KEIN LICHT AM ENDE DES TUNNELS
Basra, 5. bis 8. Mai 2009

von Dr. Eva-Maria Hobiger

   

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Ein medizinischer Kongress in Basra

Nach mehr als dreieinhalb Jahren war ich wieder in Basra, für einige Tage nur, aber lang genug, um einen Eindruck von der derzeitigen Lage zu erhalten. Der Grund der Reise war eine Einladung der Medizinischen Universität von Basra. Erstmals nach dem Krieg fand ein medizinischer Kongress im Irak statt, noch dazu mit internationaler Beteiligung, und alle, die den Menschen während der letzten Jahre in Basra in irgendeiner Form beigestanden haben, waren eingeladen.

Dieser Einladung folgte ein Nervenkrieg bis buchstäblich zur letzten Minute vor dem Abflug. Trotz vielfältiger Bemühungen war es mir nicht möglich, ein Visum für den Irak zu erhalten und so gab ich die Hoffnung auf, nach langer Zeit endlich wieder nach Basra reisen zu können. Der Termin rückte näher und näher und dann passierte alles Schlag auf Schlag: zwei Tage vor der Abreise erhielt ich die telefonische Nachricht aus Basra, dass ich auf keinen Fall meinen Flug stornieren sollte. Aber bis zuletzt war da die Unsicherheit – und meine Nervosität. Am Vortag der Abreise teilte mir der Dekan der Universität Basra telefonisch mit, ich solle auf jeden Fall fliegen, er werde dafür sorgen, dass ich einreisen könne. Die schriftliche Bestätigung, dass ich den Irak betreten konnte, lag aber erst vor, als ich bereits auf dem Weg zum Flughafen in Wien war.

Und so flog ich am 3. Mai über Frankfurt nach Kuwait und wurde am 5. Mai frühmorgens um 6 Uhr von einem irakischen Fahrer vom Hotel abgeholt. Die Fahrt durch die Wüste in Kuwait ist kurz, schon nach eineinhalb Stunden erreichen wir die Grenze. Die Abfertigung auf kuwaitischer Seite erfolgt rasch. Auf irakischer Seite sind ausländische Pässe nicht so oft zu sehen und so dauert es eine Weile, als aber meine Abholer eintreffen, erhalte ich bald das Visum in den Pass und es kann weiter gehen. Die Fahrt erfolgt in einem kleinen Konvoi mit einem Polizeiauto an der Spitze und wenn ich mich während dieser Irakreise einmal gefürchtet habe, dann war es bei diesen Konvoifahrten, denn die Autos klebten förmlich aneinander – und das bei sehr hoher Geschwindigkeit.

Wir passieren die Städte Safwan und Al-Zubeir. Es gibt unzählige Kontrollposten auf diesem Weg, oft in Sichtweite voneinander. Es handelt sich um Checkpoints der Polizei, dazu kommen auch noch Militärposten, die zwischen diesen Kontrollpunkten postiert sind. Straßenhändler haben notdürftige Buden auf dem Mittelstreifen der „Autobahn“ errichtet, wo sie Wassermelonen und anderes Obst anbieten. Auf der gegenüberliegenden Fahrbahn sehe ich einen „Geisterfahrer“ – ein Mann mit einem Pferdewagen, beladen mit Gasflaschen, die mit Schilf abgedeckt sind, fährt gegen die Fahrtrichtung. Auch wir werden bei manchen Checkpoints zu Geisterfahrern, weil unsere Polizisten einer Autoschlange vor den Kontrollposten ausweichen und eine ganze Strecke hindurch auf der Gegenfahrbahn dahinbrausen. Von ferne sieht man die Rauchschwaden der Ölfelder, wir fahren hier durch die Region Iraks, die den größten Reichtum des Landes in ihrem Boden verbirgt: die Ölfelder von Rumailia – die größten des Landes. Schafherden links und rechts von der Straße suchen nach den vereinzelt stehenden Grashalmen, die die Wüste im Frühling hergibt.

Wieder in Basra

Bald schon passieren wir die Stadteinfahrt von Basra und der Anblick der Stadt ist mir sehr vertraut, er gleicht den Bildern, die sich mir früher eingeprägt haben und zu meiner großen Enttäuschung kann ich keine wesentliche Veränderung oder Verbesserung erkennen, von etlichen in Bau befindlichen Häusern abgesehen – wie ich später erfahre, handelt es sich um einzelne Projekte, deren Bau begonnen wurde, aber dann ein Baustop verfügt werden musste, weil das Geld ausging. Wie schon vor Jahren so lagert auch heute der Abfall in den Straßen der Stadt, säumt die Straßen von links und rechts: Plastiksäcke, Blechdosen, Metallteile, Papier, verfaultes Obst. Die Luft ist staubig, man sieht keine Sonne und der Himmel ist grau, bedeckt mit Staubwolken. Manch neue Geschäfte entdecke ich in den Straßen und es gibt auch viele neuere Autos. Aber nach wie vor sehe ich die Kinder, die Benzin in Plastikkanistern oder –flaschen verkaufen. Es sind Buben im Alter von 8, 10 oder höchstens 12 Jahren, die um diese Tageszeit eigentlich in der Schule sein sollten. Aber diese Kinder müssen bereits selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen bzw. für den ihrer gesamten Familie, sie saugen das Benzin mit dem Mund durch Schläuche ab – und gefährden damit ihre Gesundheit aufs höchste.

Wir erreichen das Mutter-Kind-Spital und es ist nicht zu übersehen, dass es erst vor kurzem einen neuen Anstrich erhielt. Das abblätternde Hellgrün aus den 70er Jahren wurde durch helles Lila ersetzt, ein etwas eigenartiger Farbton in dieser Gegend. Lässt diese Veränderung auch auf so manche Neuerung im Spital selbst hoffen? Fast kann ich es nicht erwarten, auf die Kinderkrebsstation zu kommen. Die Mittagshitze schlägt mir entgegen, als ich aus dem Auto steige, es hat bereits 40 Grad.

