind
– und ihnen gilt unsere Hilfe.
Dr. Jenan sucht nach mir und findet mich in
einem der Krankenzimmer. Sie erklärt den Müttern, wer ich bin,
daraufhin steht eine Mutter vom Krankenbett ihres Kindes auf,
kommt zu mir, umarmt und küsst mich. Tränen stehen ihr in den
Augen, als sie immer wieder „shukran, shukran“ (danke, danke)
stammelt. Die anderen bedanken sich überschwänglich und als ich
das Zimmer verlasse, ruft ein ganzer Chor mir Dankesworte und
Segenswünsche nach. Die Szenen wiederholen sich in den anderen
Zimmern.
Ich möchte eine andere Krankenstation sehen
und Jenan nimmt mich mit. Mir fällt auf, dass auf den Gängen und
teilweise auch in den Zimmern die Deckenverkleidungen entfernt
wurden. Ich frage Jenan nach dem Grund und ich bin entsetzt, als
ich diesen erfahre: sie erzählt mir, dass da oben zwischen den
Rohren und Leitungen Tausende Ratten gehaust hätten! Auch viele
Katzen hätte man dort gefunden. Die Fußböden des Krankenhauses
sind mit Ungeziefer aller Art verseucht, Wanzen sind nicht
selten. Die Wände der Krankenzimmer der anderen, angrenzenden
Station, sind feucht, von Schimmel befallen. Der Zustand des
Spitals ist noch viel schlimmer als zuvor. Die Zimmer in denen
die schwerkranken Kinder liegen, sind verdunkelt, es gibt keine
Klimaanlage. Ein trostloses Bild, das sich bietet, wenn man auch
nur einen Blick in diese Zimmer wirft. Die Betten und das
gesamte Inventar sind mehr als unansehlich geworden. Kann man
hier gesund werden? Die von uns renovierte Kinderkrebsstation
bleibt eine positive Ausnahme in diesem Krankenhaus. Die gesamte
Bausubstanz dieses Spitals ist so heruntergekommen, dass eine
weitere Sanierung wohl kaum möglich sein wird. Ich kenne die
katastrophalen Verhältnisse im Operationssaal und im Kreissaal.
Die einzige Alternative wäre wohl ein Abriss und Neubau des
Spitals. Dabei ist dieses Krankenhaus ein Schwerpunktspital im
Süden des Irak!
Das neue Krankenhaus
Während des anschließenden Mittagessens in
einem nahegelegenen Restaurant erfahren wir – und mit „wir“
meine ich die ausländischen Gäste - 9 Japaner, 4 Amerikaner und
ich - dass alle zusätzlichen, ursprünglich von den irakischen
Gastgebern geplanten Aktivitäten, abgesagt wurden: der Besuch
einer Schule, der Besuch des Marktes, ein Spaziergang am Ufer
des Shatt el Arab. Was ich vor meiner Abreise nicht wusste, war
die Tatsache, dass unsere Gruppe von einer amerikanischen
Sicherheitsfirma bewacht werden sollte und diese hatte alle
zusätzlichen Aktivitäten untersagt. Der Grund wäre unsere
Sicherheit. Als einzige der Gruppe genoss ich die Ausnahme, die
Formulare dieser Sicherheitsfirma nicht unterschreiben zu müssen
– für meine Sicherheit war ich selbst und meine irakischen
Freunde verantwortlich - und damit gewann ich ein wenig
Freiheit, nämlich Besucher zu empfangen und mich von der Gruppe
zu entfernen. Unser Aufbruch vom Restaurant lenkt zwangsläufig
alle Blicke auf der Straße auf uns. Ich frage mich, wozu das
Ganze gut sein soll. Mit diesem Gehabe teilen wir indirekt ja
allen mit, dass wir da sind – und dann benötigen wir 15 oder
mehr Leute, die uns schützen?
Unsere Gruppe hatte es durchgesetzt, dass
wir zumindest das in Bau befindliche Kinderkrankenhaus besuchen
können, ein Projekt, von der Gattin des US-Expräsidenten Bush im
Jahr 2003 initiiert und von Anfang an umstritten war. Es sollte
ein, mit allen Mitteln der modernen Medizin ausgestattetes,
100-Betten Krankenhaus werden, für das 50 Millionen Dollar als
Budget veranschlagt wurden. Aber wie kann ein solches
Krankenhaus in dieser Umgebung funktionieren, wenn so banale
Grundlagen wie Energieversorgung und sauberes Trinkwasser
fehlen, die meisten Fachärzte das Land verlassen haben, es
praktisch kein Pflegepersonal mehr gibt, und auch keine
Medikamente und Reinigungsmittel? Im Jahr 2006 war das Budget
aufgebraucht und das Spital weit entfernt von der
Fertigstellung. Auch heute, drei Jahre später, ist es noch lange
nicht fertig und hat mittlerweile ein Budget von fast 200
Millionen Dollar verschlungen. Dieses Krankenhaus – wann immer
es in Betrieb gehen wird, wird das alte Mutter-Kind-Spital nie
ersetzen können, dazu hat es viel zu wenig Betten. Wir
besichtigen die Baustelle und werden durch einige Bereiche des
Spitals geführt. Da es keinen Strom gibt, bleiben andere für uns
nicht einsehbar. Das Spital ist riesig dimensioniert – in
Relation zur Bettenanzahl - und mir tut das Personal jetzt schon
leid, das hier weite Strecken zwischen den einzelnen Bereichen
zurücklegen muss. Und im Stillen frage ich mich, wie kann hier
eines der größten Probleme in irakischen Einrichtungen, nämlich
die Instandhaltung, gewährleistet werden? Wann immer dieses
Spital eröffnet wird, wie wird es einige Jahre später aussehen?
