Die Nahostpolitik war in den vergangenen Wochen und Monaten voll von Aktivitäten und Initiativen. Dies kann jedoch nicht die Tatsache verschleiern, daß in Wirklichkeit ein völliger Stillstand eingetreten ist. Die Akteure in der Region befassen sich weitgehend mit sich selbst bzw. ihren eigenen Positionen, direkte Kontakte oder gar Verhandlungen sind eingestellt. Selbst die ständigen Bemühungen des Hauptsponsors des sogenannten Friedensprozesses, der USA, sind bislang an der Ignoranz und Borniertheit der israelischen Rechts-Regierung abgeprallt. Deren Kalkül, daß der realpolitische Spielraum der US-Regierung nämlich ziemlich beschränkt sei, ist bislang aufgegangen. Daß wieder einmal das Schicksal Hunderttausender dem Starrsinn und dem Fanatismus von Führern, die an ihre "historische" Mission glauben, geopfert wird, stört offensichtlich nicht. (Einige Hintergründe dieser Situation werden in einem eigenen Kommentar erläutert.)
"Al Nakba" (Einladung)
Die GÖAB hat sich in den vergangenen Wochen vor allem mit einer Veranstaltung befaßt, einer Gedenkveranstaltung zum Anlaß der Vertreibung Hunderttausender PalästinenserInnen aus ihrer Heimat im April/Mai 1948.
Die unter dem Schlagwort "Al Nakba" (Die Katastrophe) in das Bewußtsein des palästinensischen Volkes eingeprägten Erinnerungen stellen den tragischen historischen Kontrast zu der überschäumenden Freude des israelischen Volkes dar, die am 14. Mai 1948 ihren eigenen jüdischen Staat errichteten, ohne darauf zu achten, daß sie damit einem anderen Volk unsägliches Leid antaten. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß seit vielen Wochen die verschiedensten Feierlichkeiten aus Anlaß des fünfzigsten Jubiläums der Staatsgründung Israels auf der ganzen Welt stattfinden und dabei dem Leid der PalästinenserInnen so gut wie gar nicht gedacht wird, haben wir uns entschlossen, am 15. Mai eine eigene große Gedenkveranstaltung durchzuführen. (Einen ausführlichen Bericht darüber finden Sie einige Seiten weiter.)
Weitere Aktivitäten
Obwohl uns die Vorbereitungen für die Gedenkveranstaltung ziemlich stark in Anspruch nahmen, gab es zuletzt auch einige andere Aktivitäten, von denen ich im folgenden kurz berichten möchte.
Am 12. Mai organisierte die GÖAB im Rahmen ihrer Reihe der Präsentation interessanter österreichischer Unternehmen eine Führung durch das Wiener AKH. Viele arabische Botschafter, Diplomaten und GÖAB-Mitglieder folgten der Einladung, welche gemeinsam mit der VAMED-Engineering ausgesprochen worden war. Nach einer Begrüßung durch den Ärztlichen Direktor des AKH, Univ.-Prof. Dr. Reinhard Krepler, wurden einige Abteilungen besucht. Besonderes Interesse fanden die Ausführungen des weltweit bekannten Wiener Herzspezialisten, Univ.-Prof. Dr. Ernst Wollner, der einige recht interessante Einblicke in die Arbeit seines Teams gab.
Am 18. Mai luden wir zu einer Präsentation des neuen Buches von Dr. Ludwig Watzal "Friedensfeinde - Der Konflikt zwischen Israel und Palästina in Geschichte und Gegenwart". Der Autor, ein bekannter deutscher Nahostexperte und Journalist, erläuterte dabei seine teilweise recht provokanten Thesen und stand danach für eine ausführliche Diskussion zur Verfügung.