Vor dem Eingang der Kinderkrebsstation sitzen Dutzende Väter und andere Angehörige auf dem Boden, sie haben nach wie vor Besuchsverbot, nur die Mütter dürfen bei ihren Kindern auf der Station sein. Am Gang wimmelt es von Menschen: Polizisten, Soldaten, Ärzte, Krankenschwestern, Journalisten mit ihren Kameras und die anderen ausländischen Besucher. Zwischen den Besuchermassen drängt sich eine kleine, weißbemäntelte Person durch – und wir fallen uns um den Hals: Dr. Jenan, die Leiterin dieser Kinderkrebsstation, meine wichtigste Projektpartnerin seit acht Jahren und gute Freundin durch all die Jahre. Zuletzt sahen wir uns vor einem Jahr in Wien. Wir können es beide nicht glauben: ich bin zurück in Basra! Jedes Mal, wenn wir Abschied genommen haben seit März 2003 stand immer ausgesprochen oder unausgesprochen die Frage im Raum: werden wir uns wiedersehen? Vor einem Jahr wurden viele berufstätige Frauen in Basra ermordet, Ärztinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen usw. Sie waren alle erfolgreich in ihrem Beruf – was sie zu einem Angriffsziel von militanten Gruppen machte. Und Dr. Jenan ist berühmt dafür, dass sie sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es Anlass zu berechtigter Kritik gibt. Aber nun stehen wir uns gegenüber und können beide nicht glauben, dass ich zurück in Basra bin!
Jenan führt mich sofort in das von uns renovierte Spielzimmer, um mir dort ihre Überraschung für mich zu zeigen: etwa 20 Kinder, die sie heute hierher eingeladen hatte, Kinder, die früher an Krebs erkrankt waren, jetzt aber geheilt sind. Es ist eine unglaubliche Freude, diese gesunden Kinder an diesem Ort zu sehen, wo ich zuvor soviel Leid erlebt hatte. „Das ist mein Geschenk für Dich heute“ meint sie. Diese Kinder leben, weil ihr ihnen geholfen habt in all den Jahren. Die Frucht Eurer Arbeit!“ Es ist schwierig, gegen die Tränen anzukämpfen, und ich sehe, dass es Jenan genauso geht. Die Kinder sind herausgeputzt, die Buben meist mit weißen Hemden und schwarzen Hosen, die Mädchen mit weißen Kleidern. Ein etwa 11jähriger Junge fällt besonders auf: er trägt die traditionelle Stammeskleidung, ein kleiner Scheich. Ein Blick in die Runde sagt mir, dass das Spielzimmer, obwohl nun schon mehr als 5 Jahre vergangen sind, noch immer in sehr gutem Zustand ist. Die Erzieherin, die ich schon vor Jahren kennengelernt habe, fällt mir um den Hals und ich höre immer nur ein Wort: Shukran – Danke! Der Lehrer der Kinder, der sehr aktiv und engagiert ist, stellt mir ein Mädchen vor, das ein Auge mit einem Verband verklebt hat: Sabrin. Von ihr habe ich unzählige Zeichnungen, auf denen sie immer wieder einen Satz schrieb: „Danke Dr. Eva, danke Dr. Jenan“ Ihr Dank, dass ihr neben den Medikamenten auch eine Umgebung geschenkt wurde, in der sie sich angenommen und sicher gefühlt hatte, nachdem sie von ihrem Stiefvater praktisch verstoßen wurde. Ich weiß, dass es ihr sehnlichster Wunsch ist, ein künstliches Auge zu erhalten, ihr rechtes Auge musste schon vor Jahren wegen eines Tumors entfernt werden. Ich sage ihr, dass ich sie, nach Abschluss ihres Wachstums nach Österreich holen werde, damit sie ein künstliches Auge erhalten kann. Sie lacht und bedankt sich überschwänglich und am Tag danach höre ich, wie glücklich ich sie mit dieser Aussicht gemacht habe. Leider ist ihre Überlebenschance gering, zu oft wurde ihre Chemotherapie unterbrochen, weil die Familie kein Geld hatte, das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen. Andere Eltern verstehen oft die Notwendigkeit der Therapie nicht, sobald es dem Kind subjektiv gut geht, meinen sie, es wäre ohnehin schon geheilt und bringen das Kind nicht mehr zur weiteren Therapie – die unbedingt notwendig wäre über mehrere Monate, auch nachdem vom ursprünglichen Tumor nichts mehr zu sehen ist. Es sind Eltern aus dem ländlichen Bereich, haben selbst keine Schule besucht, können nicht lesen oder schreiben, manche sind Nomaden. Hier wäre viel Informationsweitergabe und Bildungsarbeit notwendig, um diesen schrecklichen Umstand zu ändern – eine Aufgabe, die Sozialarbeiter übernehmen müssten, welche es aber nicht gibt - oder auch Eltern von geheilten Kindern.

Ich lerne zwei andere ausländische Besucher kennen: Dr. Amy und Dr. Tim, beide aus den USA. Sie versuchten im Laufe der letzten Jahre, eine Studie über die Häufung von kindlichen Krebsfällen im Südirak auf die Beine zu stellen. Mit beiden stand ich schon vor dieser Reise in Kontakt und wusste: mit diesen beiden werde ich mich gut verstehen! Und dieser Eindruck verstärkt sich noch viel mehr beim persönlichen Kennenlernen.

Eine Mutter holt mich ins Krankenzimmer. Die kleine Nour, 9 Jahre alt, hatte einen bösartigen Tumor im linken Unterschenkel, das Bein musste amputiert werden. Furchtbar für ein Kind in diesem Alter und so hat die kleine Nour eine Bitte an mich: sie wagt es fast nicht, mich anzusehen und scheu spricht sie ihre Bitte aus: sie möchte nicht mehr zusehen, wenn die anderen Kinder spielen und herumlaufen - sie wünscht sich eine Beinprothese von mir, damit sie wieder gehen kann. Mit Hilfe einer jungen Ärztin, die als Dolmetsch fungiert, erkläre ich dem Kind und der Mutter, dass wir vorläufig noch abwarten müssen, bis die Therapie beendet sei.

Epidemien in Basra

Eine andere Mutter ruft mich zum Bett ihres Kindes: dem Kind geht es sehr schlecht, es bricht ständig. Gemeinsam mit der jungen Ärztin sehe ich mir die Befunde an und von ihr erfahre ich, dass es bereits jetzt, Anfang Mai, Tausende durchfallerkrankte Kinder in Basra gäbe. Normalerweise würde man so viele Patienten, die an Durchfall leiden, erst im Juni, Juli registrieren. Aber die Temperaturen sind schließlich schon hoch und die Wasserqualität ist nach wie vor katastrophal. Wer auf Leitungs- oder gar Flusswasser angewiesen ist, ist hochgradig gefährdet, speziell die Kinder, die noch nicht ausreichend Abwehrkräfte entwickelt haben. Und wenn es dann ein Kind erwischt, das an Leukämie bzw. Krebs leidet und daher unter Chemotherapie steht, ist die Infektion natürlich besonders schwer. Ich versuche, die Mutter zu trösten, das Kind bekommt Infusionen und die erforderlichen Medikamente, es müsste sich nach ein paar Tagen erholen.