Ich frage den künftigen Direktor, der die Führung durch das Haus
macht. Es ist einer der Ärzte, die schon einmal in Wien zur
Fortbildung waren. Er meint, das Problem wäre, dass es für
Instandhaltungen kaum Geld gäbe. Kaum zu verstehen, wenn man
weiß, wie viele Patienten ein irakisches Spital zu verkraften
hat (z.B. 80 Geburten pro Tag in einem „Kreissaal“ mit zwei
Betten) und manche dieser Patienten Nomaden sind, die nicht
gewohnt sind, in einem Haus zu leben und nicht wissen, wie man
die verschiedenen Einrichtungen eines Hauses benützt. Umso
wichtiger wären die Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten und
dementsprechend groß müsste das Budget hierfür sein.
Im Irak entfallen 1,2 Krankenhausbetten auf
1.000 Einwohner, in Österreich/Deutschland sind es zwischen 6
und 7 Betten. Das kleine Österreich mit einer Bevölkerungszahl
von 8,3 Millionen hat mehr Krankenhäuser als der Irak mit einer
Bevölkerung von ungefähr 28-30 Millionen. Selbst wenn es nur den
internationalen Durchschnittsstandard von 3,3 Betten auf 1.000
zu erreichen gilt, würde das bedeuten, dass der Irak fast
100.000 Betten – und die dazu gehörigen Krankenhäuser - schaffen
müsste. Bei dem eklatanten Mangel an Fachpersonal im Irak – wie
soll das funktionieren?
Sicherheit – um welchen Preis?
Mit Blaulicht und Signalhorn folgt die
kurze Fahrt zum Hotel. Vor der Hoteleinfahrt steht ein
Militärauto und mehrere Polizisten haben ebenfalls dort Stellung
bezogen. Ich fühle mich zunehmend unwohl und – unsicher, mitten
in all den Sicherheitsmaßnahmen. Die ratternden Stromgeneratoren
ersticken jedes Gespräch vor dem Hotel.
Bald danach treffen meine ersten Besucher
ein – es hat sich rasch herumgesprochen, dass ich da bin - und
es ist eine große Freude, die Freunde nach so vielen Jahren
wieder hier in Basra zu sehen. Das Gespräch mit meinen Besuchern
- Eltern mit Kindern, die zur Behandlung in Österreich waren und
auch Ärzte - rückt die Sicherheitslage, die uns von der
amerikanischen Sicherheitsfirma so drastisch geschildert wurde,
in ein ganz anderes Licht. Bis vor einem Jahr hatten alle
Freunde in Basra vor einem Besuch meinerseits abgeraten, alle
hatten die Lage als zu gefährlich eingestuft. Aber seit einigen
Monaten meinten sie, die Situation wäre ein völlig andere. Die
Milizen, die die Stadt terrorisiert hatten, wären fort und es
gäbe erheblich mehr Polizei und Militär in den Straßen, das
hätte die Lage völlig verändert. Die Menschen gehen wieder aus,
sind bis spät in die Nacht hinein unterwegs. Wohl gäbe es noch
einige Kidnapping-Fälle und natürlich wäre die Sicherheit nicht
mit der in einem europäischen Land zu vergleichen, aber es wäre
weit weniger gefährlich als bei meinen letzten Besuchen in den
Jahren 2004 und 2005. Sie hätten keinerlei Bedenken, mit mir im
Auto durch die Stadt zu fahren. Nun sehe ich natürlich ein, dass
der Schutz einer Gruppe von 14 Leuten ein anderes Thema ist.
Aber vor einer Bombe am Straßenrand können uns auch noch so
viele Sicherheitsleute nicht schützen.
Dieses Thema beschäftigt uns natürlich auch
beim Abendessen, das wir – entgegen den ursprünglichen Plänen –
im Hotel einnehmen. Unsere Gruppe – bestehend aus Menschen aus
drei Kontinenten – lehnt die Art und Weise geschlossen ab,
praktisch entmündigt und mehr oder minder im Hotel eingesperrt
zu sein. Wir sind als Freunde der Iraker gekommen und nun müssen
wir erleben, dass wir im Konvoi durch Basra gelotst werden, mit
Blaulicht und Signalhorn und Mikrofon, über das hinausgeschimpft
wird, wenn jemand nicht gleich ausweicht. Wir bleiben isoliert
von der Bevölkerung. Die Polizei fährt an der Spitze des Konvois
und hinten das Militär. An den Checkpoints haben wir eine eigene
Fahrspur, auf der wir die Kontrolle umfahren können, während die
Iraker in Schlangen stehen, um kontrolliert zu werden und erst
dann passieren zu können. Wenn ich die Art und Weise sehe, wie
hier mit Menschen umgegangen wird, so kann ich den Groll so
manchen Irakers zumindest verstehen.
