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Gegen Unrecht und Gewalt: Die "Wunderlampe" leuchtet

Bericht über die GÖAB-Reise in den Irak vom 2. bis 25. Jänner 2003

  


 


"Einen Menschen in einem einsamen Wald umzubringen, ist vor dem Gesetz ein unverzeihliches Verbrechen, ein ganzes Volk umzubringen, ist, so scheint es, eine Sache der Perspektive." 

Diesen Satz fand ich im Jahresbericht der Caritas Irak und er fasst die Eindrücke zusammen, die ich in mehr als drei Wochen im Irak erneut gewinnen konnte. Das Embargo, das anfänglich gerechtfertigt schien, hat mittlerweile ein ganzes Volk zerstört, seine Gesellschaft zersetzt, »die Seelen der Menschen zerstört« wie es der Erzbischof von Basra ausdrückt. In den letzten Jahren haben 4,5 Millionen IrakerInnen das Land verlassen, das entspricht fast einem Fünftel der Bevölkerung! Unter ihnen waren überproportional viele AkademikerInnen, WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen - die geistige Elite des Landes. Zurück blieb ein Volk in Armut - ein Volk, das in panischer Angst vor dem drohenden Krieg lebt und diese Angst nur hinter vorgehaltener Hand äußern kann. In Form eines Psychokrieges habe der Krieg längst begonnen, meinen die einen, der Krieg habe seit 1991 nie aufgehört, meinen die anderen. Das gilt ganz besonders für Basra, die Millionenstadt im Südirak, wo der Schwerpunkt unseres Projektes liegt. Täglich habe ich den Fliegeralarm in Basra erlebt, zwei-, dreimal am Tag und manchmal sogar nachts. Und auch wenn sich die Menschen nach zwölf Jahren an dieses Geräusch gewöhnt haben, so befällt sie trotzdem jedesmal Angst: Erst Ende Dezember war wieder mitten in der Stadt ein ziviles Ziel getroffen worden und hatte sieben Tote und 27 Verletzte gefordert.

Große Zweifel, aber auch Erfolge

Das Jahr 2003 begann für uns mit vielen Fragen und großem Zweifel. Am 2. Januar 2003 flogen Dr. Andrea Taucher, Gynäkologin aus Graz und ich nach Damaskus, von wo wir auf dem Landweg nach Bagdad weiterreisten. Fritz Edlinger folgte einen Tag später über Amman. Unser Reisebeginn war von vielen Ungewissheiten überschattet: Wie wird die politische Entwicklung in diesen Wochen sein, wird es zum Krieg kommen? Womöglich noch während unseres Aufenthaltes? Werden unsere beiden Container, die sich schon seit Ende November auf der Reise über Hamburg nach Aqaba befanden, in Basra eintreffen - und wann? Und unsere Geräte, die am 25.12.2002 von Wien nach Amman geflogen wurden und dann weiter nach Bagdad transportiert werden sollten - werden sie dort auch ankommen, werden sie unbeschädigt sein? Endlich, nach so langer Vorbereitungs- und Wartezeit wollten wir die erste Projektphase abschließen und kamen damit in die Endphase der Entscheidung über einen neuerlichen Krieg.

Kaum in Bagdad angekommen, erfuhren wir, dass sich die Geräte (Spezialzentrifugen zur Blutauftrennung, Plasmagefrierschrank, Kühlschrank für die Lagerung von Blutkonserven, Separatoren) im Zentrallager des Gesundheitsministeriums befanden und nach einem Treffen mit dem Gesundheitsminister konnten sie bereits am nächsten Tag auf die Reise nach Basra geschickt werden. Eine der beiden Zentrifugen wurde vereinbarungsgemäß in die Blutbank Bagdad gebracht und trotz des Feiertages waren der Direktor und die gesamte Mannschaft versammelt, als wir dort gemeinsam mit zwei Ingenieuren die Zentrifuge auspackten und in Betrieb nahmen. Im Improvisieren sind die Iraker Meister geworden: Schraube und Hammer ersetzen die Bohrmaschine, das Abwasser der Zentrifugenkühlung wird mit einem Schlauch zum Fenster hinausgeleitet. Nach sechs Stunden Arbeit war es soweit: Das Gerät funktionierte, was auf allen Seiten eine große Erleichterung hervorrief. Nach einer kurzen Einschulung erklärte sich die Mannschaft imstande, mit dem Gerät arbeiten zu können.