Es gibt so viele Infektionserkrankungen in Basra: gerade jetzt herrscht eine Masernepidemie, als es noch kühler war, grassierte Keuchhusten. Ich sehe etliche Kinder mit Feuchtblattern in diesen Tagen. Die Impfprogramme konnten im Laufe der letzten Jahre nicht lückenlos durchgeführt werden. Die schlechte Sicherheitslage war schuld, auch die Tatsache, dass vielen Kindern der Schulbesuch nicht möglich ist, viele Impfkampagnen finden in den Schulen statt. Abgesehen davon ist die durchgehende Kühlhaltung der Impfstoffe nicht möglich, aufgrund der fehlenden bzw. immer wieder unterbrochenen Stromversorgung – so sind die Impfstoffe, die verabreicht werden, oft gar nicht mehr wirksam. Es gibt viele Fälle von Tollwut bei Menschen, eine noch immer tödlich verlaufende Krankheit. Wenn man die vielen streunenden Hunde sieht, die im Müll nach Nahrung suchen, der praktisch überall herumliegt, so ist das auch nicht weiter verwunderlich. Kala Azar, die typische Armutserkrankung, befällt ungezählte Kleinkinder. Im November des letzten Jahres hatte ich 300 Packungen des Medikamentes Pentostam gebracht, mit denen ungefähr 1000 Kinder, die an Kala Azar erkrankt sind, geheilt werden können. Ohne diese Behandlung wären sie verloren. Ein Arzt erzählte mir, dass seinem Spital während des gesamten letzten Jahres seitens des irakischen Gesundheitsministeriums nur fünf Packungen dieses Medikamentes zur Verfügung gestellt wurden – in einem Gebiet, in dem jedes Jahr Tausende Menschen, v.a. Kinder, daran erkranken. Ich kenne den Grund nicht, warum die Medikamentenversorgung im Irak noch immer nicht funktioniert: Gibt es tatsächlich kein Geld? Verschwindet das Geld durch die allgegenwärtige Korruption? Ist es schlechtes Management? Ist es die Inkompetenz der Verantwortlichen? Ich weiß es nicht, aber was immer der Grund sein mag: Tatsache ist, dass die Ärmsten die Leidtragenden sind – und ihnen gilt unsere Hilfe.

Dr. Jenan sucht nach mir und findet mich in einem der Krankenzimmer. Sie erklärt den Müttern, wer ich bin, daraufhin steht eine Mutter vom Krankenbett ihres Kindes auf, kommt zu mir, umarmt und küsst mich. Tränen stehen ihr in den Augen, als sie immer wieder „shukran, shukran“ (danke, danke) stammelt. Die anderen bedanken sich überschwänglich und als ich das Zimmer verlasse, ruft ein ganzer Chor mir Dankesworte und Segenswünsche nach. Die Szenen wiederholen sich in den anderen Zimmern.

Ich möchte eine andere Krankenstation sehen und Jenan nimmt mich mit. Mir fällt auf, dass auf den Gängen und teilweise auch in den Zimmern die Deckenverkleidungen entfernt wurden. Ich frage Jenan nach dem Grund und ich bin entsetzt, als ich diesen erfahre: sie erzählt mir, dass da oben zwischen den Rohren und Leitungen Tausende Ratten gehaust hätten! Auch viele Katzen hätte man dort gefunden. Die Fußböden des Krankenhauses sind mit Ungeziefer aller Art verseucht, Wanzen sind nicht selten. Die Wände der Krankenzimmer der anderen, angrenzenden Station, sind feucht, von Schimmel befallen. Der Zustand des Spitals ist noch viel schlimmer als zuvor. Die Zimmer in denen die schwerkranken Kinder liegen, sind verdunkelt, es gibt keine Klimaanlage. Ein trostloses Bild, das sich bietet, wenn man auch nur einen Blick in diese Zimmer wirft. Die Betten und das gesamte Inventar sind mehr als unansehlich geworden. Kann man hier gesund werden? Die von uns renovierte Kinderkrebsstation bleibt eine positive Ausnahme in diesem Krankenhaus. Die gesamte Bausubstanz dieses Spitals ist so heruntergekommen, dass eine weitere Sanierung wohl kaum möglich sein wird. Ich kenne die katastrophalen Verhältnisse im Operationssaal und im Kreissaal. Die einzige Alternative wäre wohl ein Abriss und Neubau des Spitals. Dabei ist dieses Krankenhaus ein Schwerpunktspital im Süden des Irak!

Das neue Krankenhaus

Während des anschließenden Mittagessens in einem nahegelegenen Restaurant erfahren wir – und mit „wir“ meine ich die ausländischen Gäste - 9 Japaner, 4 Amerikaner und ich - dass alle zusätzlichen, ursprünglich von den irakischen Gastgebern geplanten Aktivitäten, abgesagt wurden: der Besuch einer Schule, der Besuch des Marktes, ein Spaziergang am Ufer des Shatt el Arab. Was ich vor meiner Abreise nicht wusste, war die Tatsache, dass unsere Gruppe von einer amerikanischen Sicherheitsfirma bewacht werden sollte und diese hatte alle zusätzlichen Aktivitäten untersagt. Der Grund wäre unsere Sicherheit. Als einzige der Gruppe genoss ich die Ausnahme, die Formulare dieser Sicherheitsfirma nicht unterschreiben zu müssen – für meine Sicherheit war ich selbst und meine irakischen Freunde verantwortlich - und damit gewann ich ein wenig Freiheit, nämlich Besucher zu empfangen und mich von der Gruppe zu entfernen. Unser Aufbruch vom Restaurant lenkt zwangsläufig alle Blicke auf der Straße auf uns. Ich frage mich, wozu das Ganze gut sein soll. Mit diesem Gehabe teilen wir indirekt ja allen mit, dass wir da sind – und dann benötigen wir 15 oder mehr Leute, die uns schützen?

Unsere Gruppe hatte es durchgesetzt, dass wir zumindest das in Bau befindliche Kinderkrankenhaus besuchen können, ein Projekt, von der Gattin des US-Expräsidenten Bush im Jahr 2003 initiiert und von Anfang an umstritten war. Es sollte ein, mit allen Mitteln der modernen Medizin ausgestattetes, 100-Betten Krankenhaus werden, für das 50 Millionen Dollar als Budget veranschlagt wurden. Aber wie kann ein solches Krankenhaus in dieser Umgebung funktionieren, wenn so banale Grundlagen wie Energieversorgung und sauberes Trinkwasser fehlen, die meisten Fachärzte das Land verlassen haben, es praktisch kein Pflegepersonal mehr gibt, und auch keine Medikamente und Reinigungsmittel? Im Jahr 2006 war das Budget aufgebraucht und das Spital weit entfernt von der Fertigstellung. Auch heute, drei Jahre später, ist es noch lange nicht fertig und hat mittlerweile ein Budget von fast 200 Millionen Dollar verschlungen. Dieses Krankenhaus – wann immer es in Betrieb gehen wird, wird das alte Mutter-Kind-Spital nie ersetzen können, dazu hat es viel zu wenig Betten. Wir besichtigen die Baustelle und werden durch einige Bereiche des Spitals geführt. Da es keinen Strom gibt, bleiben andere für uns nicht einsehbar. Das Spital ist riesig dimensioniert – in Relation zur Bettenanzahl - und mir tut das Personal jetzt schon leid, das hier weite Strecken zwischen den einzelnen Bereichen zurücklegen muss. Und im Stillen frage ich mich, wie kann hier eines der größten Probleme in irakischen Einrichtungen, nämlich die Instandhaltung, gewährleistet werden? Wann immer dieses Spital eröffnet wird, wie wird es einige Jahre später aussehen? Ich frage den künftigen Direktor, der die Führung durch das Haus macht. Es ist einer der Ärzte, die schon einmal in Wien zur Fortbildung waren. Er meint, das Problem wäre, dass es für Instandhaltungen kaum Geld gäbe. Kaum zu verstehen, wenn man weiß, wie viele Patienten ein irakisches Spital zu verkraften hat (z.B. 80 Geburten pro Tag in einem „Kreissaal“ mit zwei Betten) und manche dieser Patienten Nomaden sind, die nicht gewohnt sind, in einem Haus zu leben und nicht wissen, wie man die verschiedenen Einrichtungen eines Hauses benützt. Umso wichtiger wären die Reinigungs- und Instandsetzungsarbeiten und dementsprechend groß müsste das Budget hierfür sein.

