Im Herbst des vergangenen Jahres erhielt ich eine wunderbare Nachricht: die Katastrophenhilfe der Diakonie Deutschland hatte sich bereit erklärt, Medikamente im Wert von knapp € 100.000,- für das Mutter-Kind-Spital in Basra bereitzustellen. Den Kontakt hatte J.P.W. aus Köln hergestellt: Chemotherapie und Antibiotika, alles, um den Bedarf eines halben Jahres in diesem Spital abzudecken, alle Medikamente, um die kleinen krebskranken Patienten sechs Monate lang kunstgerecht zu behandeln. Gemeinsam mit Vertretern der Diakonie, des Difäm (Deutsches Institut für Ärztliche Mission), Prof. Dr. Jenan und uns wurde die Sendung zusammengestellt. Die politischen Entwicklungen der letzten Monate überschatteten alles, auch den Fortgang unseres Projektes und dennoch konnten wir im Januar d.J. zwei Container mit medizinischer Einrichtung sowie eine Lieferung mit medizinischen Geräten per Flugzeug nach Basra bringen. Noch im Januar schickte die Diakonie Deutschland dann auch die Medikamente nach Amman, von wo aus sie in den Irak gebracht werden sollten. Und genau zu diesem Zweck flog ich drei Wochen, nachdem ich von einem nahezu vierwöchigen Aufenthalt im Irak zurückgekommen war, nochmals ins Krisengebiet.
Der Reise waren Zweifel vorausgegangen, die politische Lage spitzte sich immer mehr zu. Am 13.Februar erklärte der englische Premierminister, es „sei nutzlos, den Inspektoren noch mehr Zeit zu geben“. An diesem Tag erhielt der Großteil des UN-Personals im Irak die Aufforderung, das Land zu verlassen, auch die Botschaften der europäischen Länder empfahl den eigenen Staatsangehörigen dringendst die Ausreise (das wurde zwei Tage später abgeschwächt). Am 14. Februar fand eine Sitzung des Sicherheitsrates statt und der amerikanische Außenminister schlug den 1. März für einen neuerlichen Bericht der Waffeninspektoren vor. Jetzt war es klar: dieses „Fenster“ musste ich ausnutzen.
Hätte ich noch eine weitere Motivation benötigt, so hätte ich sie am Samstag, den 15. Februar erhalten. Die weltweiten Demonstrationen, bei denen Millionen von Menschen für den Frieden und gegen einen Irakkrieg auf die Straße gingen, gaben Anlass zur Hoffnung, dass der schwer geprüften irakischen Zivilbevölkerung ein neuerlicher Krieg erspart werden könnte. Dieser Tag brachte die größte Friedensdemonstration unserer Geschichte, weltweit sollen rund 15 Millionen Menschen in über 700 Städten für den Frieden unterwegs gewesen sein und besonders viele waren es in den Ländern, die den Kriegskurs unterstützen, wie Großbritannien, Italien und Spanien. In Wien fand noch vor der Demonstration um „5 vor 12“ ein ökumenisches Friedensgebet im Stephansdom statt, zu dem 3000 Menschen gekommen waren. Die Kollekte wurde zugunsten unseres Projektes durchgeführt und ergab die stattliche Summe von Euro 11.000,- Dieser Tag war ein guter Auftakt für meine Irakreise und an diesem Tag war ich sicher, dass alles gut gehen werde.
Für mich war es an diesem Tag Zeit, nach Amman zu fliegen. 12 Kartons bildeten mein „Handgepäck“, in Amman warteten beim Middle East Council of Churches 506 kg Medikamente. Von Amman nach Bagdad sind es etwas mehr als 1000 km durch die Wüste, auf einer Straße, auf der es immer wieder nachts zu Überfällen kommt. Es war nicht der drohende Krieg, der mich beunruhigt hatte, es war aber die Tatsache, dass ich als Frau allein mit einem fremden Fahrer mit einer derart wertvollen Ladung einen solch langen Weg zurücklegen musste, die Verantwortung war keine geringe.
Edmond Adam, Middle East Council of Churches, Amman
Edmond Adam und Ing. Ramez arbeiten eifrig daran, die Lieferung aus dem Zoll zu lösen und die Transportpapiere zu erhalten. Es herrscht Verwirrung: dürfen die Medikamente am Tag vor der Abreise in das Auto verladen werden oder nicht? Muss das Auto verplombt werden oder nicht? Wenn ja, dann brauche ich ein zweites Auto, denn dann darf ich nicht mit dem LKW mitfahren. Wer ist der offizielle Importeur in den Irak? Der MECC war angegeben, das muss geändert werden, sonst werde ich äußerste Schwierigkeiten in Bagdad haben. Warten, warten... im Hotel. Auch am Dienstag heißt es noch: Warten! Der Fahrer wartet am Flughafen, wo die Medikamente in einem Zolllager sind. Ein Treffen von allen Beteiligten in der Speditionsfirma beantwortet schließlich alle offenen Fragen. Einige Papiere müssen noch schnell umgeschrieben werden. Morgen um 6 Uhr früh soll es aber los gehen.
„Der Krieg kann beginnen!“
US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld erklärt den Truppenaufmarsch für abgeschlossen.
Um 6 Uhr früh bin ich in der Hotelhalle, Stunde um Stunde vergeht, wieder warten, der Fahrer kommt erst um 10 Uhr. Das Auto wäre wegen eines Sandsturmes verspätet aus Bagdad zurückgekommen. Nun aber können wir Amman hinter uns lassen und bald hört auch der Regen auf, dunkle Wolken stehen drohend am Himmel. Die Fahrt geht durch eintönige Wüstenlandschaft, immer wieder tauchen schwarze Basaltfelder auf. Plötzlich befinden wir uns mitten in einem Sandsturm. Wie in dichtestem Nebel sieht man praktisch gar nichts mehr, der LKW vor uns hält am Straßenrand, Mohammed, mein Fahrer fährt weiter. Kein sehr angenehmes Gefühl. Bald ist der feine Staub auch im Auto zu spüren und behindert das Atmen. So plötzlich wie der Spuk kam, ist er auch wieder weg. In einem der Dörfer fragt ein Polizist, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er zur Grenze mitfahren könnte, natürlich habe ich nichts dagegen.