Über all den Diskussionen ist es spät
geworden und ich bin froh, als ich endlich in mein Zimmer gehen
kann. Es war ein langer Tag und es gab viele Gespräche und
irgendwie befindet man sich hier immer in einem psychischen
Ausnahmezustand. Als ich das Zimmer betreten will, fällt wieder
einmal der Strom aus. Immerhin hat das Hotel einen Generator,
aber für einige Minuten bleibt es dunkel. Gedanken gehen einem
durch den Kopf, im Zimmer gegenüber wohnen etliche Iraker. Sind
diese kein „Sicherheitsrisiko“ für uns? Ich wohne in einem ganz
anderen Teil des Hotels als die anderen Mitglieder der Gruppe.
Das Schloss, das an meiner Zimmertüre angebracht ist, ist
lächerlich. Die Dunkelheit wäre eine gute Gelegenheit für ..….
Mit ohrenbetäubendem Lärm schaltet sich der Generator ein und
unterbricht diese Gedankengänge. Das Wasser, das aus der Leitung
kommt, hat unzählige Schmutzpartikel, die mit dem freien Auge
sichtbar sind. Die Klimaanlage funktioniert nicht, wenn der
Generator für die Stromversorgung zuständig ist – und das ist er
meistens. Die Hitze im Zimmer und die Erlebnisse des Tages
halten mich noch lange wach.
Ein Lied für das Leben
Am Morgen werden wir in die Autos
„verladen“ und unser Konvoi verlässt das Hotel in Richtung des
Ortes, wo der Kongress stattfinden wird. Wieder geht es dahin
mit Blaulicht und Signalhorn. Die Wasserkanäle der Stadt, die
auf den alten Postkarten aus den 50er Jahren klares Wasser und
tiefblaue Farbe zeigen, sind schmutzig braun und an ihren Ufern
links und rechts türmt sich der Abfall. Wir schauen neugierig
aus den Fenstern und fotografieren, wir haben sonst keine
Möglichkeit, etwas von der Außenwelt zu erleben.
Der Kongress wird in den Räumlichkeiten der
„Southern Oil Company“ veranstaltet und der erste Vortrag wird
von einem Professor aus Hiroshima gehalten. In den Kaffeepausen
ergeben sich viele Möglichkeiten zum Gespräch mit anderen
Ärzten. Irgendwann am frühen Nachmittag trifft der
Gesundheitsminister ein, der Kongress steht unter seiner
Patronanz und er nimmt zumindest zeitweise daran teil.
Ein Mann spricht mich an, er ist Vater
einer 14jährigen Tochter, die Leukämie hatte. Heute steht sie in
einem farbenfrohen Kleid vor mir und ist gesund. Der Vater
bedankt sich für das Leben seines Kindes bei mir, denn er weiß,
dass die Medikamente, die sein Kind gesund machten, durch mich
kamen. Das sind die Momente, wo man weiß, wofür man arbeitet,
wofür man kämpft und so manche Schwierigkeiten ausficht,
Momente, die einfach unbezahlbar sind.
Am Abend findet dann die offizielle
Eröffnungsfeier des Kongresses statt. Sie beginnt mit der
Nationalhymne und einer Ansprache des Gesundheitsministers.
Danach halte ich meinen Vortrag über unsere Arbeit der letzten
Jahre in Basra. Und danach kommt der Höhepunkt des Abends: ein
Lied, gesungen von mehr als 20 Kindern, die Krebs hatten und nun
gesund sind. Dr. Jenan hatte 50 Familien angerufen, aber viele
davon wohnen weit weg von Basra und die Eltern konnten die
Kinder nicht zu den Proben bringen. Die Kinder singen ein Lied,
das den Titel trägt „Ein Hoffnungsschimmer“. Den Text des Liedes
möchte ich hier wiedergeben:
Von diesem Ort aus möchten wir uns
bedanken.
Unsere Hoffnung ist zurückgekommen
Und das, was wir uns so sehr wünschten, wurde wahr:
Mit Eurer Liebe und mit Euren Medikamenten
wurden wir geheilt.
Mit Geduld und Glauben
haben wir den Krebs besiegt.
Ihr habt ein Fenster der Hoffnung geöffnet,
und wir haben einen Schritt in die Zukunft getan.
Wir werden weiter singen: für eine neue Welt, für glückliche
Tage.
Nie mehr Verzweiflung!
Nie mehr werden wir den Glauben an das Leben verlieren.
Wir sind voll der Hoffnung, voll von Glück –
und dieses Glück möchten wir mit Euch, die Ihr uns heute zuhört,
teilen.
