|
Solidarität mit Dr. Ludwig Watzal
Leserbrief an „Die Welt“
Betr.: Artikel „Wirbel um Bundeszentrale für politische Bildung“ vom
21.1.2006
Sehr geehrte Damen und Herren !
Aus Gründen, deren genauere Analyse das Ausmaß eines Leserbriefes bei Weitem
übersteigen würde, wird seit einiger Zeit in Europa unter dem Schlagwort der
politischen Korrektheit die Meinungsfreiheit ernsthaft in Frage gestellt.
Eines der primären Exerzierfelder ist die Berichterstattung über die
israelische Politik gegenüber den Palästinensern. Die Fragwürdigkeit dieser
Politik ist durch zahllose Beschlüsse der Vereinten Nationen und anderer
internationaler Organisationen dokumentiert, zuletzt auch wiederum durch das
im Auftrag der Vereinten Nationen erstellte Gutachten des Internationalen
Gerichtshofes über die Völkerrechtswidrigkeit des Baues des so genannten
israelischen Sicherheitszaunes (Mauer). Es ist signifikant, wie seit einigen
Jahren diese Politik in den meisten europäischen Medien verharmlost wird.
Dem gegenüber werden kritische Stellungnahmen gegen diese
völkerrechtswidrige israelische Politik in verstärktem Maße bagatellisiert
und in die Nähe des Antisemitismus gerückt. Damit wird nicht nur eine
kritische Auseinandersetzung mit einem der blutigsten Konflikte der letzten
50 Jahre extrem erschwert sondern auch wesentliche Grundlagen des
europäischen politischen Systems wie Toleranz und Meinungsfreiheit in Frage
gestellt. Es mehren sich Maßnahmen der Zensur und der persönlichen
Diffamierung.
Die seit geraumer Zeit gegen Ludwig Watzal geführte Kampagne stellt ein
typisches Beispiel für die zuvor genannten Entwicklungen dar. Watzal ist
zweifellos einer der kompetentesten Nahostexperten, welche durch zahlreiche
Publikationen ausgewiesen ist. Seine ersten einschlägigen Veröffentlichungen
liegen bereits rund 15 Jahre zurück und zeichnen sich durch eine profunde
Sachkenntnis aus. Nun scheint es manche Institutionen und Personen in
Deutschland und darüber hinaus zu stören, dass man Ludwig Watzal’s
wissenschaftlicher und publizistischer Tätigkeit nur wenig Sachliches
entgegensetzen kann. In diesem Argumentationsnotstand greift man nun – wie
auch bei ähnlichen Fällen wie zuletzt beispielsweise bei Abraham Melzer und
Rupert Neudeck – zum Todschlagargument des Antisemitismus bzw. des
leichtfertigen Umganges mit demselben. Aber auch hier argumentiert man in
den seltensten Fällen offen sondern bringt Gerüchte und Informationen aus
zweiter oder dritter Hand in Umlauf. Auch in Ihrem Artikel werden mit
Ausnahme des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung lediglich anonyme
Kritiker sowie Gerüchte und Informationen aus zweiter und dritter Hand
zitiert. Dies ist aus meiner Sicht absolut inakzeptabel, zumal es sich aus
meiner Sicht bei diesem Zentrum doch wohl mehr um eine lobbyistische als
eine wissenschaftliche Institution handelt. Die eigentliche Absicht liegt
auf der Hand: Eine fundamentale Auseinandersetzung mit der aggressiven
israelischen Politik zu verhindern und die Kritiker zu kriminalisieren.
Ich sehe daher aus der österreichischen Entfernung weniger ein Problem
Ludwig Watzal als ein solches der Unaufrichtigkeit und Doppelmoral der
deutschen Außen- und Nahostpolitik. Die jüngsten Enthüllungen über höchst
fragwürdige Aktivitäten der deutschen Außenpolitik gerade im Nahen Osten
haben hier ja bereits einiges an die Oberfläche befördert. Im Sinne von
Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sollte man aus meiner Sicht also die
politisch Verantwortlichen inklusive der Führung der Bundeszentrale für
politische Bildung kritisieren. Diese sind letztlich dafür verantwortlich,
dass es in Deutschland sowie leider auch in anderen europäischen Ländern
keine ehrliche und transparente Debatte über Fragen der Außen- und
Sicherheitspolitik gibt und man sich aus Bequemlichkeit und Opportunismus
dem Druck von lautstarken und mächtigen Lobbys unterwirft.
Mit freundlichen Grüßen
Fritz Edlinger
Generalsekretär
Das Original - Seite:
1 2
|