Wie vereinbart wartet Jabri, der Fahrer des LKW auf der jordanischen Seite der Grenze, die wir bald verlassen können. Auf der irakischen Seite folgt dann die übliche und mir gut bekannte Tragikomödie, noch etwas verschärft dadurch, dass ich mit zwei Autos unterwegs bin. Drei Stunden Verhandlungen folgen, eingeschränkt durch die mangelnden Englischkenntnisse der Beamten. Eigentlich sollte ein Fax des Gesundheitsministerium hier an der Grenze liegen, das mir sofort die Weiterfahrt ermöglichen könnte. Auch mein Begleitschreiben der irakischen Botschaft macht nicht viel Eindruck. Die Verhandlungen resultieren in einem Kompromiss: Ich muss die Kartons, die ich privat mitgebracht habe, nun auch in den LKW geben. Sie werden auf dem Frachtbrief zusätzlich vermerkt und ich frage mich, wozu ich eigentlich ein zweites Auto nehmen musste. Außerdem befürchte ich, dass ich diese Kartons, die ich ja für die Armenapotheke des Erzbischofs von Basra mitgebracht habe, nun auch dem Spital geben muss.
Auch von hier nehmen wir einen Fahrgast mit, einen Arzt, dessen Dienst an der Grenze beendet ist und der mich ersucht hat, ob er mitfahren darf nach Bagdad. Um 22.15 Uhr erreichen wir die Hauptstadt und da der jordanische Fahrer in Bagdad nicht fahren darf, wechsle ich am Stadtrand in ein irakisches Taxi.
20. Februar 2003, Bagdad:
„Wir leben nicht mehr, wir existieren nur noch.....“
Faris, 29 Jahre alt, Ingenieur, Bagdad
Der Tag beginnt recht verzweifelt, niemand meiner Freunde ist erreichbar und das Telefonieren in Bagdad ist derzeit schwieriger denn je und kostet meinen gesamten Geduldsvorrat. Heute beginnt das Wochenende und was bis 13 Uhr nicht erledigt ist, kann erst am Samstag erledigt werden. Plötzlich aber steht Faris, einer der Freunde, in der Hotelhalle und fragt nach mir. Faris ist ein überaus höflicher und hilfsbereiter Mensch, er bietet sich mir als Begleiter an, wir nehmen ein Taxi und fahren in die Lager des Gesundheitsministeriums, wo sich auch die Zollbehörde befindet. Auf der Fahrt dorthin fragt mich Faris, ob ich denn keine Angst hätte, jetzt in den Irak zu kommen. Als ich das verneine und ihm sage, dass er und alle Irakis diese Situation doch auch aushalten müssen, meint er, ich wäre die mutigste Person, die ihm je begegnet ist. Nun, so fühle ich mich gerade nicht. Ich frage nach den derzeitigen Lebensumständen und was sich verändert hätte, seit ich vor fast vier Wochen den Irak verließ. Er antwortet: „Wir leben nicht mehr, wir existieren nur noch. Leben kann man das nicht mehr nennen. Wir existieren von einer Stunde zur nächsten, von einem Tag zum andern und warten. Warten, dass der Krieg beginnt. Denn der Krieg kommt sicher und er wird fürchterlich sein!“
Der Fahrer des LKW ist nicht da, vergeblich suchen wir nach ihm, die Beamten suchen in den Büchern nach einem Eintrag. Wieder einmal warten, es vergeht eine Stunde. Faris und ich diskutieren darüber, wie wir das Problem mit der Wasserkühlung für die Blutzentrifugen lösen werden, die wir im Januar in die Blutbanken von Bagdad und Basra gebracht hatten. Sowohl für Bagdad als auch für Basra bedarf es einer dauerhaften Lösung. Bald schon wird es sehr heiß sein hier und dann übersteigt die Wassertemperatur die erlaubte Höhe. Schließlich erscheint Jabri, jedoch ohne Auto. Er hatte ein technisches Gebrechen in der Nacht und kam erst um 4 Uhr früh in Bagdad an. Das Auto wird nun eben repariert..
Der Leiter des Zentrallager ist ein „alter“ Bekannter von mir, wir hatten schon im Januar wegen der Blutzentrifugen Bekanntschaft geschlossen. Er meint, er könne über die weitere Verschickung der Medikamente nach Basra nicht entscheiden. Viele dieser Medikamente würden auch in Bagdad dringend benötigt werden, es gäbe viele Kinder im Al Mansour Krankenhaus, die diese Medikamente brauchen würden. Das würde ich nicht bezweifeln, gebe ich ihm zur Antwort, aber die Spender dieser Sendung, nämlich die Diakonie Deutschland hat diese Medikamente für Basra bestimmt und ich bin verantwortlich dafür, dass sie auch dorthin kommen. Er meint, ich müsse in das Gesundheitsministerium fahren, um dort den Leiter des International Health Department, Dr. Faqid, zu treffen, er wird das entscheiden. Mit dem Taxi und Nimrud, einem Beamten, geht es weiter zum Ministerium. Dr. Faqid empfängt mich sehr freundlich und meint, das wären sehr wertvolle Medikamente, die ich da gebracht hätte, trotzdem müsse man sie zur Qualitätskontrolle bringen. Ich gebe ihm das Qualitätszertifikat, eine Bescheinigung, dass die Medikamente den Regeln der Europäischen Pharmazeutischen Gesetzes und erinnere ihn an die Zusage des Gesundheitsministers uns gegenüber, bei der er ja auch anwesend war. Ich bemerke ein kurzes Zögern, dann aber meint er, ich müsse unbedingt den Minister treffen, er könne das nicht entscheiden. Im Irak gibt es ein Gesetz bezüglich der Qualitätskontrolle und nur der Minister selbst darf sich darüber hinwegsetzen. Auch Dr. Faqid startet einen Versuch, in Bagdad würde Cytosar benötigt werden.... Meine Argumente bleiben die gleichen wie vorher. Er verspricht, sich um einen Termin beim Minister für mich zu bemühen. Der Aufzug ist kaputt und wir gehen elf Stockwerke zu Fuß hinunter, wenigstens funktionierte er noch, als wir hinauf mussten!