Der Text wurde natürlich auf Arabisch
gesungen, aber er wurde in Englisch auf die Leinwand projiziert,
so dass ihn auch die Gäste verstehen konnten. Ich kann mich
nicht umsehen im Saal, da ich selbst mit den Tränen in den Augen
zu kämpfen habe, aber danach werden mir viele berichten, dass
sie die Tränen nicht zurückhalten konnten. Ich glaube, der ganze
Saal weinte vor Rührung. Es war wirklich ein unglaublicher
Moment, berührend und tief zu Herzen gehend. Diese Kinder, die
hier gesund vor uns stehen, wären tot – ohne unsere Hilfe, ohne
unsere Spenden, ohne unsere Arbeit, ohne unser Engagement. Und
ich weiß, das sind nur 20 von den Tausenden, die auch heute hier
bei uns sind, wenn auch unsichtbar. Die Aufführung der Kinder
war eine Idee von Dr. Jenan als Dank für die Hilfe durch all die
Jahre. Sie singen von der Hoffnung und vom Glück – und das
inmitten all des Chaos und der furchtbaren Lebensbedingungen,
die noch immer im Irak herrschen. Wie unendlich dankbar müssen
wir hier in Europa sein, wir, für die alles das
selbstverständlich ist, was den Menschen dort fehlt: sauberes
Trinkwasser, eine durchgehende Energieversorgung, ob es sich um
den elektrischen Strom oder um Benzin handelt, Spitäler, die
sauber sind und auf dem höchsten technischen Niveau,
Medikamente, eine Krankenversicherung, die jedem den höchsten
Standard der Behandlung garantiert, gut ausgebildete Ärzte und
Pflegepersonal, ausreichend Nahrung, gute Schulen und
Universitäten, saubere und gut gebaute Straßen, ein gutes
Sozialsystem, eine Arbeitsstelle, die uns auch einen Urlaub
ermöglicht – ein Fremdwort im Irak. All das dürfen wir genießen
ohne Angst, einmal zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein,
nämlich dann, wenn gerade wieder eine Bombe hochgeht, wie es
auch an diesem Abend in Basra geschehen ist. Wir schätzen nicht,
was wir hier in Europa haben.
Es ist sehr spät, als wir zum Hotel
zurückfahren. Und wieder fällt es schwer, in dem stickig-heißen
Raum nach all den Erlebnissen und Gesprächen während des Tages,
einzuschlafen. In meinem Kopf herrscht ein absolutes
Durcheinander von Gedanken und Gefühlen und ich werde Zeit
brauchen, diese zu ordnen.
Depression und Hoffnung
Als wir am nächsten Morgen in einen Stau
geraten, weicht unser Konvoi über eine Seitengasse aus – und wir
sind entsetzt, wie die Straßen hier aussehen, nur wenige Meter
entfernt von der Hauptstraße. Löcher bis zu einem Meter Tiefe in
der Straße, Hausmauern, die zerbröckeln, riesige Abwasserpfützen
gemischt mit Abfall, alte Autoreifen, riesige Risse in den
Gehsteigen, auf denen einige Kinder spielen. Auf der Hauptstraße
fallen die vielen provisorischen Stützpunkte von Polizei oder
Militär auf: entweder simple Wellblechdächer auf vier Stangen
montiert, oder einige Sandsäcke oder auch nur ein paar
aufgetürmte Ziegel.
Der Kongress wird fortgesetzt, und auch
heute ergeben sich in den Pausen viele Gespräche mit den
verschiedensten Menschen. Seit gestern kommen immer wieder Leute
zu mir und bitten mich um Hilfe, sogar die Angestellten, die
hier arbeiten. Ein Mann hat nur eine Niere und in dieser hat er
einen riesengroßen Stein. Er muss operiert werden, aber er hat
Angst, diese Operation hier durchführen zu lassen, es gibt nur
mehr wenige Fachärzte hier, und die Menschen haben das Vertrauen
in die Ärzte verloren, nachdem sehr viele Fehler passiert sind.
Ein Vater erzählt mir über die Bluterkrankung seiner beiden
Töchter, er braucht dringend Medikamente. Ein anderer berichtet
über die Leukämie seines Sohnes, ich möge mir das
Behandlungsprotokoll ansehen. Ein Kind mit spastischer Lähmung
wird mir vorgestellt usw. usw. Ich bin einem Arzt, der sich
spontan als Übersetzer zur Verfügung stellte, dankbar, dass er
den Menschen erklärt, dass ich nur Kinder und keine Erwachsenen
akzeptieren kann zur Behandlung im Westen, dass man manche
Erkrankungen auch bei uns nicht heilen kann und dass ich
versuchen werde, die fehlenden Medikamente zu schicken.
In einer ruhigen Ecke des Vorraumes komme
ich ins Gespräch mit einem der Ärzte. Es wird mir unvergessen
bleiben. Die abgrundtiefe Frustration und Depression spricht aus
ihm, wenn er erzählt, dass alle seine Geschwister das Land
verlassen hätten. Er wäre geblieben, weil er den Wunsch hatte,
hier etwas zu verändern. Aber unzählige Male pro Tag stößt man
auf ein Hindernis, das unüberwindlich ist, jeden Tag, und jede
Woche und jeden Monat und jedes Jahr – und das seit so vielen
Jahren schon. Er hat Angst, dass ihm die Kraft ausgehen könnte.
