1. Projektträger: Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen Medizinische Projektleitung: Dr. Eva-Maria Hobiger
2. Hintergrund: Gegen den Irak besteht seit 1990 ein rigoroses Wirtschaftsembargo, das zu einer Zerstörung der gesamten Gesellschaftsstruktur sowie der Infrastruktur des Landes geführt hat. Besonders schwerwiegend sind die Auswirkungen auf dem Gesundheitssektor, da praktisch alle medizinischen Geräte und Medikamente importiert werden müssen, der Import jedoch Sanktionsbestimmungen unterliegt, die oftmals nicht nachvollziehbar sind. Wie im folgenden dargelegt, stellt unser Projekt mittlerweile ein klassisches Beispiel für den Missbrauch dieser Sanktionsbestimmungen dar.
Im Februar 2001 war ich Mitglied einer Delegation der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen, die einen wissenschaftlichen Kongreß in Bagdad veranstaltete. Während des Aufenthaltes im Irak hatte ich auch die Möglichkeit nach Basra zu reisen, das 560 km südöstlich von Bagdad liegt. Im Mutter-Kind-Spital von Basra konnte ich mich von den dort herrschenden katastrophalen medizinischen Bedingungen überzeugen und die Konfrontation mit den sterbenden Kindern gab den Anstoß zur Gründung dieses Projektes.
3. Zielgruppe und Problemstellung Das Mutter-Kind-Spital von Basra verfügt über 70 Betten, etwa 25 davon sind für onkologische Fälle reserviert. Die Leiterin der onkologischen Abteilung ist Professor Dr. Jenan Ghalib Hassan. Die Leukämieinzidenz ist in der Region um Basra innerhalb der letzten Jahre auf das Fünffache gegenüber 1990 gestiegen. Die Ursache ist derzeit noch ungeklärt, da es keine unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen gibt. Eine von der WHO angekündigte Untersuchungskommission konnte ihre Arbeit noch nicht aufnehmen. Die irakischen Ärzte aber sind davon überzeugt, daß abgereichertes Uran der Grund für den Anstieg von Leukämie und Krebserkrankungen in dieser Region ist. Abgereichertes Uran (=depleted uranium) war ein Bestandteil unzähliger Geschosse, die während des Golfkrieges in dieser Region von den Alliierten eingesetzt wurden.
Zur Zeit hat praktisch keines der Kinder in Basra, das an Leukämie oder Krebs leidet, eine Überlebenschance. 80 % dieser Kinder sterben bereits innerhalb weniger Wochen nach Diagnosestellung, woran folgende Faktoren Schuld tragen:
- Die Versorgung mit Zytostatika (krebszelltötende Medikamente) und begleitender Therapie ist mehr als mangelhaft und zeitweise überhaupt nicht gegeben.
- Die Möglichkeiten, Komplikationen einer chemotherapeutischen Behandlung in den Griff zu bekommen, sind nicht vorhanden. Es besteht keine Möglichkeit, Blutplättchen zu ersetzen (weder Zellseparatoren noch Spezialzentrifugen zur Blutseparation sind vorhanden), weiters mangelt es an hochwertigen Antibiotika. Der Großteil der kleinen Patienten stirbt an Gehirnblutungen oder Infektionen (Komplikationen, die bei entsprechender Ausstattung leicht zu verhindern wären).
- Das Blutspendesystem ist bereits vor Jahren zusammengebrochen. Die Blutbank von Basra befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Die Plastiksäcke für die Bluttransfusionen sind aufgrund der mangelhaften Importmöglichkeiten rationiert: Für eine Region von etwa 2 Millionen Menschen gibt es nur 45 Plastiksäcke täglich! Zum Vergleich: in Wien benötigt man täglich durchschnittlich 700! Die Möglichkeit der Verabreichung von Bluttransfusionen sowie Blutplättchenkonzentraten ist eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Krebsbehandlung.