Wir bringen den Beamten zurück zum Lager und fahren zum österreichischen Handelsattachee. Ein hellgelbes Licht liegt über der Stadt und verbreitet eine eigenartige Stimmung, so als wäre eben ein Sandsturm darüber hinweg gefegt. Faris meint spaßhalber, vielleicht wären das Staubbomben als Vorläufer der anderen, die noch folgen werden. Ich entgegne, die wären nicht sehr nützlich, denn dann könnte nicht einmal ein Satellit mehr etwas sehen. Wir lachen beide und Faris meint, zumindest der Humor wäre ihm noch geblieben. „Faris wie erträgst Du das alles hier?“ Er meint, er kenne nichts anderes, seit er ein Kind war – er ist jetzt 29 Jahre. Er war ein Kind, als der Iran-Irak-Krieg tobte und den Golfkrieg hatte er in Bagdad erlebt als Jugendlicher. Ein Leben ohne die vielfältigen Probleme, die das Embargo mit sich bringt, könne er sich schon gar nicht mehr vorstellen.
Der österreichische Handelsattachee hatte um meinen Besuch gebeten, ich solle mir die Krankengeschichte eines jungen Mannes ansehen und prüfen, ob man ihn in Österreich behandeln könne. Der 20jährige Mann hat eine riesige Geschwulst an der linken Hand, es handelt sich um ein angeborenes Lymphangiom, das aber nun riesenhafte Dimensionen angenommen hatte. Ich werde auf der Rückreise nochmals vorbeikommen und alle Befunde abholen.
Faris begleitet mich mit dem Taxi zum Hotel und meint, mein Besuch hier hätte ihm Hoffnung gegeben, dass der Krieg doch nicht stattfinden wird. Eigenartig, als ich vor wenigen Tagen einen anderen Freund von Wien aus hier anrief, meinte dieser, er freue sich, dass ich komme, denn das wäre ein Zeichen, dass es keinen Krieg geben wird. Eine eigenartige Erwartung, die einem da zugeschoben wird.
Im Hotel treffe ich Mark Sponeck, David und Jonathan, drei junge Leute, die Hoffnung geben für die Zukunft. Alle drei hatten eine Eliteuniversität in Paris besucht, alle hatten gute Jobs angenommen, die sie für ihr Projekt jedoch aufgegeben haben. Jetzt verdienen sie ihren Lebensunterhalt mit Kellnerarbeiten, hatten auch schon am Bau geschuftet, Jonathan verkauft Wein auf Auktionen. Ihr Projekt: Schüler diskutieren über Kontinente hinweg via Satellit mit Schülern anderer Länder, sie lernen sich kennen, sie lernen die Probleme des anderen kennen. Der „andere“, das ist ein Schüler im gleichen Alter in Jordanien, auf den Philippinen, in Honduras – und jetzt im Irak. Amerikanische Schüler im Alter von 16,17 Jahren sollen mit irakischen Schülern über Satellit live diskutieren. Der Feind bekommt ein Gesicht und das jetzt, inmitten der Vorbereitungsphase auf einen Krieg gegen den Irak. Eine grandiose Idee, die zwar jetzt nicht wirksam werden wird, aber vielleicht später einmal Entscheidungen beeinflussen kann. Amerikanische Schülern wissen nichts über den Irak, es ist leicht gegenüber jemanden, den man nicht kennt, feindlich gesinnt zu sein. Hat der Gegner einmal ein Gesicht, wird es viel, viel schwieriger und kennt man dann auch noch einige seiner Probleme – kann es dann noch dazu kommen, dass Feindbilder entstehen? Zu wissen, dass es auch in der jüngeren Generation solche Leute wie Mark, David und Jonathan gibt, die sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit für den Frieden und die Völkerverständigung einsetzen, ist tröstlich. Vielleicht hat diese Welt noch eine Chance.
An diesem Abend treffe ich noch viele andere, die für den Frieden arbeiten. Michael Birmingham zum Beispiel, ein Ire von der Gruppe Voices in the Wilderness, sowie Alice Bianchi und Bernd Klagge, zwei Vertreter einer deutschen Friedensdelegation, einen sudanesischen Arzt von „Ärzte ohne Grenzen“ und Karin Leukefeld, eine deutsche freie Journalistin, die seit Dezember hier lebt und unzählige Hintergrundberichte über das Leben der irakischen Zivilbevölkerung geschrieben hat. Eine Gruppe der „Human Shields“ ist eingetroffen, sie werden auf Brücken, vor Elektrizitätswerken, vor Spitälern und anderen wichtigen öffentlichen Einrichtungen Wache halten. Die Diskussionen waren informativ und es ist interessant, wie viele verschiedene internationale Gruppen sich für den Frieden einsetzen, aber am Ende des Abend waren wir alle nur noch traurig.
Heute ist der islamische Sonntag, die Büros sind geschlossen, also heißt es wieder einmal: Warten! An diesem Tag lerne ich Ghazwan al Mukthar kennen, einen pensionierten Ingenieur, den die Tatsache, dass die Ärzte seines Landes seit 12 Jahren vom medizinischen Fortschritt und der wissenschaftlichen Literatur abgeschnitten sind, nicht ruhen lässt. Er hat den Plan entworfen, eine zentrale elektronische medizinische Bibliothek einzurichten, mit der auf lange Sicht gesehen, alle irakischen Krankenhäuser und Universitäten verknüpft werden sollen. Es ist unmöglich, alle fehlenden Fachzeitschriften ins Land zu bringen, jedoch wäre es möglich, ihre jeweilige CD-Ausgabe zu bringen. UNDP hat ihm Unterstützung zugesagt und nun fragt er mich, ob es nicht möglich wäre, über die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) eine derartige Aktion zu starten. Ich bewundere den Mann, in der jetzigen Situation solche Pläne verwirklichen zu wollen.
Ghazwan zeigt mir eine Liste des Gesundheitsministeriums, mehr als 100 Seiten lang. Eine Liste, in der endlos medizinische Güter aufgezählt sind, die vom UN-Sanktionenkomitee als „dual use“, d.h. militärisch nutzbar angesehen wurden. Aufgrund meiner eigenen leidvollen Erfahrungen mit diesem Thema interessiert mich das besonders: Es finden sich Insektenvertilgungsmittel, Kücheneinrichtungen für eine Spitalsküche, Laparaskopie, Plasmagefrierschrank, Elektroencephalogramm, medizinischer Sauerstoff, Flowcytometrie aber auch etliche Medikamente, wie z.B. eine Mittel gegen Wurmbefall sowie Tests für Hepatitis, Aids, Cholera, ja selbst ein Lokalanästhetikum. Gemeinsam mit einem Linearbeschleuniger zur Krebsbehandlung werden alle diese Dinge verdächtigt, zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen zu dienen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist es schlicht und einfach völlige Unwissenheit, die zu solch einem Urteil führt, oder aber ist es Absicht.
