1996 wurde mit finanzieller und personeller Unterstützung der Stadt Linz, der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen, dem Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten und lokaler Hilfestellung in Beirut (Österreichische Außenhandelsstelle der Bundeswirtschaftskammer, Generaldirektion der Antikenverwaltung der Republik Libanon) ein Projekt initiiert, das die archäologisch-topographische Erfassung eines antiken Steinbruchs in Baalbek zum Ziel hat (vgl. GÖAB-Bulletin, 4/96, 10-11). Einen wesentlichen Anteil an den Arbeiten bildete die vermessungskundliche Aufnahme zweier großer Steinblöcke mittels eines in Linz erstellten digitalen Verfahrens, das deren dreidimensionale Darstellung aus verschiedenen Blickpunkten ermöglicht und - in weiterer Folge - einzelne Phasen möglicher Bearbeitungsstufen verdeutlicht.
Die nach konventioneller Methode erfolgte Untersuchung des seit langem unter der Bezeichnung "Hadjar el-Hibla" (Stein der Schwangeren) bekannten Steines - was es mit diesem auf sich hat, berichtet übrigens als erster der Kufsteiner Ritter Martin Baumgarten (frühes 16. Jahrhundert) - zeitigte einige Buchstaben einer römischen Inschrift, von der man bislang nichts bemerkt hatte. Sie läßt sich mit der Titulatur eines Kaisers oder - so der Alternativvorschlag - eventuell mit der Nennung oder Anrufung einer Gottheit in Verbindung bringen.
Ein weiterer, etwa gleich großer Monolith wurde erst vor wenigen Jahren zufällig entdeckt. Die an seiner Oberfläche befindlichen Bearbeitungsmerkmale sind einem späteren Versuch zuzuschreiben, den riesigen Block von 20 m Länge, 5 m Breite, 4,6 m Höhe und einer Masse von 1.242 Tonnen zu gliedern.
Welche Funktion lag den beiden am Ort ihrer Bearbeitung bis auf den heutigen Tag verbliebenen "Riesenmonolithen" zugrunde?
Die Spur führt vom Steinbruch zum 900 m entfernten Jupiter-Tempel im "Heiligen Bezirk" von Baalbek, dem antiken Heliopolis, dessen westliches Podium das Interesse an sich zieht. Dort sind nämlich drei ähnlich große Monolithe (der sog. Trilithos) im Tempelpodium einbezogen, so daß manche Wissenschaftler die Meinung vertraten, der "Stein der Schwangeren" sei als nicht mehr beanspruchtes Bauglied im ursprünglichen Plankonzept des monumentalen - unvollendet gebliebenen! - Tempels vorgesehen gewesen. Es war deshalb naheliegend, den anderen im Steinbruch unlängst zutage gekommenen Monolithen einer genauen Untersuchung zu unterziehen: Ist er aus dem Kalkstein etwa in der Absicht mühsam herausgearbeitet worden, um dem Podium integriert zu werden?
Die nach der geodätischen Aufnahme zu Hunderten im Computer gespeicherten Daten werden in aufwendigen und zeitintensiven Rechenprozessen derzeit noch ausgewertet. Wie es den Anschein hat, paßt der "Stein der Schwangeren" nicht an jene Stelle, die ihm die Fachwissenschaft im Nordwesteck des Tempelpodiums gerne zugedacht hätte, und sein erst kürzlich entdecktes Pendant ist nicht so beschaffen, daß es in das gegenüberliegende Eck des Podiums ohne Schwierigkeiten einbezogen hätte werden können.
Eine völlig neue Erkenntnis aber hat - wie Ing.-Geometer Rudolf Stöger mitteilt - das aufregende Puzzle mit dem Computer bereits angedeutet: Daß der Trilithos - auch für ihn ergeben sich im Gegensatz zu bisherigen Maßangaben in der Literatur einige Korrekturen - im Tempelpodium so verlegt worden war, daß sich daraus ein ursprünglich axiales (symmetrisches) Plankonzept des Jupiter-Tempels ablesen läßt. Insofern darf man den Endergebnissen der Vermessungs- ingenieure mit Spannung entgegensehen, die über ihre Arbeit im nächsten Band der wissenschaftlichen Schriftenreihe "Linzer Archäologische Forschungen" berichten.
Der Aufenthalt in Baalbek wurde auch dazu genutzt, um auf Ersuchen von Herrn Ali Husseini, des Besitzers des traditionsreichen Hotels Palmyra, ein intaktes antikes Felsengrab auf seinem Grundstück zu untersuchen. Unsere Arbeit beschränkte sich aus zeitlichen Gründen auf die genaue Dokumentation und Erstellung eines Planes, der Ing.-Geometer Ulrich Ebner verdankt wird. Das einst im Besitz einer Familie befindliche Schachtgrab mit vier Grablegen ist in römische Zeit zu datieren. Die beabsichtigte Veröffentlichung des Grabplanes wird jedenfalls einem Forschungsaspekt Rechnung tragen, auch unscheinbar wirkenden und ärmlicheren Grabstätten den ihnen gebührenden Platz innerhalb der antiken Kultur- und Sozialgeschichte einzuräumen.
Um abschließend noch auf ein Jubiläum besonderer Art hinzuweisen: Im November dieses Jahres werden 100 Jahre vergangen sein, seitdem Baalbek durch ein deutsches Ausgrabungsteam erforscht und der Öffentlichkeit seiner historischen Bedeutung nach bewußt gemacht wurde. Daß Baalbek im Jahre 1917 hochrangige Besucher aus der im Untergang begriffenen Monarchie zu verzeichnen hat - Erzherzog Hubert Salvator und der berühmte Orientalist Alois Musil weilten damals vor Ort - soll in einem kleinen Jubiläumsbeitrag aus Österreich in absehbarer Zeit ausgeführt werden.
Prof. Dr. Erwin M. Ruprechtsberger