Was dann? Ganz aufgeben? Auch weggehen? Wie alle anderen? Es
gibt kaum mehr Fachärzte im Land, wer soll die Menschen hier
behandeln, wie soll etwas weitergehen im Irak, wenn alle weg
sind? Die Menschen, die im Ausland sind, sind sehr oft die
Gebildeten, die Akademiker, die Spezialisten – und wo immer sie
sind, sind sie ein Gewinn für das Land, in dem sie jetzt leben -
aber sie fehlen im Irak. Sein Herz wäre hart geworden im Laufe
der Jahre, meint er. Nun, ein hartes Herz hat dieser Mann
wahrlich nicht, aber er hat es wohl mit einem Schutzschild
umgeben. Den muss man sich zwangsläufig anlegen, wenn man hier
überleben will. Wir sitzen eine Weile schweigend da, womit kann
ich diesem Mann Mut machen? Gibt es Worte, die in einer solchen
Situation helfen können? Er kommt mir zuvor und sagt: „Dass ihr
unserer Einladung gefolgt seid, gibt uns Mut. Wir müssen
weiterarbeiten, egal wie schwer es ist. Als die Zeit noch
schwieriger war in den letzten Jahren, habt ihr uns nicht
vergessen, habt ihr unsere Kinder nicht vergessen. Das hat uns
Mut, Kraft und Motivation gegeben – und auch Hoffnung“, fügt er
hinzu. Vielleicht erreichen wir mit unserer Arbeit oft mehr, als
es den Anschein hat, als uns gesagt wird….
Am Nachmittag geht der Kongress schließlich
zu Ende. Diese Veranstaltung bedurfte bestimmt einer langen
Vorbereitungsarbeit und bedeutete sehr viel Arbeit für die
Organisatoren. Wenn man die Rahmenbedingungen betrachtet, so war
das eine beachtliche Leistung, weil wir, die Gäste vom Ausland,
bestimmt einen hohen Unsicherheitsfaktor darstellten. Man musste
unsere Sicherheit garantieren in einem Land, wo Sicherheit noch
immer ein weitgehend unbekanntes Wort ist. Ich denke, alle
werden aufgeatmet haben, nachdem wir den Irak sicher verlassen
hatten.
Umweltverschmutzung
Nun habe ich endlich Gelegenheit, ein wenig
„Freiheit“ zu erleben. Es ist leider schon 16 Uhr und drei
Stunden später muss ich wieder beim Hotel sein, da es noch ein
gemeinsames Abendessen geben wird. Ich bin bei einer Familie
eingeladen, deren Kind in Österreich behandelt wurde. Es ist ein
anderes Erlebnis, wenn man so wie alle anderen Iraker unterwegs
ist und nicht im mehrfach geschützten Konvoi. Es gibt keinerlei
Probleme bei den Checkpoints, die Polizisten schauen kurz ins
Auto, eine Frau darf ohnehin nicht angesprochen werden.
Kinder und alte Frauen betteln an den
Kreuzungen, manche Kinder verkaufen Obst oder Getränkedosen, sie
stehen mitten im Verkehrsgetümmel und atmen den ganzen Tag
hindurch die Abgase ein. Viele Kinder kamen bei dieser Arbeit
durch einen Unfall ums Leben, kein Wunder, wenn man die hier
übliche Fahrweise betrachtet. Wir fahren durch einen Stadtteil,
den ich bis jetzt noch nicht kannte. Es ist unglaublich: Kühe
gehen auf den Straßen und suchen nach den wenigen Grashalmen
inmitten der Abfallhaufen, fressen Abfall. Ich muss an unsere
Kühe denken auf den saftigen grünen Almen, welch andere Welt ist
das doch hier!
Ärmliche, zerfallende Häuser links und
rechts, wir halten vor einem Tor, man lässt hier sein Auto
niemals auf der Straße stehen. Die ganze Familie ist versammelt,
viele Verwandte sind gekommen, um die Ärztin aus „Nimsa“ – so
heißt Österreich auf Arabisch – zu sehen. Und es ist jedes Mal
ein Erlebnis: die irakische Gastfreundschaft. Man könnte
glauben, dass noch mindestens zehn weitere Besucher erwartet
werden, wenn man die Menge ansieht, die mir serviert wird. Die
Frau des Hauses ist beständig besorgt, dass es mir nicht
schmeckt, weil - nachdem ich mein Essen beendet habe - fast noch
alles da ist, kein Wunder, bei dieser Menge. Ich gehe in den
„Garten“: Ein paar Hühner auf engstem Raum in einem Pferch
eingesperrt, ein Hof mit Gerümpel. Hinter dem Garten fließt
einer der Wasserkanäle vorbei, ich möchte ihn mir näher ansehen
– und mir stockt der Atem, als ich am Ufer stehe: eine dicke,
schmutzigbraune Brühe, die einen furchtbaren Gestank verbreitet:
der beste Brutplatz für Insekten, Parasiten und Ungeziefer. Es
ist nicht verwunderlich, dass es so viele Krankheiten in Basra
gibt, in einer solchen Umgebung kann man nicht gesund sein. Am
gegenüberliegenden Ufer suchen ein paar wilde Hunde nach
Nahrung. Die Umweltverschmutzung im Irak ist so weit
fortgeschritten, dass sie meines Erachtens nicht mehr reversibel
ist.