Weiterflug nach Basra - und auch hier erwarteten uns bereits die Geräte in der Blutbank. Unsere beiden Ingenieure arbeiteten einen ganzen Tag ohne Pause durch, um die technischen Voraussetzungen zu schaffen und am Abend teilte mir Bashar, einer der beiden mit, dass das Gerät einsatzfähig sei. Innerhalb der nächsten Tage wurden auch die anderen Geräte in der Blutbank in Betrieb genommen, jedes Mal war es ein spannender Augenblick, bevor ein Gerät eingeschaltet wurde: Hatte es den weiten Weg von Wien nach Basra unbeschadet überstanden? Zu unserer enormen Erleichterung funktionierten alle! Um mit der Zentrifuge routinemäßig arbeiten zu können, mussten noch einige Probleme gelöst werden: die Blutbeutel wurden hier viel zu stark gefüllt, sie passten nur schwer in die Vorrichtungen in der Zentrifuge. Eine Schulung des Personals war erforderlich, ich konnte das in den wenigen Tagen nur notdürftig erledigen, da ich keine Expertin auf diesem Gebiet bin, und die Laborantin des Österreichischen Roten Kreuzes - entgegen unserer ursprünglichen Planung - aufgrund der akuten Kriegsgefahr leider nicht mitkommen konnte. Spontan fiel der Entschluss, den Direktor auf ein Training nach Wien einzuladen. Der Wasserdruck war viel zu gering, einige Wartungsarbeiten an der Leitung wurden vorgenommen und notdürftig funktionierte es dann auch. Hier muss aber noch eine endgültige Lösung gefunden werden, da der Wassercontainer am Dach der Blutbank viel zu klein ist und die Temperatur im Sommer wird viel zu hoch sein wird, um die Zentrifuge dauerhaft zu betreiben. Also werden wir auch den Einbau eines Kühlsystems und einer Wasserpumpe vornehmen lassen. Es gilt, noch mehr Kompromisse während dieser Tage zu schließen, aber das ist aufgrund der zerstörten Infrastruktur im Irak nicht anders denkbar.

 

Kinderkrebsstation: Ein Kampf gegen Verzweiflung und Ohnmacht

Die Kinderkrebsstation besuchte ich in diesen Tagen mehrmals und jedes Mal verließ ich sie mit Wut und dem Gefühl der Ohnmacht. In nur zehn Tagen wurden acht neue Krebsfälle diagnostiziert, etwa 40 Kleinkinder habe ich in den wenigen Tagen gesehen, bei denen die Armutserkrankung Kala Azar (»schwarze Krankheit«) festgestellt wurde. Zwei Säuglinge, die daran erkrankt waren, starben in diesen Tagen. Einer davon war der kleine Mohammed, der riesig aufgetriebene Bauch des sechs Monate alten Kindes behinderte die Atmung. Auch die Sauerstoffflasche nützte nicht viel, das Kind schnappte nach Luft. Am nächsten Tag war sein Bett leer. Ein drei Monate alter Säugling, ebenfalls an Kala Azar erkrankt, wog 1,5 kg. Frau Prof. Jenan, unsere Projektpartnerin, meinte, die Situation wäre schlechter als je zuvor: Nur mehr zehn Prozent der notwendigen Medikamente wären derzeit vorhanden. Die Ärzte stellen eine Diagnose und schicken die Kinder nach Hause. Auch die siebenjährige Nur (»Licht«), die an einer heilbaren Form des Lymphdrüsenkrebses leidet, wurde wieder nach Hause geschickt. Riesige Lymphknoten am Hals des Kindes verhindern, dass es den Kopf drehen kann, mit blutunterlaufenen Augen starrte uns das Kind an und seine Mutter flehte um Medikamente. Nichts, was Nur hätte retten können, war vorhanden, jetzt ist die Krankheit schon zu weit fortgeschritten, als dass noch Hoffnung bestünde. Frau Prof. Dr. Jenan war erst vor drei Wochen aus Wien zurückgekehrt, wo sie aufgrund unserer Einladung ein siebenwöchiges Training im St. Anna Kinderspital absolvierte. Während dieses Aufenthaltes meinte sie einmal: »Hier in Europa können leukämiekranke Kinder in fast 90 Prozent der Fälle geheilt werden und es gibt nichts, was es nicht geben würde in Euren Spitälern. Unsere kranken Kinder sind zum Tod verurteilt. Warum? Sind unsere Kinder Tiere?« 