Im Irak entfallen 1,2 Krankenhausbetten auf 1.000 Einwohner, in Österreich/Deutschland sind es zwischen 6 und 7 Betten. Das kleine Österreich mit einer Bevölkerungszahl von 8,3 Millionen hat mehr Krankenhäuser als der Irak mit einer Bevölkerung von ungefähr 28-30 Millionen. Selbst wenn es nur den internationalen Durchschnittsstandard von 3,3 Betten auf 1.000 zu erreichen gilt, würde das bedeuten, dass der Irak fast 100.000 Betten – und die dazu gehörigen Krankenhäuser - schaffen müsste. Bei dem eklatanten Mangel an Fachpersonal im Irak – wie soll das funktionieren?

Sicherheit – um welchen Preis?

Mit Blaulicht und Signalhorn folgt die kurze Fahrt zum Hotel. Vor der Hoteleinfahrt steht ein Militärauto und mehrere Polizisten haben ebenfalls dort Stellung bezogen. Ich fühle mich zunehmend unwohl und – unsicher, mitten in all den Sicherheitsmaßnahmen. Die ratternden Stromgeneratoren ersticken jedes Gespräch vor dem Hotel.

Bald danach treffen meine ersten Besucher ein – es hat sich rasch herumgesprochen, dass ich da bin - und es ist eine große Freude, die Freunde nach so vielen Jahren wieder hier in Basra zu sehen. Das Gespräch mit meinen Besuchern - Eltern mit Kindern, die zur Behandlung in Österreich waren und auch Ärzte - rückt die Sicherheitslage, die uns von der amerikanischen Sicherheitsfirma so drastisch geschildert wurde, in ein ganz anderes Licht. Bis vor einem Jahr hatten alle Freunde in Basra vor einem Besuch meinerseits abgeraten, alle hatten die Lage als zu gefährlich eingestuft. Aber seit einigen Monaten meinten sie, die Situation wäre ein völlig andere. Die Milizen, die die Stadt terrorisiert hatten, wären fort und es gäbe erheblich mehr Polizei und Militär in den Straßen, das hätte die Lage völlig verändert. Die Menschen gehen wieder aus, sind bis spät in die Nacht hinein unterwegs. Wohl gäbe es noch einige Kidnapping-Fälle und natürlich wäre die Sicherheit nicht mit der in einem europäischen Land zu vergleichen, aber es wäre weit weniger gefährlich als bei meinen letzten Besuchen in den Jahren 2004 und 2005. Sie hätten keinerlei Bedenken, mit mir im Auto durch die Stadt zu fahren. Nun sehe ich natürlich ein, dass der Schutz einer Gruppe von 14 Leuten ein anderes Thema ist. Aber vor einer Bombe am Straßenrand können uns auch noch so viele Sicherheitsleute nicht schützen.

Dieses Thema beschäftigt uns natürlich auch beim Abendessen, das wir – entgegen den ursprünglichen Plänen – im Hotel einnehmen. Unsere Gruppe – bestehend aus Menschen aus drei Kontinenten – lehnt die Art und Weise geschlossen ab, praktisch entmündigt und mehr oder minder im Hotel eingesperrt zu sein. Wir sind als Freunde der Iraker gekommen und nun müssen wir erleben, dass wir im Konvoi durch Basra gelotst werden, mit Blaulicht und Signalhorn und Mikrofon, über das hinausgeschimpft wird, wenn jemand nicht gleich ausweicht. Wir bleiben isoliert von der Bevölkerung. Die Polizei fährt an der Spitze des Konvois und hinten das Militär. An den Checkpoints haben wir eine eigene Fahrspur, auf der wir die Kontrolle umfahren können, während die Iraker in Schlangen stehen, um kontrolliert zu werden und erst dann passieren zu können. Wenn ich die Art und Weise sehe, wie hier mit Menschen umgegangen wird, so kann ich den Groll so manchen Irakers zumindest verstehen.

Über all den Diskussionen ist es spät geworden und ich bin froh, als ich endlich in mein Zimmer gehen kann. Es war ein langer Tag und es gab viele Gespräche und irgendwie befindet man sich hier immer in einem psychischen Ausnahmezustand. Als ich das Zimmer betreten will, fällt wieder einmal der Strom aus. Immerhin hat das Hotel einen Generator, aber für einige Minuten bleibt es dunkel. Gedanken gehen einem durch den Kopf, im Zimmer gegenüber wohnen etliche Iraker. Sind diese kein „Sicherheitsrisiko“ für uns? Ich wohne in einem ganz anderen Teil des Hotels als die anderen Mitglieder der Gruppe. Das Schloss, das an meiner Zimmertüre angebracht ist, ist lächerlich. Die Dunkelheit wäre eine gute Gelegenheit für ..…. Mit ohrenbetäubendem Lärm schaltet sich der Generator ein und unterbricht diese Gedankengänge. Das Wasser, das aus der Leitung kommt, hat unzählige Schmutzpartikel, die mit dem freien Auge sichtbar sind. Die Klimaanlage funktioniert nicht, wenn der Generator für die Stromversorgung zuständig ist – und das ist er meistens. Die Hitze im Zimmer und die Erlebnisse des Tages halten mich noch lange wach.

Ein Lied für das Leben

Am Morgen werden wir in die Autos „verladen“ und unser Konvoi verlässt das Hotel in Richtung des Ortes, wo der Kongress stattfinden wird. Wieder geht es dahin mit Blaulicht und Signalhorn. Die Wasserkanäle der Stadt, die auf den alten Postkarten aus den 50er Jahren klares Wasser und tiefblaue Farbe zeigen, sind schmutzig braun und an ihren Ufern links und rechts türmt sich der Abfall. Wir schauen neugierig aus den Fenstern und fotografieren, wir haben sonst keine Möglichkeit, etwas von der Außenwelt zu erleben.