Die Zeit vergeht viel zu schnell und der
Abschied ist herzlich. Wir müssen weiter, ich möchte gerne noch
zum ehemaligen Haus des Erzbischofs, der jetzt in Australien
ist. Dort empfängt mich der „Hausmeister“, er ist jetzt
Sicherheitsmann. Die irakische Regierung bezahlt solche
Schutztruppen, die die Kirchen des Landes beschützen sollen. Die
Kirche wird gerade umgebaut, der Hof ist überdacht worden. Ich
erfahre, dass die Armenapotheke aufgelöst werden wird, denn die
Apothekerin hat Basra verlassen. 600 christliche Familien gibt
es noch in Basra, vor dem letzten Krieg waren es 1500 Familien.
Die Zeit schreitet bedenklich voran und mein Begleiter meint,
wir müssten gehen, denn sonst würden bald unsere Fotos im
Fernsehen veröffentlicht und jeder würde glauben, er hätte mich
entführt. Er lacht übers ganze Gesicht über diesen „Witz“ und es
tut gut, hier auch einmal lachen zu können. Den Humor der Iraker
bewundere ich immer wieder, im Erfinden von Witzen über ihre
schwierige Situation sind sie unschlagbar.
Wir machen uns auf den Weg zurück zum
Hotel, eine kurze Fahrt von etwa 10 Minuten. Dort warten schon
Doah und ihre Eltern auf mich. Doah ist blind und war vor drei
Jahren wegen einer Nierenerkrankung zur Behandlung in
Österreich. Sie ist in einem erbärmlichen Zustand, der Vater
erzählt mir, sie hätte eine schwere Anämie und ihre Befunde
zeigen Werte, die kaum mit dem Leben vereinbar sind. Das Mädchen
ist fast zu schwach, um die paar Minuten zu stehen. Ich mache
dem Vater klar, dass das Mädchen dringendst Blutkonserven
braucht, aber angeblich hätte man diese im Krankenhaus
verweigert. Doah ist jetzt 17 Jahre (auch wenn sie eher wie 12
wirkt) und deswegen kann sie im Kinderkrankenhaus nicht mehr
behandelt werden, im Krankenhaus für Erwachsene hatte man sie
aber auch nicht akzeptiert. Ich verstehe die Welt nicht mehr,
ganz besonders nicht solche Ärzte. Ich schicke Doah zu Dr. Jenan,
die ihr sicher helfen wird.
Am nächsten Morgen um fünf Uhr früh werde
ich, so wie alle anderen der Gruppe, geweckt. Ich reise zwar
erst um zehn Uhr ab, aber das haben die Männer von der Rezeption
wohl übersehen. Aber so habe ich noch einmal Gelegenheit, mich
von den anderen Gruppenteilnehmern zu verabschieden. Uns alle
verbindet die Freundschaft zu den Menschen in Basra und obwohl
wir auf drei verschiedenen Kontinenten leben, werden wir sicher
in Verbindung bleiben zum Wohle der gemeinsamen Freunde. Der
Konvoi verlässt das Hotelgelände, zu den Polizeiautos gesellen
sich noch drei riesige Militärwägen, die meine neuen Freunde zum
Flughafen Basra begleiten werden.
Jenan kommt noch vorbei und erstmals in
diesen Tagen haben wir einige Minuten zu einem ruhigen Gespräch.
Es gäbe so viele zu diskutieren. Sie ist müde, die Vorbereitung
des Kongresses, in die auch sie eingebunden war, war zeit- und
kräfteraubend. Ein anderer Freund kommt auch noch vorbei und
dann heißt es auch für mich, Abschied zu nehmen von Basra. Ein
Arzt des Krankenhauses und ein Polizist in Zivil bringen mich in
einem gepanzerten Fahrzeug zur Grenze. Auf der Fahrt dorthin
fällt mir wieder die Umweltverschmutzung auf: Die Wüste wurde
früher von Vögel sauber gehalten, aber den Abfall unserer Zeit –
Dosen, Plastik, Metall – fressen die Geier nicht. So weit das
Auge reicht ist die Wüste damit bedeckt.
Verbrannte Erde
Der Irak ist ein zerstörtes Land, ein
gescheitertes Land. Seine historischen und kulturellen Wurzeln
wurden zerstört, die Umwelt ist zerstört, die banalsten
Lebensgrundlagen sind zerstört, die Gesellschaft ist zerstört -
und die Menschen sind psychisch zerstört. Wo beginnen? Wie
beginnen? Wie kann hier ein Wiederaufbau in die Wege geleitet
werden, ohne befürchten zu müssen, dass das in Angriff genommene
Projekt kläglich scheitern muss aufgrund der gegebenen
Rahmenbedingungen, weil die einfachsten Voraussetzungen fehlen?