80 Prozent der Bevölkerung in Basra sind zu arm, um sich ein Medikament, das ihnen vom Arzt verschrieben wurde, kaufen zu können. Das Trinkwasser ist verseucht, das Abwasser steht in den Straßen. Hier, in der ehemals reichsten Region des Irak, gibt es Stadtteile, die seit dem Golfkrieg keinen elektrischen Strom haben und in den anderen wird er täglich für zwölf Stunden abgeschaltet. Kinder, Frauen und alte Männer betteln in den Straßen, ein Viertel der Kinder kann die Schule nicht mehr besuchen, sie arbeiten auf dem Markt, verkaufen Plastiksäcke und transportieren Waren mit kleinen Holzwägen. Es gibt unzählige Obdachlose, manche von ihnen leben in Häuserruinen und nicht selten ist über solchen Menschen das Dach eingestürzt und hat sie darunter begraben. »Unser Denken kreist nur mehr darum, was wir morgen essen werden, was wir nächste Woche essen werden«, sagte mir eine Frau. Angst, Depression, Resignation, Hoffnungslosigkeit, Lähmung der Gefühle - das sind die Reaktionen, die uns mit jedem Iraker und jeder Irakerin tagtäglich begegnen und es ist nicht leicht, sich täglich neu damit auseinanderzusetzen.

Erfolgreicher Projektfortschritt trotz Widerständen

In der letzten Woche meines Aufenthaltes erfuhr ich, dass nun auch die Container eingetroffen waren. Die Möbel wurden zur Blutbank gebracht, die Betten und Matratzen ins Spital. Allein die Freude des Direktors der Blutbank über sein neues Labor entschädigte für viele Schwierigkeiten bei der Realisierung dieses Projektes. Seit sieben Jahren ist Dr. Ala Haddad auf diesem Posten und seit er diese Stelle angetreten hat, träumte er von einer solchen Zentrifuge, nun war sein Traum in Erfüllung gegangen. Das Labor mit seiner kompletten Einrichtung wird nun nicht nur dem benachbarten Mutter-Kind-Spital zugute kommen, sondern allen Spitälern in der Stadt Basra und im ganzen dazugehörigen Verwaltungsbezirk. Im Krankenhaus wurden zehn Krankenzimmer frisch ausgemalt, in diese Räume kamen unsere Spitalsbetten und in wenigen Tagen sollten die krebs- und leukämiekranken Kinder hierher verlegt werden. Die von uns mitgebrachten Infusionspumpen warteten bereits auf ihren Einsatz auf der Station. Es wird noch ein weiter Weg zurückzulegen sein, um aus dieser Abteilung eine wirklich gut funktionierende onkologische Einheit zu machen &endash; aber der Beginn wurde gemacht. Hilfe wurde möglich, Hilfe ist möglich - gegen alle bürokratischen Schwierigkeiten - bei der UNO, in Österreich oder im Irak, gegen Schwierigkeiten, die zugegebenerweise eine enorme Herausforderung an uns dargestellt haben.

Elias Bierdel, der Vorsitzende des Komitees Cap Anamur, einer bedeutenden Hilfsorganisation in Deutschland, traf als Mitglied unserer Delegation am 10. Januar in Basra ein. Er wollte sich ein Bild von der Lage machen und die Möglichkeiten für zukünftige Hilfsprojekte erkunden. Zwei Tage später kam der ORF-Redakteur Christian Rathner mit seinem Kamerateam, das er in Bagdad engagiert hatte. Er drehte eine Dokumentation über Erzbischof Kassab und die Christen im Irak sowie einen Bericht über unser Projekt.

Als ich schließlich als letzte Delegationsteilnehmerin nach Österreich zurückkehrte, konnte ich es selbst kaum glauben: Fast zwei Jahre waren vergangen, seit die Idee zu unserem Projekt »Aladins Wunderlampe« entstanden ist. Ein Jahr lang währte der Kampf gegen eine unmenschliche Entscheidung des UN-Sanktionenkomitees. Zahllose Widerstände gab es zu überwinden, aber endlich konnten wir die erste Phase unseres Projektes erfolgreich abschließen.

Ein neuer Krieg gegen die irakische Zivilbevölkerung muss verhindert werden!