Der Kongress wird in den Räumlichkeiten der „Southern Oil Company“ veranstaltet und der erste Vortrag wird von einem Professor aus Hiroshima gehalten. In den Kaffeepausen ergeben sich viele Möglichkeiten zum Gespräch mit anderen Ärzten. Irgendwann am frühen Nachmittag trifft der Gesundheitsminister ein, der Kongress steht unter seiner Patronanz und er nimmt zumindest zeitweise daran teil.

Ein Mann spricht mich an, er ist Vater einer 14jährigen Tochter, die Leukämie hatte. Heute steht sie in einem farbenfrohen Kleid vor mir und ist gesund. Der Vater bedankt sich für das Leben seines Kindes bei mir, denn er weiß, dass die Medikamente, die sein Kind gesund machten, durch mich kamen. Das sind die Momente, wo man weiß, wofür man arbeitet, wofür man kämpft und so manche Schwierigkeiten ausficht, Momente, die einfach unbezahlbar sind.

Am Abend findet dann die offizielle Eröffnungsfeier des Kongresses statt. Sie beginnt mit der Nationalhymne und einer Ansprache des Gesundheitsministers. Danach halte ich meinen Vortrag über unsere Arbeit der letzten Jahre in Basra. Und danach kommt der Höhepunkt des Abends: ein Lied, gesungen von mehr als 20 Kindern, die Krebs hatten und nun gesund sind. Dr. Jenan hatte 50 Familien angerufen, aber viele davon wohnen weit weg von Basra und die Eltern konnten die Kinder nicht zu den Proben bringen. Die Kinder singen ein Lied, das den Titel trägt „Ein Hoffnungsschimmer“. Den Text des Liedes möchte ich hier wiedergeben:

Von diesem Ort aus möchten wir uns bedanken.
Unsere Hoffnung ist zurückgekommen
Und das, was wir uns so sehr wünschten, wurde wahr:
Mit Eurer Liebe und mit Euren Medikamenten
wurden wir geheilt.
Mit Geduld und Glauben
haben wir den Krebs besiegt.
Ihr habt ein Fenster der Hoffnung geöffnet,
und wir haben einen Schritt in die Zukunft getan.
Wir werden weiter singen: für eine neue Welt, für glückliche Tage.
Nie mehr Verzweiflung!
Nie mehr werden wir den Glauben an das Leben verlieren.
Wir sind voll der Hoffnung, voll von Glück –
und dieses Glück möchten wir mit Euch, die Ihr uns heute zuhört, teilen.

Der Text wurde natürlich auf Arabisch gesungen, aber er wurde in Englisch auf die Leinwand projiziert, so dass ihn auch die Gäste verstehen konnten. Ich kann mich nicht umsehen im Saal, da ich selbst mit den Tränen in den Augen zu kämpfen habe, aber danach werden mir viele berichten, dass sie die Tränen nicht zurückhalten konnten. Ich glaube, der ganze Saal weinte vor Rührung. Es war wirklich ein unglaublicher Moment, berührend und tief zu Herzen gehend. Diese Kinder, die hier gesund vor uns stehen, wären tot – ohne unsere Hilfe, ohne unsere Spenden, ohne unsere Arbeit, ohne unser Engagement. Und ich weiß, das sind nur 20 von den Tausenden, die auch heute hier bei uns sind, wenn auch unsichtbar. Die Aufführung der Kinder war eine Idee von Dr. Jenan als Dank für die Hilfe durch all die Jahre. Sie singen von der Hoffnung und vom Glück – und das inmitten all des Chaos und der furchtbaren Lebensbedingungen, die noch immer im Irak herrschen. Wie unendlich dankbar müssen wir hier in Europa sein, wir, für die alles das selbstverständlich ist, was den Menschen dort fehlt: sauberes Trinkwasser, eine durchgehende Energieversorgung, ob es sich um den elektrischen Strom oder um Benzin handelt, Spitäler, die sauber sind und auf dem höchsten technischen Niveau, Medikamente, eine Krankenversicherung, die jedem den höchsten Standard der Behandlung garantiert, gut ausgebildete Ärzte und Pflegepersonal, ausreichend Nahrung, gute Schulen und Universitäten, saubere und gut gebaute Straßen, ein gutes Sozialsystem, eine Arbeitsstelle, die uns auch einen Urlaub ermöglicht – ein Fremdwort im Irak. All das dürfen wir genießen ohne Angst, einmal zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, nämlich dann, wenn gerade wieder eine Bombe hochgeht, wie es auch an diesem Abend in Basra geschehen ist. Wir schätzen nicht, was wir hier in Europa haben.

Es ist sehr spät, als wir zum Hotel zurückfahren. Und wieder fällt es schwer, in dem stickig-heißen Raum nach all den Erlebnissen und Gesprächen während des Tages, einzuschlafen. In meinem Kopf herrscht ein absolutes Durcheinander von Gedanken und Gefühlen und ich werde Zeit brauchen, diese zu ordnen.


Depression und Hoffnung

Als wir am nächsten Morgen in einen Stau geraten, weicht unser Konvoi über eine Seitengasse aus – und wir sind entsetzt, wie die Straßen hier aussehen, nur wenige Meter entfernt von der Hauptstraße. Löcher bis zu einem Meter Tiefe in der Straße, Hausmauern, die zerbröckeln, riesige Abwasserpfützen gemischt mit Abfall, alte Autoreifen, riesige Risse in den Gehsteigen, auf denen einige Kinder spielen. Auf der Hauptstraße fallen die vielen provisorischen Stützpunkte von Polizei oder Militär auf: entweder simple Wellblechdächer auf vier Stangen montiert, oder einige Sandsäcke oder auch nur ein paar aufgetürmte Ziegel.

Der Kongress wird fortgesetzt, und auch heute ergeben sich in den Pausen viele Gespräche mit den verschiedensten Menschen. Seit gestern kommen immer wieder Leute zu mir und bitten mich um Hilfe, sogar die Angestellten, die hier arbeiten. Ein Mann hat nur eine Niere und in dieser hat er einen riesengroßen Stein. Er muss operiert werden, aber er hat Angst, diese Operation hier durchführen zu lassen, es gibt nur mehr wenige Fachärzte hier, und die Menschen haben das Vertrauen in die Ärzte verloren, nachdem sehr viele Fehler passiert sind. Ein Vater erzählt mir über die Bluterkrankung seiner beiden Töchter, er braucht dringend Medikamente. Ein anderer berichtet über die Leukämie seines Sohnes, ich möge mir das Behandlungsprotokoll ansehen. Ein Kind mit spastischer Lähmung wird mir vorgestellt usw. usw. Ich bin einem Arzt, der sich spontan als Übersetzer zur Verfügung stellte, dankbar, dass er den Menschen erklärt, dass ich nur Kinder und keine Erwachsenen akzeptieren kann zur Behandlung im Westen, dass man manche Erkrankungen auch bei uns nicht heilen kann und dass ich versuchen werde, die fehlenden Medikamente zu schicken.