Noch nie wurde mir das Ausmaß der Zerstörung dieses Landes so
bewusst wie während dieser letzten Reise. Einer der Ärzte
beschrieb es treffend: „Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels!“
Meine Gefühle, diese letzten Reise
betreffend, sind so ambivalent: einerseits war diese Reise sehr
ernüchternd für mich, ich habe mehr erwartet, mehr positive
Entwicklungen - auf diesem Gebiet wurde ich enttäuscht. Die
Sicherheitslage hat sich gebessert – auch wenn sie nicht optimal
ist. Aber sonst ist alles beim alten, so wie ich es vor fast
vier Jahren zuletzt erlebt habe – oder noch schlechter. Man
streicht das Kinderspital von außen – und innen verrottet es und
die Fußböden werden vom Ungeziefer aufgefressen. Man baut ein
modernes Spital und weiß nicht, wie man es instand halten kann.
Noch immer gibt es keine Medikamente für die Behandlung der
Kinder, für die Behandlung der kranken Menschen. Hat jemand das
Geld nicht – und das hat der Großteil der Bevölkerung nicht - um
sich Medikamente auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, dann ist man
zum Sterben verurteilt. Und wie geht es einem als Vater, als
Mutter, wenn man zusehen muss, wie sein Kind stirbt, weil man
das Geld für das Medikament nicht auftreiben kann?
Einige Tage nach meiner Rückkehr schreibt
eine irakische Tageszeitung: Als „größten Feind für den
Wiederaufbau des Irak nach der Zerschlagung des Terrorismus“
bezeichnete Premierminister Maliki die Korruption. Das Parlament
hat nun einen Feldzug gegen korruptionsverdächtige Minister und
deren Mitarbeiter gestartet. Ich kann nur hoffen, dass dieser
Feldzug erfolgreich sein wird und auch auf die unteren Ebenen in
der Hierarchie ausgeweitet wird, denn die Menschen im Irak
leiden unsäglich unter der Korruption.
Ganz besonders verheerend ist es, dass
nahezu alle Gebildeten das Land verlassen haben. Man trifft kaum
jemanden mehr, der Englisch spricht. Der Analphabetismus steigt
unaufhaltsam, unzählige Kinder konnten im Laufe der letzten 18
Jahre keine Schule mehr besuchen. Und dann beginnt man
vielleicht zu verstehen: wie kann die Verwaltung eines Landes
funktionieren, wenn nicht Wissen und Kompetenz, sondern andere
Eigenschaften entscheidend sind bei der Postenvergabe?
Aber ich habe auch viel Positives erlebt:
Ganz besonders die Welle der Dankbarkeit, die mir entgegenschlug
– das Wort „shukran“ = Danke – hörte ich Hunderte Male in diesen
wenigen Tagen. Allen voran von den Kindern und deren Eltern,
aber auch von denen, die sich trotz allem noch ihren Idealismus
bewahrt haben, die an ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus
ausharren, um ihren Dienst am kranken Menschen zu tun. Einmal
mehr wurde es mir bewusst: Ich konnte meine Projekte in all den
Jahren nur deshalb durchführen, weil ich verlässliche Partner
hatte: Ärzte, die ausharrten im Irak, um für die kranken
Menschen, die kranken Kinder da zu sein, die alle Rückschläge
überwanden und immer wieder von vorn begannen. Ihnen verdanken
wir es, dass wir viel erreichen konnten in einem Land, wo so
vieles scheitert, wo so viele Projekte nicht verwirklicht werden
können, weil das Geld einfach verschwindet. Dank unserer
Projektpartner konnte jeder einzelne gespendete Euro zweckgemäß
verwendet werden, noch nie ist uns etwas abhanden gekommen.
Diese Ärzte wachen sorgfältig über die von uns geschickten
Medikamente. Noch immer gibt es viel zu wenig Medikamente in den
irakischen Spitälern, fehlen Geräte und Ausrüstung – und es
sterben Tausende Patienten deswegen. Wie in jedem Land dieser
Erde, wo die Armut herrscht, lähmen Inkompetenz und Korruption
die Verwaltungsstrukturen. Aber es gibt auch unglaubliche
Beispiele von Selbstlosigkeit, Mut und Idealismus. Unter der
Anregung von Dr. Jenan wurde z.B. eine Organisation von Eltern
gegründet, deren Kinder an Krebs erkrankt waren oder es derzeit
sind. Sie haben schon einiges auf die Beine gestellt. Nur ein
Beispiel: Im Irak gibt es kein Blutspendesystem wie bei uns, da
muss jemand aus der Familie für einen kranken Angehörigen Blut
spenden. Was aber, wenn die Familie weit entfernt wohnt, niemand
kommen kann, und die Eltern, die bei dem Kind sind, schon
mehrfach Blut gespendet haben? Die Elternorganisation schaffte
es, eine Blutspendeaktion unter den Soldaten auf die Beine zu
stellen, damit die Kinder, die eine Bluttransfusion brauchen,
sie auch erhalten – etwas Normales bei uns, aber außergewöhnlich
im Irak. Und sie haben viele Pläne, auf ihrer Webseite fordern
sie die Regierung auf, sich der Behandlung der vielen
Krebskranken im Land anzunehmen. Für uns ist so etwas nichts
Besonderes, aber im Irak, wo man immer nur gewohnt war, Befehle
auszuführen und keine Eigeninitiative zu entwickeln, ist das
großartig und sicher beispielgebend – und ein zaghaftes Zeichen,
dass sich doch auch etwas zum Positiven wandelt.