Verstärkte Projektarbeit
Aber auch von unserer Projektarbeit gibt es einiges zu berichten. So geht unsere Arbeit in Palästina recht zügig voran. Im Rahmen einer vor kurzem absolvierten Dienstreise konnte ich mich davon überzeugen, daß unsere beiden Kliniken in Ost-Jerusalem gut laufen. Für das erst vor wenigen Monaten eröffnete Mutter-Kind-Zentrum beabsichtigen wir, unsere Zusammenarbeit mit dem Spafford-Kinderzentrum zu erweitern. Die Spanische Organisation MPDL (Movimiento por la paz, el Desame y la Libertad) hat ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärt, mit uns und Spafford gemeinsam das neue Zentrum weiter auszubauen. In den nächsten Wochen werden wir weitere diesbezügliche Gespräche, vor allem auch mit der Europäischen Union wegen einer möglichen zusätzlichen Finanzierung, führen. Aber auch unsere anderen Projekte in Palästina, das Kulturzentrum Al Wasiti, unsere diversen Jugendprojekte und auch das Forschungsprojekt mit der Birzeit Universität entwickeln sich erwartungsgemäß. Mit Birzeit haben wir auch über ein neues Projekt gesprochen, welches im kommenden Herbst beginnen soll. Mit Förderung der EU und der Österreichischen Bundesregierung wollen wir junge ÖsterreicherInnen zu einem interkulturellen Projekt nach Palästina entsenden. Nähere Details über dieses Projekt werde ich in einer unserer nächsten Ausgaben berichten.
Besonders erwähnen möchte ich auch die beiden in Vorbereitung befindlichen humanitären Projekte, für den Jemen und den Irak. In den Jemen werden wir heuer noch zwei Hilfslieferungen senden, wobei die erste in den nächsten Wochen abgefertigt werden wird. Sie wird vor allem aus Geräten und Medikamenten für die von uns unterstützte Nierenstation in Hodeidah bestehen. Im Herbst werden wir dann weitere Medikamente und Geräte, vor allem aber Kinderspielzeug für die von uns adoptierte Leprastation in Taiz schicken.
Für den Irak bereiten wir eine sehr große und umfangreiche Hilfsaktion für den kommenden November vor. Wir beabsichtigen dabei, ein größeres österreichisches Ärzteteam zu entsenden und darüber hinaus auch eine sehr umfangreiche Hilfslieferung zu schicken. Wir hoffen, daß wir die rechtlichen, technischen, organisatorischen und vor allem auch finanziellen Grundlagen schaffen, um einen direkten Hilfsflug von Wien nach Bagdad durchführen zu können. Besonders für diese Aktion benötigen wir noch finanzielle Unterstützung!
Abschließend sei noch erwähnt, daß wir unsere medizinischen Hilfsprojekte um einen weiteren Akzent erweitert haben: Seit 1.6. halten sich fünf irakische Fachärzte in Österreich auf, die hier ein zweimonatiges Spezialtraining in ihren jeweiligen Fächern erhalten. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit besonders bei der Gemeinde Wien, der Steiermärkischen Landesregierung, Prim. Dr. Manfred Meixner, der AUA, der VAMED-Engineering und der Firma Billa bedanken, ohne deren Unterstützung diese humanitäre Aktion nicht möglich gewesen wäre. Wenige Tage nach den irakischen Ärzten kam ein jemenitischer Internist nach Österreich, um im Krankenhaus St. Pölten in der Abteilung von Prof. Dr. Peter Balcke eine Spezialausbildung in seinem Fach der Nierenheilkunde zu erhalten. Auch dieser Aufenthalt wäre nicht ohne die Unterstützung von Sponsoren möglich gewesen. In diesem Fall möchte ich besonders der Stadtgemeinde St. Pölten danken.
Für die nächste Zeit bereiten wir sowohl im Bereich der Veranstaltungen als auch im Projektbereich eine Menge neuer Aktivitäten vor, doch über diese werde ich im nächsten Bulletin berichten.
Fritz Edlinger
Generalsekretär