In einer ruhigen Ecke des Vorraumes komme ich ins Gespräch mit einem der Ärzte. Es wird mir unvergessen bleiben. Die abgrundtiefe Frustration und Depression spricht aus ihm, wenn er erzählt, dass alle seine Geschwister das Land verlassen hätten. Er wäre geblieben, weil er den Wunsch hatte, hier etwas zu verändern. Aber unzählige Male pro Tag stößt man auf ein Hindernis, das unüberwindlich ist, jeden Tag, und jede Woche und jeden Monat und jedes Jahr – und das seit so vielen Jahren schon. Er hat Angst, dass ihm die Kraft ausgehen könnte. Was dann? Ganz aufgeben? Auch weggehen? Wie alle anderen? Es gibt kaum mehr Fachärzte im Land, wer soll die Menschen hier behandeln, wie soll etwas weitergehen im Irak, wenn alle weg sind? Die Menschen, die im Ausland sind, sind sehr oft die Gebildeten, die Akademiker, die Spezialisten – und wo immer sie sind, sind sie ein Gewinn für das Land, in dem sie jetzt leben - aber sie fehlen im Irak. Sein Herz wäre hart geworden im Laufe der Jahre, meint er. Nun, ein hartes Herz hat dieser Mann wahrlich nicht, aber er hat es wohl mit einem Schutzschild umgeben. Den muss man sich zwangsläufig anlegen, wenn man hier überleben will. Wir sitzen eine Weile schweigend da, womit kann ich diesem Mann Mut machen? Gibt es Worte, die in einer solchen Situation helfen können? Er kommt mir zuvor und sagt: „Dass ihr unserer Einladung gefolgt seid, gibt uns Mut. Wir müssen weiterarbeiten, egal wie schwer es ist. Als die Zeit noch schwieriger war in den letzten Jahren, habt ihr uns nicht vergessen, habt ihr unsere Kinder nicht vergessen. Das hat uns Mut, Kraft und Motivation gegeben – und auch Hoffnung“, fügt er hinzu. Vielleicht erreichen wir mit unserer Arbeit oft mehr, als es den Anschein hat, als uns gesagt wird….

Am Nachmittag geht der Kongress schließlich zu Ende. Diese Veranstaltung bedurfte bestimmt einer langen Vorbereitungsarbeit und bedeutete sehr viel Arbeit für die Organisatoren. Wenn man die Rahmenbedingungen betrachtet, so war das eine beachtliche Leistung, weil wir, die Gäste vom Ausland, bestimmt einen hohen Unsicherheitsfaktor darstellten. Man musste unsere Sicherheit garantieren in einem Land, wo Sicherheit noch immer ein weitgehend unbekanntes Wort ist. Ich denke, alle werden aufgeatmet haben, nachdem wir den Irak sicher verlassen hatten.

Umweltverschmutzung

Nun habe ich endlich Gelegenheit, ein wenig „Freiheit“ zu erleben. Es ist leider schon 16 Uhr und drei Stunden später muss ich wieder beim Hotel sein, da es noch ein gemeinsames Abendessen geben wird. Ich bin bei einer Familie eingeladen, deren Kind in Österreich behandelt wurde. Es ist ein anderes Erlebnis, wenn man so wie alle anderen Iraker unterwegs ist und nicht im mehrfach geschützten Konvoi. Es gibt keinerlei Probleme bei den Checkpoints, die Polizisten schauen kurz ins Auto, eine Frau darf ohnehin nicht angesprochen werden.

Kinder und alte Frauen betteln an den Kreuzungen, manche Kinder verkaufen Obst oder Getränkedosen, sie stehen mitten im Verkehrsgetümmel und atmen den ganzen Tag hindurch die Abgase ein. Viele Kinder kamen bei dieser Arbeit durch einen Unfall ums Leben, kein Wunder, wenn man die hier übliche Fahrweise betrachtet. Wir fahren durch einen Stadtteil, den ich bis jetzt noch nicht kannte. Es ist unglaublich: Kühe gehen auf den Straßen und suchen nach den wenigen Grashalmen inmitten der Abfallhaufen, fressen Abfall. Ich muss an unsere Kühe denken auf den saftigen grünen Almen, welch andere Welt ist das doch hier!

Ärmliche, zerfallende Häuser links und rechts, wir halten vor einem Tor, man lässt hier sein Auto niemals auf der Straße stehen. Die ganze Familie ist versammelt, viele Verwandte sind gekommen, um die Ärztin aus „Nimsa“ – so heißt Österreich auf Arabisch – zu sehen. Und es ist jedes Mal ein Erlebnis: die irakische Gastfreundschaft. Man könnte glauben, dass noch mindestens zehn weitere Besucher erwartet werden, wenn man die Menge ansieht, die mir serviert wird. Die Frau des Hauses ist beständig besorgt, dass es mir nicht schmeckt, weil - nachdem ich mein Essen beendet habe - fast noch alles da ist, kein Wunder, bei dieser Menge. Ich gehe in den „Garten“: Ein paar Hühner auf engstem Raum in einem Pferch eingesperrt, ein Hof mit Gerümpel. Hinter dem Garten fließt einer der Wasserkanäle vorbei, ich möchte ihn mir näher ansehen – und mir stockt der Atem, als ich am Ufer stehe: eine dicke, schmutzigbraune Brühe, die einen furchtbaren Gestank verbreitet: der beste Brutplatz für Insekten, Parasiten und Ungeziefer. Es ist nicht verwunderlich, dass es so viele Krankheiten in Basra gibt, in einer solchen Umgebung kann man nicht gesund sein. Am gegenüberliegenden Ufer suchen ein paar wilde Hunde nach Nahrung. Die Umweltverschmutzung im Irak ist so weit fortgeschritten, dass sie meines Erachtens nicht mehr reversibel ist.

Die Zeit vergeht viel zu schnell und der Abschied ist herzlich. Wir müssen weiter, ich möchte gerne noch zum ehemaligen Haus des Erzbischofs, der jetzt in Australien ist. Dort empfängt mich der „Hausmeister“, er ist jetzt Sicherheitsmann. Die irakische Regierung bezahlt solche Schutztruppen, die die Kirchen des Landes beschützen sollen. Die Kirche wird gerade umgebaut, der Hof ist überdacht worden. Ich erfahre, dass die Armenapotheke aufgelöst werden wird, denn die Apothekerin hat Basra verlassen. 600 christliche Familien gibt es noch in Basra, vor dem letzten Krieg waren es 1500 Familien. Die Zeit schreitet bedenklich voran und mein Begleiter meint, wir müssten gehen, denn sonst würden bald unsere Fotos im Fernsehen veröffentlicht und jeder würde glauben, er hätte mich entführt. Er lacht übers ganze Gesicht über diesen „Witz“ und es tut gut, hier auch einmal lachen zu können. Den Humor der Iraker bewundere ich immer wieder, im Erfinden von Witzen über ihre schwierige Situation sind sie unschlagbar.