Und die Zukunft von „Aladins
Wunderlampe“?
Es übersteigt meine Möglichkeiten, ein
Spital in Basra zu bauen – auch wenn ich das sehr gerne machen
würde - aber ich möchte versuchen, die bisherige Arbeit
fortzuführen – trotz Finanzkrise und trotz der Müdigkeit, die
einem schon befallen kann, wenn man die Arbeit – fast – allein
macht. Die Reise nach Basra war aber ein großer Ansporn, weiter
zu machen. Konkrete Hilfe ist möglich, auch in einem Land, in
dem chaotische Lebensbedingungen herrschen – das haben wir in
den letzten Jahren bewiesen, das habe ich jetzt erlebt. Gesunde,
lachende Kinder vor sich zu sehen und zu wissen, dass ihr Leben
erhalten werden konnte durch den eigenen Arbeitseinsatz, ist
Motivation genug für die weitere Arbeit.
Unter den gegebenen Umständen halte ich die
weitere Unterstützung mit Medikamenten für absolut vorrangig und
notwendig. Spätestens Ende August müsste ich wieder eine größere
Medikamentenlieferung auf den Weg nach Basra schicken. Weiters
möchte ich auf jeden Fall die Behandlung von kranken Kindern im
westlichen Ausland fortführen, im Vorjahr waren es 20 Kinder, in
diesem Jahr sind es bis jetzt schon 11 Kinder, die in Europa
behandelt wurden. Ich habe eine lange Liste von weiteren, die
noch auf ihre Chance warten, denn nur eine Operation in Europa
gibt diesen Kindern eine Überlebenschance. Und ich würde gerne
ein neues Projekt beginnen: Patenschaften für Kinder, damit
diese die Schule besuchen können. Dazu würde ich jemanden in
Basra bezahlen müssen, dass er die Arbeit eines Sozialarbeiters
übernimmt, die Familien regelmäßig besucht, Kinder aussucht, die
unterstützt werden sollen, über ihre schulischen Leistungen
Bericht erstattet, Kleidung und Schulsachen einkauft usw.
Der Weg, den der Irak noch vor sich hat,
ist lang. Zu lang für eine Generation, zu viel Arbeit für eine
Generation. Die Kinder, die vom Krebs geheilt wurden, sangen von
ihrer Hoffnung – das soll auch uns Hoffnung geben. Auch wenn
jetzt noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist, so
können wir vielleicht einen Hoffnungsschimmer erahnen, wenn uns
ein Arzt Folgendes erzählt – er erzählte es mir während meines
Aufenthaltes in Basra: „Österreich, Deutschland und die Schweiz
wurden sehr berühmt bei unseren Menschen hier. Wenn ein Kind
zurückkehrt nach der Behandlung in Europa, dann feiert das ganze
Dorf ein Fest. Und die Großfamilie des Kindes, die oft aus
hundert Menschen oder mehr besteht, kommt zusammen und alle
hören – und sehen – was die Menschen in diesen Ländern für
unsere Kinder getan haben. Menschen im Westen empfangen unsere
kranken Kinder und schicken sie uns gesund zurück. Und bei
diesen Festen in den Dörfern werden viele Friedens- und
Segenswünsche an die unbekannten Helfer in Europa geschickt.
Früher wurden Verwünschungen gegen den Westen ausgesprochen,
weil er uns den Krieg brachte. Das ist bei unseren Menschen
anders geworden, ihr Denken hat sich durch Euch verändert!“
Und einmal mehr frage ich mich: Erreichen
wir mit unserer Arbeit viel mehr, als wir auf den ersten Blick
erkennen können? Frieden in einem Land zu stiften, wo seit fast
30 Jahren Krieg herrscht, ist ein schöner Erfolg für uns.
Ich bitte alle, die diesen Bericht lesen,
sich zu überlegen, wie wir – trotz Finanzkrise – weiterhelfen
können. Die armen, kranken Menschen in Basra brauchen uns, das
Leben ihrer Kinder liegt tatsächlich in unserer Hand. Ich
erhalte kaum mehr Spenden, ich weiß nicht, wie ich die nächste
Medikamentenlieferung finanzieren soll. Ich weiß nicht, wie ich
die Behandlung der Kinder in Frankreich weiter finanzieren soll,
denn dort muss ich einen Teil der Kosten der Operation
übernehmen. Gibt es Firmen, die sich dieser herzkranken Kinder
annehmen könnten? Das Budget, das ich vor zwei Jahren von einer
Firma in einer vorbildlichen Höhe für diesen Zweck erhielt, ist
erschöpft. Ich komme gerne, um Vorträge zu halten, in Institute,
Schulen, Firmen. Haben Sie andere Ideen? Ich würde auch gerne
Patenschaften vermitteln, damit Kinder wieder zur Schule gehen
können.
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Bitte helfen Sie auch weiterhin!
Ihre Hilfe kommt an!
Dr. Eva-Maria Hobiger
Spenden
für die Kinder in Basra erbeten an: |