Ghazwan wechselt das Thema: „Nun bin ich 60 Jahre alt und mein Leben lang, habe ich den Wasserhahn aufgedreht, wenn ich Wasser benötigt habe, jetzt aber habe ich mir einen Brunnen gegraben, denn bald gibt es kein Wasser mehr. Kerosin habe ich eingelagert, damit wir etwas kochen können. Und Petroleumlampen habe ich mir gekauft, denn bald werden wir keinen Strom haben. Dann werden wir im Dunkeln leben... Wir kennen den Fortschritt nicht mehr, nur mehr den Rückschritt!“ Es lag so viel Bitternis in seinen Worten und Resignation. Allein was diesen Menschen hier durch den nun mehr als ein Jahr andauernden Psychokrieg mit ständigen Kriegsdrohungen angetan wird, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das vor den internationalen Gerichtshof gebracht werden müsste.
22. Februar 2003, Bagdad
„Die Zeit ist knapp“
(George W.Bush)
Am Morgen erreicht mich ein Telefonanruf, mein Name stehe an erster Position für ein Treffen mit dem Minister. Ich möge im Hotel bleiben, um erreichbar zu sein. Wieder einmal warten. Während dieser Woche habe ich schon viel zu lange gewartet. Ich verbringe den ganzen Tag auf dem Zimmer, stets wartend, dass das Telefon klingelt. Es klingelt öfters, aber nie ist es das Ministerbüro. Geduld zählt nicht zu meinen hervorragenden Charaktereigenschaften. Lesen – ja, aber mit wenig Konzentration. Fernsehen? Da gibt es zwar etliche englischsprachige Sendungen, aber auch nichts besonders Interessantes. Weiter warten, auf und abgehen, beim Fenster hinausschauen, auf das Bett legen. Meine Ungeduld steigert sich von Stunde zu Stunde. Ich gehe in den Internetshop und stelle dort fest, dass ich meine Mails nicht mehr lesen kann, „Access denied“ ist die Botschaft. Auch das noch, abgeschnitten von der Welt. Wenigstens kann ich noch Zeitungen im Internet lesen.
Zurück auf dem Zimmer, das Telefon klingelt, es gibt noch immer keine Nachricht aus dem Ministerbüro. Es reicht mir, der arme Anrufer wird zum Empfänger meines Wutausbruches, auch wenn mir bewusst wird, dass es den Falschen trifft und ich entschuldige mich auch im vorhinein bei ihm. Aber bei allem Ärger muss ich gerecht bleiben: Käme ein Fremder nach Österreich und suchte er um einen Ministertermin an, so bekäme er den auch nicht innerhalb eines Tages.
„Hier funktioniert einfach nichts mehr, die Angst lähmt unsere Gedanken,
unsere Arbeit, unser Leben....“
Said, Taxifahrer in Bagdad
Um 8.50 als ich eben beim Frühstück sitze, werde ich von der Rezeption ausgerufen. Der Minister war gestern nicht im Büro und wird auch heute nicht dort sein, aber: man hat ihm die Papiere nach Hause gebracht und er hat seine Einwilligung persönlich auf die Dokumente geschrieben. Ich darf alle Medikamente unmittelbar nach Basra bringen. Ich kann es nicht fassen! Zurück ans Telefon, das Telefonieren im Irak ist wirklich sehr, sehr mühsam. Der Fahrer des LKW wird verständigt, die Verbindung klappt lange nicht. Ich werde von der Rezeption ausgerufen, die Verbindung wird unterbrochen. Schließlich steht Faris wieder einmal in der Hotelhalle, er bietet sich als Fahrer an. Ich bin sehr froh über seine Begleitung. Beim Zoll dann wieder endloses Warten, die Zolldokumente sind verschwunden, Nimrud ist im Gesundheitsministerium und hat sie bei sich. Schließlich kommt der Direktor des Zentrallagers und bringt uns mit dem Auto zu seinem Büro, bedankt sich bei einer Tasse Tee für die wertvollen Medikamente, ruft Basra an, unterschreibt die von ihm zuvor diktierten Briefe und um 12.30 Uhr ist alles erledigt. Mit allen guten Wünschen versehen bin ich nach Basra entlassen.
Gabri, der Fahrer hatte zuvor gemeint, er möchte keinesfalls nachts unterwegs sein nach Basra, die Straße ist sehr unsicher. Er wird bei Morgengrauen aufbrechen, ein Zollbeamter wird ihn begleiten. Ich bin einverstanden und wir vereinbaren, uns im Hotel in Basra zu treffen. Rasch noch zum Büro von Iraqi Airways, ich buche einen Flug nach Basra.
Es ist Sonntag Nachmittag, ich fahre zur chaldäischen St. Josephskirche. Die Durchzugsstraßen in Bagdad sind sehr gut, die Nebenstrassen sind furchtbar, man kann kaum mit einem Auto hier fahren. Die Kirche ist übervoll. Ein Mädchenchor mit wunderbaren Stimmen singt auf der Empore. Ich verstehe nichts, aber ich höre immer wieder das Wort Salam, Salam – Frieden, es kommt sehr, sehr häufig vor heute, sicher häufiger als in einer normalen Gottesdienst. Meine Sitznachbarin weint, wie etliche andere auch. Es gibt so viele junge Leute hier in der Kirche, was wird aus ihnen werden? Was wird aus diesen christlichen Jugendlichen werden? Ein hoher Geistlicher hier in Bagdad hatte zu einem deutschen Journalisten gesagt: „Der Krieg wird vorbeigehen, aber was danach kommt, wird noch um vieles, vieles schlimmer werden. Es wird ein Gemetzel geben und die Christen werden unter den ersten Opfern sein. Wir werden jedenfalls die Türen der Kirchen öffnen für alle, Christen und Moslems, um den Menschen Schutz vor den Bomben zu geben“.