Wir machen uns auf den Weg zurück zum Hotel, eine kurze Fahrt von etwa 10 Minuten. Dort warten schon Doah und ihre Eltern auf mich. Doah ist blind und war vor drei Jahren wegen einer Nierenerkrankung zur Behandlung in Österreich. Sie ist in einem erbärmlichen Zustand, der Vater erzählt mir, sie hätte eine schwere Anämie und ihre Befunde zeigen Werte, die kaum mit dem Leben vereinbar sind. Das Mädchen ist fast zu schwach, um die paar Minuten zu stehen. Ich mache dem Vater klar, dass das Mädchen dringendst Blutkonserven braucht, aber angeblich hätte man diese im Krankenhaus verweigert. Doah ist jetzt 17 Jahre (auch wenn sie eher wie 12 wirkt) und deswegen kann sie im Kinderkrankenhaus nicht mehr behandelt werden, im Krankenhaus für Erwachsene hatte man sie aber auch nicht akzeptiert. Ich verstehe die Welt nicht mehr, ganz besonders nicht solche Ärzte. Ich schicke Doah zu Dr. Jenan, die ihr sicher helfen wird.

Am nächsten Morgen um fünf Uhr früh werde ich, so wie alle anderen der Gruppe, geweckt. Ich reise zwar erst um zehn Uhr ab, aber das haben die Männer von der Rezeption wohl übersehen. Aber so habe ich noch einmal Gelegenheit, mich von den anderen Gruppenteilnehmern zu verabschieden. Uns alle verbindet die Freundschaft zu den Menschen in Basra und obwohl wir auf drei verschiedenen Kontinenten leben, werden wir sicher in Verbindung bleiben zum Wohle der gemeinsamen Freunde. Der Konvoi verlässt das Hotelgelände, zu den Polizeiautos gesellen sich noch drei riesige Militärwägen, die meine neuen Freunde zum Flughafen Basra begleiten werden.

Jenan kommt noch vorbei und erstmals in diesen Tagen haben wir einige Minuten zu einem ruhigen Gespräch. Es gäbe so viele zu diskutieren. Sie ist müde, die Vorbereitung des Kongresses, in die auch sie eingebunden war, war zeit- und kräfteraubend. Ein anderer Freund kommt auch noch vorbei und dann heißt es auch für mich, Abschied zu nehmen von Basra. Ein Arzt des Krankenhauses und ein Polizist in Zivil bringen mich in einem gepanzerten Fahrzeug zur Grenze. Auf der Fahrt dorthin fällt mir wieder die Umweltverschmutzung auf: Die Wüste wurde früher von Vögel sauber gehalten, aber den Abfall unserer Zeit – Dosen, Plastik, Metall – fressen die Geier nicht. So weit das Auge reicht ist die Wüste damit bedeckt.

Verbrannte Erde

Der Irak ist ein zerstörtes Land, ein gescheitertes Land. Seine historischen und kulturellen Wurzeln wurden zerstört, die Umwelt ist zerstört, die banalsten Lebensgrundlagen sind zerstört, die Gesellschaft ist zerstört - und die Menschen sind psychisch zerstört. Wo beginnen? Wie beginnen? Wie kann hier ein Wiederaufbau in die Wege geleitet werden, ohne befürchten zu müssen, dass das in Angriff genommene Projekt kläglich scheitern muss aufgrund der gegebenen Rahmenbedingungen, weil die einfachsten Voraussetzungen fehlen? Noch nie wurde mir das Ausmaß der Zerstörung dieses Landes so bewusst wie während dieser letzten Reise. Einer der Ärzte beschrieb es treffend: „Es gibt kein Licht am Ende des Tunnels!“

Meine Gefühle, diese letzten Reise betreffend, sind so ambivalent: einerseits war diese Reise sehr ernüchternd für mich, ich habe mehr erwartet, mehr positive Entwicklungen - auf diesem Gebiet wurde ich enttäuscht. Die Sicherheitslage hat sich gebessert – auch wenn sie nicht optimal ist. Aber sonst ist alles beim alten, so wie ich es vor fast vier Jahren zuletzt erlebt habe – oder noch schlechter. Man streicht das Kinderspital von außen – und innen verrottet es und die Fußböden werden vom Ungeziefer aufgefressen. Man baut ein modernes Spital und weiß nicht, wie man es instand halten kann. Noch immer gibt es keine Medikamente für die Behandlung der Kinder, für die Behandlung der kranken Menschen. Hat jemand das Geld nicht – und das hat der Großteil der Bevölkerung nicht - um sich Medikamente auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, dann ist man zum Sterben verurteilt. Und wie geht es einem als Vater, als Mutter, wenn man zusehen muss, wie sein Kind stirbt, weil man das Geld für das Medikament nicht auftreiben kann?

Einige Tage nach meiner Rückkehr schreibt eine irakische Tageszeitung: Als „größten Feind für den Wiederaufbau des Irak nach der Zerschlagung des Terrorismus“ bezeichnete Premierminister Maliki die Korruption. Das Parlament hat nun einen Feldzug gegen korruptionsverdächtige Minister und deren Mitarbeiter gestartet. Ich kann nur hoffen, dass dieser Feldzug erfolgreich sein wird und auch auf die unteren Ebenen in der Hierarchie ausgeweitet wird, denn die Menschen im Irak leiden unsäglich unter der Korruption.

Ganz besonders verheerend ist es, dass nahezu alle Gebildeten das Land verlassen haben. Man trifft kaum jemanden mehr, der Englisch spricht. Der Analphabetismus steigt unaufhaltsam, unzählige Kinder konnten im Laufe der letzten 18 Jahre keine Schule mehr besuchen. Und dann beginnt man vielleicht zu verstehen: wie kann die Verwaltung eines Landes funktionieren, wenn nicht Wissen und Kompetenz, sondern andere Eigenschaften entscheidend sind bei der Postenvergabe?