- Infolge der nun zwölf Jahre andauernden &endash; auch wissenschaftlichen - Isolierung des Irak besteht ein großes Defizit an medizinischem Fachwissen bei Ärzten und Pflegepersonal.
- Es gibt unzählige Infektionsquellen: schlechte hygienische und sanitäre Bedingungen, schlechte Trinkwasserqualität, schlechte Abwasserentsorgung, Mangel an Bettwäsche und Reinigungsmittel, Mangel an Personal.
4. Projektziel: Unser Ziel ist es, den Kindern eine Überlebenschance zu geben, oder medizinisch ausgedrückt: die Überlebensrate der krebskranken Kinder zu verbessern. In Österreich können z.B. Kinder mit einer akuten lymphoblastischen Leukämie (die häufigste Leukämieform in Basra) in fast 90 % der Fälle geheilt werden. Nach einer genauen Evaluierung vor Ort im Juli 2001 haben wir folgende Punkte für die erste Projektphase festgelegt:
4.1. Blutbank in Basra:
- Renovierung des Labors
- Bereitstellung von Spezialzentrifugen zur Blutseparation (v.a. zur Gewinnung von Blutplättchen) (ein Zellseparator ist für die herrschenden Bedingungen, v.a. aufgrund der mangelnden Wartungsmöglichkeiten ungeeignet)
- Bereitstellung eines Spezialkühlschrankes für Blutkonserven sowie eines Plasmagefrierschrankes
- Bereitstellung von Labormöbel und anderen Einrichtungsgegenständen
- Bereitstellung von Plastiksäcken für Bluttransfusionen
4.2. Mutter-Kind-Spital in Basra
- Bereitstellung von Spitalsbetten und neuen Matratzen
- Bereitstellung von Bettwäsche
- Bereitstellung von Infusomaten zur Verabreichung der Chemotherapie sowie andere medizinische Geräte
- Bereitstellung von Zytostatika, Antibiotika, Antimykotika, Antiemetika
4.3. Einschulung des Personals durch österreichische Experten, Einladung von lokalen Experten nach Österreich zur Fortbildung. Mit dieser ersten Projektphase sollen die grundlegenden Voraussetzungen für eine erfolgreiche onkologische Behandlung gelegt werden. In der geplanten zweiten Projektphase möchten wir uns darauf konzentrieren, Medikamente und Plastiksäcke für Bluttransfusionen zur Verfügung zu stellen. Mit all diesen angeführten Maßnahmen müßte es möglich sein, die Überlebensrate der Kinder, die an Leukämie leiden, signifikant anzuheben.
5. Sponsoren: Bis jetzt sind das Österreichische Rote Kreuz, die Vorarlberger Landesregierung, die Erzdiözese Wien, das Wiener Allgemeine Krankenhaus bzw. die Gemeinde Wien, das Klagenfurter Landeskrankenhaus, mehrere Firmen, Schulen sowie zahlreiche Privatpersonen in Österreich und in Deutschland beteiligt. Bezüglich der Transportkosten gibt es eine Zusage des deutschen Ministeriums für Entwicklungszusammenarbeit, weiters eine Zusage der Diakonie Deutschland für eine größere Medikamentenspende.