Mein Taxifahrer hatte auf mich gewartet. Er hat Informatik studiert und das Studium abgeschlossen, in diesem Beruf würde er jetzt 10.000 Dinar im Monat verdienen, das sind 4 Dollar. Er muss für seine Frau sorgen, für seine beiden Kinder (3 jährige Tochter, 3 Monate alter Sohn), weiters für 2 Schwestern und seine Mutter. Der Vater verstarb vor kurzem im Alter von 51 Jahren an Lymphdrüsenkrebs. Als Fahrer verdient er mehr, meint er. Die meisten Taxifahrer in Bagdad wären Akademiker, mir fällt mein Fahrer von der letzten Reise ein, er war Geographieprofessor. Beim Hotel angekommen, gebe ich ihm 10 Dollar und frage ihn, ob das okay ist. Er lächelt und meint, das wäre mehr als nur okay.
Noch vor 7 Uhr früh Aufbruch zum Flughafen, Karin Leukefeld und ihr Begleiter Fahad werden mitkommen. Fahad wundert sich, dass ich mich allein, ohne Begleiter in Bagdad bewegen kann und nun auch allein nach Basra reisen kann. Die Flugzeit nach Basra beträgt eine Stunde und in der Maschine befindet sich eine große Gruppe von amerikanischen Friedensaktivisten von Voices in the Wilderness unter der Führung von Cathy Kelly. Sie werden eine Mahnwache in Safwan halten. Auf mich wartet, wie vereinbart, Father Boutros und ein Diakon der chaldäischen Gemeinde, sie bringen mich zum Hotel. Kaum hatte ich dort mein Zimmer bezogen, stand auch schon Gabri samt Zollbeamten in der Halle. Gabri hatte die Strecke Bagdad-Basra mit seinem alten LKW in Rekordzeit zurückgelegt.
Sofort fahren wir zur örtlichen Gesundheitsverwaltung und nach wenigen Minuten ist alles erledigt. Der Minister persönlich hatte angerufen und Weisung gegeben, alles nach meinen Wünschen durchzuführen. Beim Mutter-Kind-Spital angekommen, eilt mir Dr. Jenan entgegen und fragt, was denn los sei. Sie hatte die Weisung erhalten, ihr Büro nicht zu verlassen und auf mich zu warten. Selbst die Vorlesung für die Studenten musste jemand anderer übernehmen.
Kurze Besprechung mit dem Spitalsdirektor und dann beginnt unter großem Hallo das Ausladen. Die Kartons werden sorgfältig gezählt und ich erhalte meine privaten Kartons zurück. Der Erzbischof wird nun doch seine Medikamente für die Armenapotheke erhalten. Einen Karton mit Pentostam, eine Spende des Difäm, übergebe ich Jenan sowie 1000 Perfusionsbestecke für Kinder. Jenan sieht sprachlos beim Ausladen zu, flüsternd fragt sie mich, ob das wirklich alles für die kleinen Patienten dieses Spitals bestimmt ist. Sie führt mich anschließend in die renovierten Zimmer, wo die von uns gebrachten Spitalsbetten stehen. Die Zimmer machen nun einen sehr freundlichen Eindruck, allerdings ist der Boden grauenhaft, hier werden wir noch etwas tun müssen. Jenan meint, sie möchte die Station noch nicht eröffnen, man wisse nicht, ob es Krieg geben werde und dann wäre alles wieder kaputt....Alle lauschen täglich ängstlich den Nachrichten und täglich gibt es Bombardements in der Provinz Basra.
Spät an diesem Abend, es ist 23.15 Uhr, ertönt die Sirene des Fliegeralarms, es ist das dritte Mal heute. Mehr als zwei Stunden später wird mich die Entwarnung wecken.
Im vergangenen September hatte ich Erzbischof Gabriel Kassab von Basra kennengelernt und war beeindruckt von seiner Arbeit und seinem Engagement. Ende Januar kam er aufgrund der Einladung von Kardinal Schönborn nach Wien, von wo er dann weiter nach Genf, Aachen und Antwerpen reiste. Erst vor knapp drei Wochen hatten wir uns auf dem Flughafen Wien-Schwechat verabschiedet und nun gab es eine herzliche Begrüßung für mich hier in Basra. Wir hatten vereinbart, bei meinem nächsten Besuch nach Amara in der Provinz Misan zu fahren, eine Stadt, 185 km nördlich von Basra im ehemaligen Marschland gelegen. Erzbischof Kassab plant, dort ein Gemeindezentrum zu errichten, so wie er es in Basra getan hat mit einem Kindergarten und einem Begegnungszentrum für die Jugendlichen. Seine tiefste Überzeugung: Nicht mit Worten kann man die christliche Botschaft verkünden, nur mit Taten und da macht er keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen. Das ist sein – erfolgreiches – Rezept gegen eine Radikalisierung des Islam. Wenn das die westlichen Politiker doch auch begreifen könnten!
Die Straße ist nicht ungefährlich, vor allem ist das Fahrverhalten der Iraker oft nicht vorhersehbar und Father Boutros muss etliche Notbremsungen vornehmen, das Auto des Erzbischofs ist Baujahr 1985. Viele Militärposten säumen die Straße, oft in Abständen von wenigen Kilometer, vielen davon ist anzusehen, dass sie neu ausgehoben wurden. Ihre militärische Effizienz ist aber wenig wahrscheinlich. Wir kommen an ärmlichsten Dörfern vorbei, eine Schule ist in Lehmhütten untergebracht. Immer wieder gibt es Checkpoints, aber die Soldaten sind sehr freundlich zum Bischof. Unterwegs fungiere ich als Sekretärin, Bischof Kassab diktiert Dankesbriefe an die österreichischen und deutschen Organisationen, die er besucht hatte.