Nun aber steht über all dem die Frage, ob der angedrohte Krieg Realität wird. Wird er alles wieder zerstören, was mühsam aufgebaut wurde? War es richtig, unsere Hilfsgüter gerade jetzt in den Irak zu bringen? Ja! Trotz alledem &endash; es war richtig und bedeutsam, unser Projekt zum jetzigen Zeitpunkt zu realisieren. Mehr noch als ursprünglich geplant, ist dieses Projekt zu einem Friedenssymbol geworden, das sich bewusst gegen Krieg und jegliche Gewalt stellt, es ist ein Zeichen der Versöhnung zwischen den Kulturen. Eine völlig verfehlte Politik des Westens hat Jahre hindurch die Schwächsten der irakischen Gesellschaft, nämlich die Kinder, die Kranken, die Alten und die Armen getroffen. Ein neuer Krieg wird vielleicht das irakische Regime stürzen, zugleich aber ein Volk, das keine Kraft mehr hat, erneut treffen und eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes über dieses Volk heraufbeschwören, das nach zwei Kriegen und mehr als zwölf Jahren Embargo ausgeblutet ist. Dieser Krieg wird viele Tausende von Toten zur Folge haben, nicht nur als unmittelbare Kriegsfolge, sondern anhaltend über die nächsten Jahre, denn dieser Krieg wird Menschen treffen, die durch Mangelernährung, Krankheiten und unvorstellbare Stresssituationen geschwächt sind. Das Lebensmittelverteilungssystem wird zusammenbrechen, eine landesweite Hungersnot wird die Folge sein. Die ohnehin prekäre medizinische Versorgung wird kollabieren, Seuchen werden ihre Opfer fordern. Alle diese Folgen sind jetzt bereits klar und deutlich vorhersehbar.

Obwohl über das wirkliche Ausmaß der Not des irakischen Volkes nur wenig Informationen in die westlichen Massenmedien gelangt sind, hat sich eine weltweite Front der Ablehnung gegen einen Krieg gebildet und wir alle hoffen, dass Vernunft und Humanität siegen werden. Unser Projekt wird fortgeführt werden, unabhängig von allen politischen Entwicklungen. Die irakische Zivilbevölkerung, allen voran die kranken irakischen Kinder, brauchen unsere Hilfe. »Aladins Wunderlampe«, unser Zeichen der Solidarität mit all jenen, mit denen es das Schicksal weniger gut meinte, als mit uns, die wir in einem der reichsten Länder dieser Erde leben dürfen, soll weiterhin leuchten.

 

Dr. Eva-Maria Hobiger, Fachärztin für Radioonkologie
Medizinische Koordinatorin der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen
Wien, im Februar 2003

 

ALADINS WUNDERLAMPE -

Hilfe für krebskranke Kinder in Basra

Mit diesem Projekt möchten wir den krebskranken Kindern in Basra eine Chance auf Überleben geben und ihren Eltern Hoffnung auf die Zukunft. Das ist in erster Linie eine Frage der Bereitstellung der erforderlichen Medikamente. Vincristin ist das wichtigste Medikament in der Behandlung von kindlicher Leukämie oder Lymphdrüsenkrebs. Ein Medikament, das nicht gerade billig ist. Die gesamte Behandlung eines Kindes (Dauer: ein Jahr) mit diesem Medikament kostet etwa Euro 500,- Im Irak ist es nicht verfügbar. Um den krebskranken Kindern in Basra eine Chance zu geben, ist dieses Medikament jedoch unabdingbar. Neben Vincristin fehlen noch weitere Medikamente: Cytarabine, Asparaginase etc. etc. In Westeuropa, so auch in Österreich, können 90 Prozent der an Leukämie erkrankten Kinder geheilt werden. In Basra aber sterben alle.

Neben den Medikamenten zur Leukämiebehandlung, möchten wir auch Pentostam zur Behandlung der Tropen- und Armutserkrankung Kala Azar bereitstellen. Mit nur 14 Dollar (entspricht etwa 15 Euro) können Sie einem Kind, das lebensgefährlich erkrankt ist, die Gesundheit wiedergeben, mit 14 Dollar können Sie das Leben eines irakischen Kindes bewahren.

Für Medikamentenlieferungen in den Irak gibt es seit Ende August 2002 eine Sondervereinbarung zwischen den Vereinten Nationen und der Europäischen Union, das bedeutet, das wir diesbezüglich keine Schwierigkeiten mehr haben werden und wir die durch Spenden finanzierten Medikamente problemlos in den Irak bringen können.

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, Leben und Hoffnung zu schenken::

Bank Austria Creditanstalt (BLZ 12000)
Konto-Nr. 0055-52880/03
„Kinder im Irak"

Die internationale Bankverbindung für dieses Konto lautet:
IBAN: AT04 1100 0005 5528 8003
BIC: BKAUATWW

 

  

Zum Projektbericht von Dr. Eva Maria Hobiger

Zum Bericht: Erzbischof Gabriel Kassab besucht Österreich

Zum Artikel: Die Wunderlampe leuchtet schwach

To the Englisch summary: Aladins miracle lamp
 

 


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