Aber ich habe auch viel Positives erlebt: Ganz besonders die Welle der Dankbarkeit, die mir entgegenschlug – das Wort „shukran“ = Danke – hörte ich Hunderte Male in diesen wenigen Tagen. Allen voran von den Kindern und deren Eltern, aber auch von denen, die sich trotz allem noch ihren Idealismus bewahrt haben, die an ihrem Arbeitsplatz im Krankenhaus ausharren, um ihren Dienst am kranken Menschen zu tun. Einmal mehr wurde es mir bewusst: Ich konnte meine Projekte in all den Jahren nur deshalb durchführen, weil ich verlässliche Partner hatte: Ärzte, die ausharrten im Irak, um für die kranken Menschen, die kranken Kinder da zu sein, die alle Rückschläge überwanden und immer wieder von vorn begannen. Ihnen verdanken wir es, dass wir viel erreichen konnten in einem Land, wo so vieles scheitert, wo so viele Projekte nicht verwirklicht werden können, weil das Geld einfach verschwindet. Dank unserer Projektpartner konnte jeder einzelne gespendete Euro zweckgemäß verwendet werden, noch nie ist uns etwas abhanden gekommen. Diese Ärzte wachen sorgfältig über die von uns geschickten Medikamente. Noch immer gibt es viel zu wenig Medikamente in den irakischen Spitälern, fehlen Geräte und Ausrüstung – und es sterben Tausende Patienten deswegen. Wie in jedem Land dieser Erde, wo die Armut herrscht, lähmen Inkompetenz und Korruption die Verwaltungsstrukturen. Aber es gibt auch unglaubliche Beispiele von Selbstlosigkeit, Mut und Idealismus. Unter der Anregung von Dr. Jenan wurde z.B. eine Organisation von Eltern gegründet, deren Kinder an Krebs erkrankt waren oder es derzeit sind. Sie haben schon einiges auf die Beine gestellt. Nur ein Beispiel: Im Irak gibt es kein Blutspendesystem wie bei uns, da muss jemand aus der Familie für einen kranken Angehörigen Blut spenden. Was aber, wenn die Familie weit entfernt wohnt, niemand kommen kann, und die Eltern, die bei dem Kind sind, schon mehrfach Blut gespendet haben? Die Elternorganisation schaffte es, eine Blutspendeaktion unter den Soldaten auf die Beine zu stellen, damit die Kinder, die eine Bluttransfusion brauchen, sie auch erhalten – etwas Normales bei uns, aber außergewöhnlich im Irak. Und sie haben viele Pläne, auf ihrer Webseite fordern sie die Regierung auf, sich der Behandlung der vielen Krebskranken im Land anzunehmen. Für uns ist so etwas nichts Besonderes, aber im Irak, wo man immer nur gewohnt war, Befehle auszuführen und keine Eigeninitiative zu entwickeln, ist das großartig und sicher beispielgebend – und ein zaghaftes Zeichen, dass sich doch auch etwas zum Positiven wandelt.

Und die Zukunft von „Aladins Wunderlampe“?

Es übersteigt meine Möglichkeiten, ein Spital in Basra zu bauen – auch wenn ich das sehr gerne machen würde - aber ich möchte versuchen, die bisherige Arbeit fortzuführen – trotz Finanzkrise und trotz der Müdigkeit, die einem schon befallen kann, wenn man die Arbeit – fast – allein macht. Die Reise nach Basra war aber ein großer Ansporn, weiter zu machen. Konkrete Hilfe ist möglich, auch in einem Land, in dem chaotische Lebensbedingungen herrschen – das haben wir in den letzten Jahren bewiesen, das habe ich jetzt erlebt. Gesunde, lachende Kinder vor sich zu sehen und zu wissen, dass ihr Leben erhalten werden konnte durch den eigenen Arbeitseinsatz, ist Motivation genug für die weitere Arbeit.

Unter den gegebenen Umständen halte ich die weitere Unterstützung mit Medikamenten für absolut vorrangig und notwendig. Spätestens Ende August müsste ich wieder eine größere Medikamentenlieferung auf den Weg nach Basra schicken. Weiters möchte ich auf jeden Fall die Behandlung von kranken Kindern im westlichen Ausland fortführen, im Vorjahr waren es 20 Kinder, in diesem Jahr sind es bis jetzt schon 11 Kinder, die in Europa behandelt wurden. Ich habe eine lange Liste von weiteren, die noch auf ihre Chance warten, denn nur eine Operation in Europa gibt diesen Kindern eine Überlebenschance. Und ich würde gerne ein neues Projekt beginnen: Patenschaften für Kinder, damit diese die Schule besuchen können. Dazu würde ich jemanden in Basra bezahlen müssen, dass er die Arbeit eines Sozialarbeiters übernimmt, die Familien regelmäßig besucht, Kinder aussucht, die unterstützt werden sollen, über ihre schulischen Leistungen Bericht erstattet, Kleidung und Schulsachen einkauft usw.

Der Weg, den der Irak noch vor sich hat, ist lang. Zu lang für eine Generation, zu viel Arbeit für eine Generation. Die Kinder, die vom Krebs geheilt wurden, sangen von ihrer Hoffnung – das soll auch uns Hoffnung geben. Auch wenn jetzt noch kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist, so können wir vielleicht einen Hoffnungsschimmer erahnen, wenn uns ein Arzt Folgendes erzählt – er erzählte es mir während meines Aufenthaltes in Basra: „Österreich, Deutschland und die Schweiz wurden sehr berühmt bei unseren Menschen hier. Wenn ein Kind zurückkehrt nach der Behandlung in Europa, dann feiert das ganze Dorf ein Fest. Und die Großfamilie des Kindes, die oft aus hundert Menschen oder mehr besteht, kommt zusammen und alle hören – und sehen – was die Menschen in diesen Ländern für unsere Kinder getan haben. Menschen im Westen empfangen unsere kranken Kinder und schicken sie uns gesund zurück. Und bei diesen Festen in den Dörfern werden viele Friedens- und Segenswünsche an die unbekannten Helfer in Europa geschickt. Früher wurden Verwünschungen gegen den Westen ausgesprochen, weil er uns den Krieg brachte. Das ist bei unseren Menschen anders geworden, ihr Denken hat sich durch Euch verändert!“

Und einmal mehr frage ich mich: Erreichen wir mit unserer Arbeit viel mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen können? Frieden in einem Land zu stiften, wo seit fast 30 Jahren Krieg herrscht, ist ein schöner Erfolg für uns.

Ich bitte alle, die diesen Bericht lesen, sich zu überlegen, wie wir – trotz Finanzkrise – weiterhelfen können. Die armen, kranken Menschen in Basra brauchen uns, das Leben ihrer Kinder liegt tatsächlich in unserer Hand. Ich erhalte kaum mehr Spenden, ich weiß nicht, wie ich die nächste Medikamentenlieferung finanzieren soll. Ich weiß nicht, wie ich die Behandlung der Kinder in Frankreich weiter finanzieren soll, denn dort muss ich einen Teil der Kosten der Operation übernehmen. Gibt es Firmen, die sich dieser herzkranken Kinder annehmen könnten? Das Budget, das ich vor zwei Jahren von einer Firma in einer vorbildlichen Höhe für diesen Zweck erhielt, ist erschöpft. Ich komme gerne, um Vorträge zu halten, in Institute, Schulen, Firmen. Haben Sie andere Ideen? Ich würde auch gerne Patenschaften vermitteln, damit Kinder wieder zur Schule gehen können.

Bitte, schicken Sie den Bericht weiter!
Bitte helfen Sie auch weiterhin!
Ihre Hilfe kommt an!

 

Dr. Eva-Maria Hobiger

Spenden für die Kinder in Basra erbeten an:

   

 

Für weitere Informationen kontaktieren Sie bitte unsere Projektleiterin, Frau Dr. Eva-Maria HOBIGER

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