Wir treffen in Amara ein, eine Stadt mit geschätzten 700.000 Einwohner. Zwei Spitäler gibt es hier, leider habe ich keine Genehmigung, sie zu besuchen. Die Kirche wurde notdürftig renoviert, aber die Feuchtigkeit kriecht die Wände hoch. Es gibt keinen Unterrichtsraum für die Kinder, sie werden im Freien unterrichtet. Der Bischof zeigt mir den Grund, auf dem er den Kindergarten errichten möchte mit Bauplan und Maßband in der Hand steigt er auf die Schuttberge und führt angeregte Diskussionen mit Father Boutros und dem Verwalter. 30.000 Dollar wären für den Bau notwendig, zusätzlich etwa 15.000 für die Einrichtungen. Eine Begegnungsstätte für junge Christen und Muslime, Kinder und Jugendliche, die lernen sollen, keine Berührungsängste zu haben, ein Raum, der der zunehmenden Radikalisierung in einer der ärmsten Regionen des Irak entgegenwirken soll. 45.000 Dollar, was ist das schon für dieses Ziel! Für eine Zukunft in friedlicher Koexistenz? Der Bischof ist zuversichtlich, dass dieses Projekt eines Tages finanziert werden kann. Bis vor kurzer Zeit gab es im Irak keine Probleme zwischen den Religionen, die Verarmung der Bevölkerung aber fördert den Fundamentalismus. Wir haben in unserer Gesellschaft überlegt, uns mit der Errichtung eines kleinen Health Centres anzuschließen mit Spezialisierung auf Durchfallerkrankungen bei Kindern. Die Wasserqualität ist sehr schlecht hier und so wie in Basra kostet gutes Trinkwasser etwa 600 Dinar. Zum Vergleich: das Einkommen einer Reinigungsfrau im Spital beträgt 3000 Dinar, sie könnte sich für ihren Monatsverdienst also 5 Liter Wasser kaufen, sonst nichts. Benzin dagegen kostet nahezu nichts. 120 Liter erhält man für den Gegenwert eines Euro.
Wir machen einen Rundgang durch den Markt, der sehr ärmlich ist und ich sehe niemanden, der etwas kauft. Frauen sitzen auf der Strasse und bieten Gemüse an oder Fisch. Viele Kinder laufen barfuss in ärmlicher, zerschlissener Kleidung mit großen Löchern, Kinder schieben Handwägen mit Gasflaschen oder Gemüse vor sich her. Die Kinder sind alle freundlich und freuen sich darüber, wenn sie fotografiert werden. Die Schar, die uns folgt, vergrößert sich zusehends. Wir besichtigen die frühere Synagoge, wo jetzt, mitten zwischen den eingestürzten Mauern, in einem Wellblechverschlag eine Familie wohnt. Dann kehren wir zurück, die Frau des Verwalters der Kirche und eine Freundin haben inzwischen gekocht. Das Essen ist sehr ärmlich, die Atmosphäre umso herzlicher.
Knapp vor 17 Uhr sind wir wieder beim Gemeindezentrum in Basra. Drei Mitglieder von Voices in the Wilderness sind da, einer davon ein Franziskanerpater aus den USA. Der Pater erzählt mir, dass er bereits mehrmals im Gefängnis war, insgesamt zweieinhalb Jahre. Er hatte sich gegen Gewalterziehung in manchen Schulen eingesetzt und die Sanktionen gegen den Irak gebrochen. Der Fliegeralarm ertönt und nur wenige Minuten später kracht es fürchterlich und der Boden bebt. Die Leute, die im Hof stehen sind kurzfristig panisch, Kathy, die Amerikanerin, meint: Geht es jetzt los?
Kathy erzählt mir, dass sie schon seit Oktober im Irak ist. Sie ist ursprünglich hierher gekommen, um den Feind zu sehen und was sie vorgefunden hat, waren sehr freundliche, nette und hilfsbereite Menschen, von denen keiner sie ablehnte, weil sie Amerikanerin ist. Sie kam, um den Feind zu sehen und hat Freunde vorgefunden. Sie meint, es fiele ihr sehr schwer, ihre eigene Regierung nicht zu hassen, für das, was sie den Menschen hier im Irak antut.
Später, als die drei gegangen sind, setze ich mich zum Computer und schreibe die Briefe, die mir der Bischof im Auto diktiert hatte. Während ich schreibe, fällt wieder einmal der Strom aus und ich sitze in völliger Finsternis, bis Father Boutros ganz besorgt kommt und meint, der Generator werde demnächst anspringen. Nach dem gemeinsamen Abendessen bringen mich Father Emad, Father Boutros und der Diakon zum Hotel.
Ich rufe Ala Turki an, den Vater eines schwerkranken, fünfjährigen Mädchens. Er hatte mich im Januar darum gebeten, das Kind nach Österreich zur Behandlung zu bringen. Ich habe ihm stattdessen die Medikamente mitgebracht. Es ist schon spät, aber er kommt noch zum Hotel, Sarah, die kleine Patientin hatte darauf bestanden, mitzukommen. Das Mädchen ist todernst, ihm ist kein Lächeln zu entlocken. Im Januar war sie operiert worden, seit damals trägt sie einen Gipsverband vom linken Fuß bis zur Hüfte. Wie alle hier, so hat auch der Vater schreckliche Angst vor dem Krieg, er meint, was solle er dann mit dem schwerkranken Kind bloß tun? Ich übergebe ihm die 12 Ampullen für die Behandlung und er ist überglücklich. Lächelnd gesteht er mir, dass seine Mutter sehr besorgt gewesen wäre, weil er so spät, um 23 Uhr, zu einer fremden Frau ins Hotel fahre. Wer weiß, was da passieren könne? Na ja, so gefährlich bin ich wohl nicht.
Zwei Hotelangestellte klopfen später noch an meine Türe und zeigen mir Rezepte, ob ich wohl Medikamente für sie hätte. Die Rezeptionistin meint, bis jetzt hätte sie ihre Angst verdrängt, aber nun komme der Krieg in immer greifbarere Nähe, sie kann kaum mehr Schlafen, ständig erwarte sie den Beginn des Krieges. Es gibt kein Entrinnen.
Wie schafft man es bloß, nach einem solchen Tag einzuschlafen?
"Wir hüllen uns in passives Schweigen hier im US-Senat, gelähmt durch unsere
eigene Unsicherheit.“
Robert C. Byrd, US-Senator, über die Irakpolitik seines Landes
Check-out im Hotel, Verladen des Gepäcks im Auto des Bischofs. Dann fahre ich zur Blutbank, der Direktor, Dr. Ala al Haddad, freut sich sichtlich über den Besuch. Ich aber ich freue mich über die Sauberkeit, die in dem von uns renovierten Labor herrscht. Immerhin erfolgt mein Besuch nicht angekündigt und es ist alles peinlich sauber. Ich informiere den Direktor über die geplanten Arbeiten zur Installation eines geschlossenen Wasserkreislaufs mit Pumpe und Kühlaggregat. Inshallah, meint der Direktor, wenn der Krieg nicht kommt.... Wir haben Dr. Ala zum Training nach Österreich eingeladen und er freut sich schon darauf. Er führt mich durch die Räume der Blutbank, es mangelt noch an so vielem.