6. Derzeitiger Stand: Praktisch alle angeführten Einrichtungsgegenstände und medizinischen Geräte sind versandbereit. Wir werden drei große Container benötigen, um die Hilfsgüter, die im Wiener Hafen lagern, mit dem Schiff nach Basra zu bringen. Der Antrag für eine Genehmigung durch die Vereinten Nationen wurde Mitte Jänner über das Bundesministerium für Wirtschaftliche Angelegenheiten eingereicht. Zwei Wochen später wurden wir davon informiert, dass alle Sicherheitsratmitglieder unserem Projekt zugestimmt hatten, nur die amerikanische Vertretung beeinspruchte mehrere medizinische Geräte und forderte mehr technische Details, die wir innerhalb weniger Tage zur Verfügung stellten. Trotz wiederholter Interventionen erhielten wir fast drei Monate lang keine Nachricht, Anfang Mai wurden wir dann informiert, dass alle wichtigen und sinnvollen medizinischen Geräte von der amerikanischen Vertretung in der UNO als militärisch nutzbar" angesehen wurden. Beeinsprucht wurden nun auch Geräte, die zuvor als unbedenklich gegolten hatten. Das sind also die so gefährlichen" Geräte: Zentrifugen zur Blutauftrennung, Separatoren zur Plasmagewinnung, Plasmagefrierschrank, Spezialkühlschrank für Blutkonserven, Infusomaten. Die UNO-Waffeninspektoren, denen unsere technischen Unterlagen ebenfalls vorgelegt wurden, haben die Geräte als unbedenklich beurteilt (!)
Wir haben gegen die Entscheidung der amerikanischen UN-Vertretung Protest eingelegt, denn dass man hier absichtlich und gezielt krebskranken Kindern eine mögliche Hilfe verweigert, kann und darf nicht widerspruchslos hingenommen werden. Unschuldige und kranke Kinder dürfen nicht das Zielobjekt der Politik sein. Mit Hilfe unserer Geräte könnten viele Menschenleben gerettet werden, die Geräte für die Blutbank werden allen Spitälern Basras zur Verfügung stehen. Niemand von uns würde seinem krebskranken Kind eine mögliche Therapie verweigern oder diese auch nur verzögern. Die Kinder in Basra haben das Unglück, in einem sog. Schurkenstaat zur Welt gekommen zu sein, bedeutet das, dass sie deswegen kein Recht auf Leben haben?
Aufgrund der Mithilfe eines Arztes innerhalb des Sanktionenkomitees sind wir zuversichtlich, die Genehmigung innerhalb der nächsten Wochen doch noch zu erhalten. Danach kann die Verschiffung binnen weniger Tage veranlasst werden. Wir planen, die Hilfsgüter persönlich in Umm Qasr (der nächstgelegene Hafen von Basra) in Empfang zu nehmen und die Verteilung zu beaufsichtigen. Die Renovierung der Blutbank in Basra aus unseren Mitteln ist seit Monaten abgeschlossen. Die Cheflaborantin des Wiener Roten Kreuzes hat sich bereit erklärt, die Einschulung an den Spezialzentrifugen vor Ort vorzunehmen.
7. Monitoring, weitere Finanzierung: Nach Installation der Geräte vor Ort planen wir, mindestens zweimal jährlich nach Basra zur reisen, erstens um für den Nachschub an Medikamenten zu sorgen, zweitens um die Effizienz der Gerätenutzung zu evaluieren. Um die Fortführung dieses Projektes zu gewährleisten, ersuchen wir um Spenden auf unser Spendenkonto und danken bereits im voraus. Mit dem Geld, das auf diesem Konto eingeht, sollen die erforderlichen Medikamente gekauft werden.
Bank Austria Creditanstalt Wien
Konto Nr. 0055-52880/03Kinder im Irak"
Die internationale Bankverbindung für dieses Konto lautet:
IBAN: AT04 1100 0005 5528 8003
BIC: BKAUATWW
8. Ausblick: Gerade in unserer Zeit, in der erfolgreich an der Entstehung eines neuen Feindbildes Arabische Länder bzw. Islam" gearbeitet wird, tragen wir in Europa die große Verantwortung, dem entgegenzuwirken. Nicht der Kampf der Kulturen, sondern allein der Dialog zwischen den Kulturen kann dieser Menschheit noch eine Überlebenschance geben. So sehe ich unser Projekt auch als einen Beitrag zur Versöhnung zwischen den Kulturen und Religionen, als einen Beitrag zum Frieden und zu mehr Gerechtigkeit innerhalb der Menschheitsfamilie.
Dr. Eva-Maria Hobiger, Fachärztin für Radioonkologie
Wien, im August 2002