Im September 2002 haben wir anlässlich einer Delegationsreise in den Irak den chaldäischen Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, kennengelernt. Die Begegnung mit ihm hat uns sehr beeindruckt. Trotz enormer äußerer Schwierigkeiten hilft er in Basra jedem, der sich an ihn um Hilfe wendet und ist bei allen in der Stadt dafür bekannt. Er fragt nicht danach, ob der Hilfesuchende Moslem oder Christ ist und er sorgt ebenso selbstverständlich auch für die einzige Jüdin, die noch in Basra lebt.
Bundespräsident Dr. Thomas Klestil mit Erzbischof Gabriel Kassab
(Foto: HBF/Roland Kaimbacher)Drei Kindergärten hat er eingerichtet, wo die Kinder neben einem täglichen Frühstück eine Erziehung im Sinne des friedlichen Miteinander erhalten. 80 Prozent dieser Kinder sind Muslime. Er sorgt mit seinen Mitarbeitern für ein Altenheim, in dem 55 alte Menschen wohnen, die alle ausnahmslos Muslime sind. Da der Kirche die Führung eines Waisenhauses nicht erlaubt ist, hat er 137 Waisenkinder in Familien vermittelt und zahlt diesen Familien monatlich 10 Dollar für den Unterhalt des Kindes. Er hat einen Computerkurs für Jugendliche organisiert, um ihnen eine Berufschance zu ermöglichen und eine Armenapotheke eingerichtet, wo Medikamente gratis an Mittellose abgegeben werden: 6000 Rezepte sind es pro Jahr, die in dieser Apotheke eingelöst werden. Er vergibt Unterkünfte an Obdachlose und kümmert sich um Straßenkinder. Gabriel Kassab ist seit 1996 der Erzbischof des Südirak und alle diese Initiativen gehen von ihm aus. So ganz nebenbei hat er auch noch die Kathedrale in Basra renoviert, deren Dach eingestürzt war. Die Finanzierung seiner Projekte erfolgte durch amerikanische, deutsche und italienische Hilfsorganisationen.
Im September 2002 hat er uns einen Brief an Kardinal Dr. Christoph Schönborn mitgegeben und daraus resultierte eine Einladung durch den Kardinal nach Wien. Den Aufenthalt von Gabriel Kassab in Europa organisierte Pro Oriente gemeinsam mit der GÖAB. Am 25. Januar 2003 traf Erzbischof Kassab in Wien ein, auf seinem Programm standen folgende Punkte: Ein Gottesdienst mit der chaldäischen Gemeinde in Wien, ein Abendessen mit Kardinal Dr. Christoph Schönborn, ein Treffen mit Vertretern von Hilfsorganisationen in der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission, ein ökumenischer Empfang im Erzbischöflichen Palais, ein Treffen mit dem Geschäftsträger des Irak, Khalid Al-Shamari, mehrere Interviews mit TV-, Radio- und Zeitungsjournalisten und als Höhepunkt ein Vortrag im Schottenstift über die Auswirkungen des Embargos im Irak und die Situation der Christen in diesem Land.
Kardinal Dr. Christoph Schönborn
mit Erzbischof Gabriel KassabKardinal DDr. Franz König
mit Erzbischof Gabriel Kassab
(Foto: Dr. Brigitte Ngo Van-Wagner)
(Foto: Franz Josef Rupprecht)Am 28. Januar 2003 reiste Gabriel Kassab nach Genf weiter, wo ein Treffen mit dem Weltkirchenrat auf dem Programm stand, danach flog er über Wien nach Aachen, um sich mit Vertretern der Organisationen Misereror, Missio und Kirche in Not zu treffen. Ein kurzer Besuch führte ihn noch nach Belgien, bevor er am 3. Februar wieder in Wien eintraf. Hier folgten noch Treffen mit Bundespräsident Dr. Thomas Klestil und Kardinal DDr. Franz König. Am 5. Februar trat Erzbischof Kassab die Heimreise via Damaskus und Bagdad an.
Gabriel Kassab ist ein unermüdlicher Mahner gegen den Krieg und ebenso unermüdlich setzt er sich für die Aufhebung der Sanktionen ein. "Seit 12 Jahren wird unsere Bevölkerung bestraft, obwohl sie kein Verbrechen begangen hat. Sanktionen töten die Menschen langsam." Man kann kein Unrecht mit einem noch größeren Unrecht bekämpfen, so lautet seine Devise. Er ist dankbar, dass ihm die Möglichkeit gegeben wurde, in dieser für das irakische Volk so schwierigen Zeit, Europa auf die Probleme seines Volkes aufmerksam machen zu können. Sein Appell an die internationale Gemeinschaft lautet, alles nur Mögliche zu tun, um einen Krieg gegen den Irak zu verhindern, denn dieser würde verheerende Auswirkungen haben. Obwohl seine gesamte Familie seit 30 Jahren in den USA lebt, hat Kassab nie daran gedacht, seine Heimat zu verlassen: "Mein Platz ist bei meinem Volk und ich werde der Letzte sein, der Basra verlässt!"
Der Bischof hat, ungeachtet der Kriegsgefahr, viele Pläne. Er träumt von einem Kindergarten in Amara, eine der ärmsten Regionen des Irak, 185 km von Basra entfernt. Den Plan des Architekten hat er im Reisegepäck samt Kostenvoranschlag: 30.000 Dollar werden dafür benötigt. Es besteht kein Zweifel, Bischof Kassab wird auch dieses Projekt realisieren. Seitens der GÖAB ist geplant, Amara während der nächsten Irakreise zu besuchen, um die Möglichkeit zur Errichtung eines Gesundheitszentrums für Kinder zu erkunden.
Dr. Eva-Maria Hobiger
Erzbischof Kassab mit der
medizinischen GÖAB-Projektkoordinatorin Dr. Eva-Maria Hobiger
(Foto: Franz Josef Rupprecht)