Ich eile zum Spital und gemeinsam mit Dr. Jenan fahre ich zur Universität. Dr. Emad, der Dean, hat uns um ein vierwöchiges Training in Wien gebeten und ich überbringe ihm die diesbezügliche Einladung. Gerne hätte ich noch den Leiter der Gesundheitsbehörde besucht, aber er ist nicht in seinem Büro.
Wir eilen zurück zum Spital auf die Krebsstation. Zaynab, das Mädchen rechts vom Eingang kenne ich vom letzten Mal, ihre großen, schönen Augen sind mir in Erinnerung geblieben. Jenan zeigt mir ein Therapieprotokoll und meint, erstmals seit 12 Jahren hätte sie ein derartiges Protokoll in Händen, auf dem alle erforderlichen Medikamente vorhanden sind. Erstmals seit 12 Jahren fühle sie sich wieder als Ärztin, erstmals könne sie wirklich behandeln. Ich hatte es immer so bedrückend empfunden, in diese Räume zu kommen und zu fotografieren und wieder wegzugehen, ohne helfen zu können. Was müssen sich die Mütter gedacht haben? Als ob Jenan meine Gedanken lesen könnte, erklärt sie den Müttern, dass diese Medikamente ein Geschenk einer christlichen Hilfsorganisation aus Deutschland seien und ich hätte sie überbracht. Eine Frau kommt und küsst mich auf die Schulter, eine andere ruft ihren Segenswunsch vom Bett ihres Kindes und die Frau, vor deren Kind ich stehe, beginnt zu weinen unter ihren Dankesworten. Ich umarme sie spontan.
Im Nebenzimmer finden wir zwei leukämiekranke Kinder, bei denen erst Anfang dieser Woche die Diagnose gestellt worden war. Bis zum Ende der Woche sollten es fünf werden. Auf dem Gang zeigt mir Jenan ein Kleinkind, das an Kala Azar erkrankt ist, die Therapie wurde bereits eingeleitet mit dem mitgebrachten Pentostam. Bis jetzt habe ich dieses Krankenhaus immer mit dem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit verlassen, dieses Mal ist es anders. Nichts kann einen Menschen glücklicher machen, als das Wissen, geholfen zu haben – und wenn es nur durch die Begleitung eines Transportes war.
Es ist Zeit, zum Flughafen zu fahren, der Abschied von Jenan und von Erzbischof Kassab ist herzlich. Wie so oft bei dieser Reise höre ich die Frage: Wann kommst du wieder? Keiner von uns kennt die Antwort. In drei, vier Monaten, vielleicht auch schon früher. Keiner von uns weiß, was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird. Es ist schwer, neue Freunde in einer solchen Situation zurückzulassen.
Bald entschwindet Basra meinen Blicken, als sich die alte Boeing 727 der Iraqi Airways in die Luft hebt. Wir fliegen in der Flugverbotszone und von Karin, die einen Piloten interviewte, der diese Maschinen fliegt, weiß ich, dass sobald die Flugzeuge auf den Radarschirmen der Amerikaner auftauchen, per Funk die Drohung durchgegeben wird, der Pilot möge umdrehen, andernfalls laufe er Gefahr, abgeschossen zu werden. Zweimal täglich fliegt diese Zivilmaschine zwischen Basra und Bagdad und jedes Mal wiederholt sich das gleiche Schauspiel. So demütigend wie möglich für das irakische Volk.....
„Wir haben die moralische Verpflichtung, diesen Krieg zu führen....!“
Ich hätte einige Termine zu erledigen in Bagdad, aber heute bin ich an einen Fahrer geraten, der weder ein Wort Englisch spricht, noch sich in Bagdad auskennt. Noch dazu legt eine Friedensdemonstration den Verkehr lahm. Nach Stunden erreiche ich Khalil telefonisch und er holt mich ab, wo der Taxifahrer gestrandet war. Im vergangenen September hatten wir 1000 Infusionsleitungen nach Basra gebracht, sie waren – vorschriftsmäßig – zur staatlichen Prüfstelle geschickt worden. Die Antwort hieß: Verwendung verboten, weil kein Erzeugerland auf der Verpackung angegeben war. Das „D“ für Deutschland ist im Irak unbekannt. Ich bitte Khalil, mich zur deutschen Botschaft zu bringen und dort bestätigt man mir schriftlich, dass die Erzeugerfirma eine deutsche Firma ist und dass Melsungen in Deutschland liegt. Es ist Donnerstag, nach 13 Uhr, die Büros haben geschlossen. Ich kann dieses Problem nicht mehr selbst erledigen und so fahre ich zur Österreichischen Handelsvertretung und ersuche, sich dieser Sache anzunehmen. Aus den Befunden eines Patienten waren die Befunde dreier Patienten geworden und die Familie eines 40jährigen mit Lymphdrüsenkrebs erwartet mich. Der Patient ist Halbösterreicher und die Familie möchte, dass ich ihn nach Österreich bringe zur Behandlung. Das wird nicht zu machen sein, aber ich werde alles daransetzen, die Medikamente aufzutreiben und zu schicken (oder zu bringen). Der österreichische Handelsdelegierte wird morgen das Land verlassen.
Khalil bringt mich zurück zum Hotel. Er ist überzeugt, dass der Krieg kommt und ich frage ihn, was er wohl dann tun werde. Gibt es Bunker in Bagdad? Es gibt welche, aber nur wenige, was ist das schon für 10 Millionen Menschen.. Außerdem wird niemand mehr in einen Bunker gehen, aufgrund der Erfahrungen, die man mit Al Amariya gemacht hat. (Al Amariya ist der Bunker, den im Golfkrieg zwei Bomben trafen, hier starben weit über 400 Frauen und Kinder). Khalil, was wirst Du tun? Er wird seine Familie aufs Land bringen, meint er, und er wird im Büro bleiben, die Spitäler werden ihn brauchen. Khalil meint, wenn es schon sein muss, so soll es doch gleich losgehen, die Warterei von Stunde zu Stunde ist einfach nicht mehr zu ertragen, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann. Khalil hat in den 80er Jahren in Texas studiert. Bereut er es, dass er in den Irak zurückkam? Nein, keine Stunde lang, hier ist seine Heimat und er wird von hier auch nicht weggehen.
Zwei Freunde begleiten mich zum Flughafen. Was könnte ich ihnen nächstes Mal mitbringen? Womit könnte ich ihnen eine Freude machen? Nichts, die größte Freude wäre es für sie, mir helfen zu können. Was könnte ich wohl für sie tun? F. hat eine einzige Bitte, er ist Christ: Bete für mich, bete für uns und den Frieden in unserem Land! Beim Abschied lässt er meine Hand lange nicht los.
S. schleust mich durch alle Tücken des Bagdader Flughafens und mit einem offiziellen Schreiben beschützt er mich vor den unangenehmen und peinlichen Gepäckskontrollen sowie vor allen unverschämten Geldforderungen. Er begleitet mich bis in den Warteraum zum Abfluggate, dort verabschieden wir uns. „Ich schäme mich, dass ich die Möglichkeit habe, dieses Land zu verlassen, euch hier zu verlassen. Ich werde weiterhin für den Frieden arbeiten, für die Menschen im Irak, gegen alle Ungerechtigkeit.“ S. ist zu einem guten Freund geworden, er hat gemeint, we are more than friends! Auch ihm ist es eine Freude, helfen zu dürfen und diese Freude ist ihm Dank genug.
Als das Flugzeug der Royal Jordanian abhebt und unter uns die Lichter Bagdads immer kleiner werden, habe ich den Eindruck, ein großes Gefängnis zu verlassen. Jordanien, Türkei und Iran haben ihre Grenzen für Iraker geschlossen. Die Lichterketten über den Tigrisbrücken sind klar erkennbar, wie lange werden sie noch leuchten? Brücken sind immer das erste Ziel in einem Krieg. „Bald werden wir im Dunkeln leben....“ hat Ghazwan gesagt. Ich kann dieses Gefängnis verlassen und ich schäme mich dafür. Ich darf es verlassen, wie es das Schicksal so wollte, dass ich in einem westeuropäischen Land geboren bin, das seit 58 Jahren in Frieden lebt. Es ist nicht mein Verdienst, dass ich mein Leben lang in Frieden leben durfte, in einem der reichsten Länder dieser Erde. Zurückgelassen habe ich die Freunde, die dieses Glück nicht hatten, sie haben in 23 Jahren zwei Kriege und 12 Jahre Sanktionen erlebt. Sie sind müde geworden vom täglichen Überlebenskampf in einem Land, dessen Wirtschaft brach liegt, dessen Gesellschaft zerstört ist, dessen Infrastruktur in Trümmern liegt, sie sind müde von der irakischen Bürokratie, vom Geheimdienststaat. Wenn der britische Außenminister Straw meint, der Westen hätte die moralische Verpflichtung, diesen Krieg zu führen, so möge er in den Irak reisen und dort die Menschen befragen, wie sie darüber denken. Ob sie durch einen Krieg, dem undemokratischsten aller Mittel „befreit“ werden wollen. Ein Iraker hatte während dieser Reise zu mir gesagt: Merkt Ihr nicht, was in Europa vor sich geht? Ihr sagt, ihr habe Demokratien in Europa. Kann man noch von Demokratie reden, wenn in England fast 90 % der Bevölkerung gegen einen Krieg sind, die Regierung aber will diesen Krieg. Ähnlich ist es in Italien, Spanien und Polen!“ Der Mann hat recht, wird dieser Krieg zur Realität, dann hat unser Rechtssystem versagt, die Demokratie hat versagt, das Völkerrecht hat versagt und wir kehren zur Barbarei zurück. Und niemand von all denen, die sich dabei schuldig gemacht haben, braucht dann dem Diktator im Irak mehr etwas vorzuwerfen.
Man muss schon ein sehr oberflächlicher Beobachter sein, wenn man meint, im Irak nehme das Leben so wie immer seinen Lauf. Das war der Inhalt eines Fernsehberichtes in den Tagen nach meiner Rückkehr. Das ist wohl nur durch die eingeengte Sicht durch die Kameraoptik zu erklären. Die Menschen leben in panischer Angst vor diesem Krieg, aber noch mehr fürchten sie die Zeit danach, die große Ungewissheit. „Wir wollen keine amerikanische Kolonie sein, wir wollen Iraker sein und unsere Identität bewahren.“ Das sagen Menschen, deren Stadt an 255. und letzter Stelle aller Großstädte der Welt liegt, was die Lebensqualität betrifft. „Warum sucht sich ein so großes und mächtiges Land wie es die USA sind, ein so kleines und schwaches Land für einen Krieg aus?“ fragte mich ein anderer. Ich bin ihm die Antwort schuldig geblieben, denn ich glaube, er kennt sie ohnehin.
Die Reise war ein großer Erfolg und ich bin dankbar dafür. Ich danke der Diakonie Deutschland und dem Difäm für ihre großartige Hilfe für Kinder, die keine Stimme haben in dieser Welt, die von dieser Welt vergessen wurden. Ich danke der Diakonie Deutschland aber auch für das große Vertrauen, das mir und unserer Gesellschaft entgegengebracht wurde, indem ich mit der Überbringung der Medikamente beauftragt wurde. Der Irak ist nicht mehr das Land, das ich früher kennengelernt habe, es ist nicht einmal mehr das Land, das ich vor vier Wochen verlassen hatte. Die Angst, nein die Panik, liegt über allem und lähmt alles. Umso erstaunlicher ist der Erfolg dieser Reise. Trotz alledem kann ich mich daran nicht richtig freuen, zuviel Trauriges habe ich gesehen, zuviel Trauriges habe ich gehört in diesen wenigen Tagen und zu wenig Trost konnte ich bringen. Ist die Hoffnung schon unrealistisch geworden? Vielleicht, aber wir werden weiter arbeiten: für Frieden, Toleranz, Gerechtigkeit und Versöhnung.
Dr. Eva-Maria Hobiger
4. März 2003
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